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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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mit dem Bürgermeister und dem Vizebürgermeister, die Vorsteher dtz jüdischen Gemeinde mit dem Präsidenten Herrn Horowitz im Vorgarten,, wo 60 Waisenknaben in schmucker Uniform aufgestellt waren und beim Nahen des Monarchen die Hymme „Gott erhalte Franz rc." intonirten. Eine ungeheure Menge in musterhafter Ordnung begrüßte den Kaiser bz; seiner Ankunft, zwei weißgekleidete Mädchen überreichten ein Bouquet, das der Kaiser dankend entgegennahm, zehn andere kleine Mädchen gingeü vor ihm her, Blumen streuend, während er an der Seite des Präsidenten Ln den schön dekorirten Saal schritt, wo ihn der Prediger Dr. Caro mit einer Ansprache begrüßte. Dann erkundigte sich der Kaiser eingehend nach der Einrichtung des Hauses, fragte, wer die Kinder in der Mustk unterrichte, die eine vollständige Kapelle bilden und durch ihr Spiel diesen Sommer das Aufsehen aller Fremden erregten, die unsere Aufstellung besuchten und Gelegenheit hatten, sie zu hören. Als der Kaiser, hörte, daß drei Knaben bereits in die Regimentsmusik eingetreten seien und drei andere bald folgen, sprach er seine große Zufriedenheit darüber aus. Dann ging es an die Besichtigung der Räume, die außerordentlich hell und freundlich sind und eine gediegene Einfachheit zeigen. Der Kaiser sprach seine hohe Genugthuung aus, daß die Juden Lembergs eine so schöne Anstalt ins Leben gerufen haben, und zeichnete zum Andenken an seinen Besuch seinen Namen ins Eedenkbuch ein. Der Erzherzog Leopold Salvator, der Ministerpräsident Windischgrätz, die Minister Jaworski und Falkenhayn, der Statthalter Graf Badeni, der Adelsmarschall Fürst Sanguszko sprachen alle Herrn Horowitz ihre außerordentliche Anerkennung über das gelungene Werk aus; der Ministerpräsident äußerte sich: „Das ist eine erhebende und ernste Feiert und beglückwünschte die Gemeinde, der eine so hohe Ehre zu Theil geworden. Unter dem brausenden Vivatrufen und den Segenswünschen der Gemeinde verließ der Kaiser das Waisenhaus, nachdem er noch einmal dem Präsidenten seine Befriedigung ausgesprochen und die Juden seiner Huld und Gnade versichert hatte. . (V/fr Mähr.-Ostrau, 14. September. In dem interimistischen Bethause, dem Turnsaale der hiesigen israelitischen Volksschule an die Synagoge wird eben die letzte Hand zur Vollendung der Malerei gelegt — fand heute ein erhebender Trauergottesdienst für den so früh dahingeschiedenen ersten Rabbiner Dr. Bernhard Zimmels statt. Nach dem Mincha-Gebet nahm Rabbiner Dr. Spira das Wort, um in formvollendeter Weise das Leben und Wirken des in schönster Blüthe des Mannesalters Hingerafften ergreifend zu schildern. Tragisch und herzerschütternd nannte der Redner das Schicksal des Verewigten- und tragisch und herzerschütternd klang es, als Dr. Spira die edlen geistigen Vorzüge des Verblichenen schilderte. Kein Auge blieb thräneyf leer, als Dr .Spira darauf hinwies, daß wenige Monate vor seinem Tode der in Gott ruhende Dr. Zimmels seinem Amtsbruder, der auch hier gewirkt (Kreisrabbiner Friedmann-Teschen), an dessen Bahre einen Nachruf hielt, in welchem er das lange Siechthum und Leiden schilderte, als hätte er mit geistigem Auge vorhergesehen, daß er demselben Schicksal verfallen sei. Sicher bleibt dem ersten Rabbiner der hiesigen Gemeinde ein ehrendes Andenken gesichert. Amerika. l n. Netv-Nork, 10. September. Angeregt durch den während ddr Chicagoer Weltausstellung s. Z. dortselbst abgehaltenen Frauenkongreß, sind eine Anzahl israelitischer Frauen durch Wort un^ Schrift der Religionsfrage näher getreten, und viele von ihnen haben durch ihr oratorisches oder schriftstellerisches Eingreifen in das Religionsleben und die religiöse Gestaltung des modernen Judenthums sich so ar besonders hervorgethan. Da war es vor Allen Frau Ruslay, eme begabte und mehr als gewöhnliche Bildung besitzende Dame, welche durch ihre Kritik des Reforyi-Judenthums, welches nach ihrer Ansicht keinen gestaltenden, sondern nur zersetzenden Einfluß auf unser modernes religiöses Leben ausübt, geradezu Sensation erregte Vor der Central- Konferenz amerikanischer Rabbiner stimmte Tr. Köhler in seinem glänzenden und gelehrten Vortrag — derselbe ist in der Augustnummer der „Menorah" übrigens vollständig abgedruckt — der Ansicht der gelehrten Frau bei und rief den Religionsstürmern ein bedeutsames Hakt zu. Eine Schülerin des „Normal-College", Fräulein Josephine Lazarus', nimmt die Reformbestrebungen in Schutz, wendet sich allerdings gegen den verderblich einreißenden Jndifferentismus der Heranwachsenden Generation und glaubt das Heilmittel gegen dieses Uebel in noch weites gehenden Nivellirungsbestrebungen zu finden, die man ins Leben rufen und unterstützen könnte, ohne auch nur im Entferntesten an ein Uebergehen an andere Religionsformen zu denken. Auch mit dieser irrigen Ansicht rechnete Dr. Köhler ab. Jedenfalls aber läßt sich nicht mehr sagen: „mulier taest in eeelesia", nein, im Gegentheil, die Damen haben das Wort, und vielleicht ist es gut, daß es so ist. Von Nah und Fern. ---Der österreichische Antisemitenführer Dr. Lueger hat am 20. d. in Berlin gesprochen und wird am 7. oder 8. Okt. in Breslau sprechen. — Die „Deutsch-sozialen Blätter" (Antisemitische Correspendenz) des Herrn Theod. Fritsch sind in den Besitz des Abg. Liebermann v. Sonnenberg übergegangen. — Herr Dr. Banet aus Krotoschin ist zum Rabbiner in Wreschen einstimmig gewählt worden. — In Mertloch feierten Herr Jak. Kohlhaas aus Collig und seine Ehefrau Sarah, geb. Faber, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Lehrer David Hartman aus Hagen hielt die Festpredigt. Es folgte sodann die Beglückwünschung und Ueberreichung der Geschenke. Herr Jakob Kohlhaas ist bei den Bürgern von Collig sehr beliebt. — In der „Germania" lesen wir: „Aus Albersloh, 4. September. Heute trat hier ein jüdisches Dienstmädchen zum katholischen Glauben über. An den Taufakt, welcher in der Kirche vollzogen wurde, schloß sich ein kleines Festmahl im Hause der Herrschaft des Mädchens." Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. — Wie aus Frankfurt a. M. berichtet wird, wurde dort das Börne-Denkmal wieder einmal von ruchloser Hand mit einer schwarzen Flüssigkeit beschmutzt, nachdem es erst vorige Woche frisch gereinigt und abgeschliffen sowie mit frischen Pflanzungen umgeben worden war. „Du kennst den Schützen, suche keinen andern." — In Heidelberg und Mannheim wurde die Nr. 68 des „Badischen Volksboten" vom 1. September beschlagnamt. Ursache zu der Konfiskation gab ein Gedicht gegen die Juden, welches mit der Frage: „Was ist ein Jude?" anfängt und mit der Wendung: „Ihm gehören Prügel!" schließt. Der in Vertretung zeichnende Redakteur I. A. Schäfer wird wegen Verletzung des § 180 R.-Str.-G.-B. (Aufreizung) in Anklagezustand versetzt werden. —- Der antisemitische Gastwirth und Armenrath Eduard Holiwan wurde wegen des Verbrechens eines Sittlichkeitsattentates in Haft genommen und dem Landesgerichte eingeliefert. Sein Gasthaus diente den Bezirksantisemitenführern als beliebter Zusammenkunftsort. Auch Dr. Lueger und seine getreuen Schildknappen waren wiederholt dort zu sehen, insbesondere dann, wenn es galt, irgend einen antisemitischen Handstreich auszuführen. Holiwan selbst war ein hervorragender „Gesinnungsgenosse". — In Tulln wurden auf dem israelitischen Friedhofe vom antisemitischen Pöbel Leichensteine umgeworfen und Gräber verwüstet. Die gerichtlichen Erhebungen sind im Zuge. — Anläßlich des Empfanges des Kaisers von Oesterreich in Landeskron war auch die israelitische Kultusgemeinde Leitomischl zur Audienz beschieden. Auf die Ansprache derselben erwiederte der Kaiser: „Ich danke Ihnen für den Ausdruck Ihrer Loyalität, von deren Aufrichtigkeit ich überzeugt bin." —- Auch in B.olassa-Gyarmot (Ungarn) hat Kaiser Franz Josef in der Erwiederung auf die Ansprachen der Vertreter der nichtkatholischen Konfessionen betont, in seinem Herzen bilde der Unterschied der Religion seinen Völkern gegenüber keine Scheidewand. Alle könnten jederzeit auf die königliche Gnade und den königlichen Schutz rechnen. — In Budapest ist eine Bewegung entstanden, welche dahin zielt, ungarische Schulen in jenen, meist an der Nordgrenze gelegenen israelitischen Gemeinden zu errichten, wo die ungarische Sprache noch nicht zur Vorherrschaft gelangt ist. Zu diesem Zweck soll ein Verein gegründet werden, der die nöthigen Geldmittel zur Errichtung dieser Schulen beschaffen soll. Die ersten zweihundert Gulden zur Verwirklichung dieser Idee hat Herr Isidor Straffer in Stuhlweißenburg angemeldet. — Der „Kijewskoje Slove" theilt mit: Auf der neuerbauten Mühle bei Smiela meldeten sich 600 Juden aller Altersklassen, nachdem 200 Arbeiter durch die Zeitung verlangt waren. Alle eingestellten Arbeiter sind Juden, und sie arbeiten fleißig und ordentlich. — Rev. Meisels, Prediger der Maiden-Lane-Synagogue in London und früher Lehrer an der Jüdischen.Freischule und Stepney-Schule, wurde zum Direktor des Aria-College zu Portsea erwählt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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