Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. JJr. 39 SerUn, 28. September 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrr: Gustav KarpeleS. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Phitippfon-Bonn Verlags-Erpedition: Berlin, Zernsalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen trir Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der ,Aügem. Zeitung des Judenthums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mossc, Berlin. Leitartikel: Rückschau. — Die Woche. — Neichsverbaud mld Lehrerbund. Von Dr. Louis Neustadt. — Justitia fundamendum regnorum. Von Rechtsanwalt Plotke. — Die Volkskunde der Jude». Von Georg Minden. — Ungedruckte Briefe von Ludwig Philippson. — Pädagogische Plaudereien. 4. Die Religion. Von Dr. B. Kuttner. — Gabriel Rießer als Redner und Politiker. Von Moritz Brasch. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann lForts.). — Zum neuen Jahre. Von Gustav Jacobsohn. — Sprechsaal. — Miseetten. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Lötzen. Bromberg. Wrescken. Aus der Provinz Posen, Parchim, Genthin. Seesen a. H.. Aus Westfalen. Iserlohn, Crefeld. Kronach, Kissingen. Wien. Budapest. Witebsk, New-Vork. - Kon Rah und Fern. danken der Reform im Judenthum neue Anregung gegeben. Das Gebetbuch des westfälischen Gemeindeverbandes darf in dieser Beziehung als ein schöner Erfolg angesehen werden. Ein größerer Erfolg noch ist das neue Gebetbuch, welches die amerikanische Rabbinerkonferenz beschlossen und welches schon an diesem Neujahrstage über 120 amerikanische Gemeinden in gemeinsamer Andacht verbinden wird. Rückschau. g, Berlin, 27. September. Tjoht üer Scheidestunde eines alten und an der Schwelle eines neuen Jahres ziemt es sich wohl, einen Rückblick zu werfen in s'-"SL die Vergangenheit, an welchen sich doch bei jedem denkenden Menschen ein Ausblick in die Zukunft nothwenoig schließe» muß. Hätten unsere Feste keine andere als diese Bedeutung, daß sie mitten in der Hast und dem. Gewirre des Alltagstreibens einen sicheren Ruhepunkt bilden und so den Menschen zwingen, auf sein vergangenes Leben zu blicken, so wäre schon dadurch ihre ethische und erziehliche Mission für immer gesichert. Der Rückblick auf das abgelaufene religiöse Jahr bietet trotz aller Trübungen und Verwirrungen im Innern wie nach Außen doch auch manchen Lichtblick. Wir sehen überall das Bestreben, sich zu sammeln nnd zu organisiren, um den schlimmsten Feind, den Jndifferentisnius, wirksam bekämpfen zu können. Die Gründung des Verbandes jüdischer Litteräturvereine in Deutschland, des Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer in Deutschland, des Rabbinerverbandes in Böhmen und eines ähnlichen in England, der ungarischisraelitischen Litteraturgesellschaft in Ungarn sind sichere Zeichen dafür, daß die Zeit der Furcht und Feigheit, der Nichtachtung und des Jndifferentismus vorüber ist. Frohe Hoffnungen für die Zukunft gewährt auch die Idee der badischen Landessynode und eines allgemeinen deutsch-israelitischen Lehrerbundes. Für die Erhaltung des Thora-Studiums bieten die Errichtung einer neuen jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien, eines Proseminars in Brünn und eines ähnlichen Instituts in Sofia, solvie vieler Litteräturvereine in Deutschland erfreuliche Aussichten. Die Feier des Gedenktages von Leopold Zunz hat bewiesen, daß die Achtung vor der jüdischen Wissenschaft in erfreulicher Steigerung begriffen ist. Das Jubiläum des Benai-Berith Ordens hat wiederum einmal gezeigt, daß die Kinder Israels überall, wohin sie das Schicksal geführt, die Humanität als das oberste Lebensgesetz betrachten. Das fünfzigjährige Jubiläum der ersten Rabbiner-Versammlung und das sünfundzwanzigste der ersten Synode haben auch dem Ge¬ Bei den heftigen Angriffen, mit denen eine feindliche Bewegung die Juden verfolgte, blieb natürlich auch das Judenthum nicht verschont, trotz der unzählige Mal in heuchlerischer Weise wiederholten Versicherung, daß der Kampf nicht diesem, sondern nur jenen gelte. Einen Beweis für die Unwahrheit dieser Behauptung lieferte die Thatiache, daß selbst das preußische Kultusministerium eine Enquete über die beim jüdischen Religionsunterricht gebräuchlichen Lehrbücher zu veranstalten sich genöthigt sah. Ist das Judenthum aus dieser Prüfung auch siegreich hervorgegangen, so ruhte doch der Haß der Gegner nicht, der hierauf eine Prüfung der natürlich gar nicht existirenden jüdischen Geheinigesetze von den Regierungsbehörden verlangte und zugleich eine lebhafte Agitation gegen das rituelle Schächten einleitete. Durch die Gutachten der hervorragendsten Sachverständigen wurden die Humanitären nnd hygienische» Vortheile dieser Methode von Neuem dargelegt. Daneben gingen die Angriffe gegen den Schulchan-Arnch, obwohl dieser nie und nirgends als ei» Religionskodex der gesammteii Judenheit angesehen wurde, iinausgesetzt weiter, und auch die Hydra der alten und schauerlichen Riiunlmordlüge reckte von Neuen: ihr Haupt empor. In den Prozeffen wegen des Blutmärchens in Ostrowo in Polen und in Rahowo in Bulgarien wurden die Erfinder dieser Blutlüge bestraft. Nichtsdestoweniger kehrt diese, von böswilligen Agitatoren verbreitet, in verschiedenen Ländern immer und immer wieder. Der gläubige Sinn wird in all diesen Ereigniffen gewiß »ur Prüfungen sehen, in welchen unser Gottvertrauen und unser religiöses Bewußtsein sich bewähren muß. Gleich Abraham, dessen Prüfungsgeschichte wir am Neujahrstage lesen, muß auch heute noch jeder überzeugungstreue Jude, in allen Prüfungen und Versuchungen der Gegenwart, auf den Ruf des Herrn in der Geschichte freudig und entschieden antworten: „Hier bin ich!" und muß, Abraham gleich, entsagen und sein Bestes opfern, wäre er auch niit tausend Fäden der Liebe daran befestigt. Ernste Ermahnungen, heilige Erinnerungen liegen in den seltsamen Tönen des Schofars, der an die Großthat Abrahams in uralter Zeit wieder anknüpft. Die gebrochenen, schrillen, langgezogenen, traurigen und dann doch wieder kräftigen und jubelnden Töne des Schofars künden uns an. daß ein Jahr I dahingegangen, daß wir einen großen Lebensabschnitt wieder zurück-