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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Gemeinde und seine vielen Freunde betroffen hat, Ausdruck. Das Andenken des vortrefflichen Mannes sei gesegnet. A. M Hamburg, 10. September. Am 5 September 1844 wurde der hiesige neue israelitische Tempel seiner Bestimmung Übergebern So beging denn der Tempelverband am jüngsten Sonnabend die halbe Jahrhundertsfeier seines Gotteshauses in der Poolstraße ohne Prunk, aber in würdigster Weise. Nach der Morgenandacht und der Vorlesung aus der heiligen Schrift trug der Tempelchor unter Leitung des Musikdirektors Mehrkens den Chorgesang vor: „Laut durch die Welt ertönt des Ewigen großer Name." Hierauf bestieg Herr Prediger Dr. Leimdörfer die Kanzel, um unter Zugrundelegung des Textes Jesaias 52, 7 die Bedeutung des Hamburger Tempels für die Entwickelung des jüdischen Gottesdienstes in diesem Jahrhundert zu schildern. Redner ging aus von der vor 50 Jahren zur Einweihung gehaltenen Rede seines seligen Vorgängers Dr. Gotthold Salomon, gedachte der vielfach bekämpften Bestrebungen der Gründer und Leiter, welche die mosaische Lehre mit der Wissenschaft und den Anforderungen der Zeit in Einklang bringen wollten, erinnerte ferner an die umsichtigen Verwalter, zu denen einst auch der Oberlandesgerichts-Präsident Gabriel Ri eher s. A. zählte, der Deutschland, insbesondere Hamburg, zu Ruhm und Ehre gereichte und der in den Parlamenten die Gleichberechtigung seiner Konfession siegreich durchgeführt hat. Alle im Tempel gehaltenen Vorträge bezweckten neben der Begeisterung für die Lehre Mosis und der Propheten Duldsamkeit, Humanität, Recht und Liebe gegen alle Mitmenschen, Gemeinstnn und Vaterlandsliebe, und Niemand ahnte wohl, daß manche Wohlthätigkeits-Anstalten, die Hamburg zur Zier gereichen, auf der Hamburger Tempelkanzel geistig begründet seien. Geschichtlich von hoher Bedeutung war der Hinweis darauf, daß der alte Tempel (in der Brunnenstraße), der 1818 eröffnet wurde, der erste gewesen ist, in welchem in Deutschland ein geregelter Gottesdienst, mit veredeltem Gesänge und hochdeutscher Predigt stattfand. Mit einem Dankgebet gegen Gott, dem pietätvollen Gedenken der Heimgegangenen^ Mitglieder, sowie einem warmen Appell an die lebenden Geschlechter, eifrig fortzuarbeiten an den ausgesprochenen, prophetischen Hochzielen, schloß der hervorragende Kanzelredner seine alle Hörer hinreißende Festrede, die nach Form und Inhalt als ein rhetorisches Meisterstück allseitig anerkannt wurde. Es folgte das Halleluja (Pf. 150) von Sulzer und das Mussafgebet, das vom Kantor Herrn Henle mit den Melodien der hohen Feiertage in vortrefflicher Weise zum Vortrag gelangte 55 Leer, 16. September. Das antisemitische „Volk", das Organ Stöckers, enthält in seiner Nummer vom 4. d. Mts. wörtlich Folgendes: „Aus Leer schreibt man uns: Ueber den Nachlaß des Juden Po h l mann, der sich erst zu vergiften versuchte und sich dann ertränkte, weil er wegen Betruges verhaftet werden sollte, ist der Konkurs eröffnet worden. Die Unterbilanz beträgt 800,000 Mark, großentheils durch die verschwenderische Lebensweise Pohlmann's hervorgerufen. Viele kleine Leute sind um ihren Sparpfennig gebracht." Von gut unterrichteter Seite wird uns in Bezug auf diese Schilderung mitgetheilt, daß davon nur der von Pohlmann freiwillig gesuchte Tod Wahrheit ist; übertrieben sind alle sonstigen Darlegungen mit Ausnahme der einen Behauptung, daß Pohlmann Jude gewesen. Diese Meldung ist erfunden und, falls sie aus Leer stammt, von dort als wissentliche Lüge in die Welt gesandt. Der verstorbene Pohlmann stammt, wie seine Gattin, aus alten unzweifelhaft christlichen, ostfriesischen Familien, deren Namen im Lande guten Klang haben. Einer der Schwiegersöhne Pohlmanns ist königlicher Landrath. Oesterreich Ungarn. □ Wien, 18. September. Ueber die Kaisertage in Lemberg und über den äußerst huldvollen Empfang, den der Kaiser der israelitischen Deputation, sowie dem zur Hostafel zugezogenen Rabbiner Dr. Caro zu Theil werden ließ, hat Ihr Lemberger Korrespondent gewiß eingehend berichtet — und ich habe Ihnen einzig und allein von den Ereignissen in der Kaiserstadt zu berichten — deren sind aber in der abgelaufenen Woche nicht viele gewesen — es sei denn, daß man es als — komisches Ereigniß betrachtet, wenn der famose Pfarrer Deckert als Sozialist auf der Kanzel erscheint, und die Annahme, daß die jüngste Enunziation der Kirchenfürsten' ihn davon abhalten^ werde, also eine irrige ist — Vor einigen Tagen wurde im 16. Bezirk mit dem Bau eines Krankenhauses begonnen, das als Pavillon an das Kaiserin Elisabeth Spital angeschlossen sein wird, und das Baron Albert von Rothschild zur Erinnerung an seine verstorbene Gemahlin gestiftet. Die Stiftung, für welche Baron Rothschild eine halbe Million Gulden gewidmet, soll den Namen „Bettina Stiftungs'Pavillon" erhalten und der Heilung armer, kranker Frauen ohne Unterschied der Nation oder des Glaubens gewidmet sein. — Die amtliche „Wiener Zeitung" vom 12. September publizirt die Ernennung des Rathssekretärs Dr. Jakob Kohn zum Landesgerichtsrath in Wien. Die Mittheilung wird in zahlreichen Kreisen mit hoher Genugthuung begrüßt werden. Dr. Kohn zählt zu den fleißigsten und tüchtigsten Richtern der Residenz und ist dabei ein treuer Jude. Er war einer der Männer, welche die Gründung des Vereines „Oesterr. Israel. Union" in Angriff genommen, und gehört seit dem Erstehen des Vereines dem Vorstande an. B. Budapest, 17. September Durch allerhöchste Entschließung wurde auf Vorschlag des Ministers für Kultus und Unterricht — wie das heutige Amtsblatt meldet — Dr. Gustav Schwarz zum öffentlichen ordentlichen Professor für römisches Recht an der Budapester Universität mit den systemi sirten Gebühren ernannt. Dr. Gustav Schwarz ist der erste Jude, der an der Budopestee Universität zum ordentlichen öffentlichen Professor mit den systemisirten Gebühren ernannt wurde. Geboren im Jahre 1858 in Budapest, absolvirte er hier die Mittelschule und die juridische Fakultät und gewann schon als Hörer des zweiten Jahrganges mit einer Monographie „Ueber die Test irf reih eit im römischen Recht" einen Preis. In Göttingen war Dr. Schwarz ein Lieblingsschüler des berühmten Romanisten und Rechtsphilosophen Rudolf von Jhering, der ihm, als er die dortige Fakultät verließ, ein überaus warmes Empfehlungsschreiben in die Heimath mitgab. 1884 wurde er Privatdozent und im vorigen Jahre erhielt er den Titel eines öffentlichen außerordentlichen Professors. Er entfaltete eine ausgedehnte litterarische Thätigkeit und ist als gediegener Mustkschriftsteller bekannt. — Dem Pesti H i rlap ging dieser Tage aus Hegyalja-Mad folgende Mittheilung zu. „Der 18 jährige taubstumme Sohn des hiesigen Landmannes Stefan Szabo ist vor 6 Wochen verschwunden. Da det Vater ihn in Folge der Crntearbeiten sehr nöthig brauchte, ließ er ihn auf amtlichem und privatem Wege kurrentiren, aber all dies führte nicht auf die Spur des Verschwundenen. Vor einigen Tagen rauchte plötzlich der — man weiß nicht, ursprünglich von wem erhobene — Verdacht auf, daß der 21jährige jüdische Schustergeselle Abrisch Friedmann den Burschen zu rituellen Zwecken umbrachte. Und auch der Vater erhob in diesem Sinne die Klage bei der Gendarmerie. Die eingeleitete Untersuchung setzte aber die Klage auf das Niveau der Lächerlichkeit herab. Wir glaubten, daß hiermit die Angelegenheit ihr Ende erreicht habe. Heute meldeten sich neue Zeugen, die energisch forderten, daß man sie verhöre. Ihrem Wunsche wurde Folge geleistet und sie gaben zu Protokoll, daß sie am Tage nach dem Verschwinden des taubstummen Knaben den Abrisch Friedmann blutig gesehen haben u s. w. Der Ortsvorstand hat, nachdem er sah, daß hinter der Sache eine systematische Agitation steckte, dem Stuhlrichter Meldung gemacht, damit dieser eine Untersuchung einleite. Noch war die Untersuchung nicht beendet, als die Gendarmerie den „rituell geschlachteten" Stefan Szabo aus dem Abanjer Komitate, wo der Bursche seit 15 Wochen bei einem Wagnermeister bedienstet war, lebendig nach Hause brachte. Es war ihm nicht vergönnt, „Märtyrer" der Blutlüge zu werden! K. Lemberg, 14. September. Durch den Statthalter von Galizien, Grafen Badeni, hatte der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Samuel Horowitz, die Versicherung erhalten, daß der Kaiser die Gnade haben würde, das neue jüdische Waisenhaus einzuweihen. Die jüdische Gemeinde Lembergs war bereits durch den Empfang ihrer Deputation beim Kaiser hochbeglückt; der Kaiser hatte sie sehr gnädig empfangen, jedes Mitglied durch Ansprache ausgezeichnet und auf ihre Loyalitätsverstcherung geantwortet: „Ich bin von .der Treue und Anhänglichkeit Ihrer Glaubensgenossen überzeugt und rßchne stets auf dieselben." Um so begreiflicher war die Erwartung heute, da der Kaiser, umgeben von seinen Ministern, dem Statthalter Badeni, vielen polnischen Aristokraten und seiner ganzen Suite, das Waisenhaus eröffnen sollte. Für 10 y4 Uhr war der Kaiser angesagt; von Uhr 'an versammelten sich die geladenen Gäste, die Gemeinderäthe

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