Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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bcm Choral, „Was Gott thut, das ist wohlgethan!" und unter präsent'6 tirtem Gewehr die irdische Hülle ihres Ehren-Majors zu empfangen. i. Dann setzte sich der Zug, der Tausende, theils Leidtragende, theils Neu- > gierige, herbeigelockt hatte, in Bewegung. Eröffnet wurde derselbe von ' den in Sektionen aufmarschirten Kameraden, dann folgte der Leichen- - wagen, unmittelbar hinter demselben ein Feldwebel, der auf einem Ordenskissen die Verdienstmedaillen und sonstigen Ehrenabzeichen des Verstorbenen trug und zu beiden Seiten je von einem Offizier mit ge-- - zogenem Degen flankirt wurde. Erst dann schloß sich der Zug der eigentlichen Leidtragenden, theils zu Wagen, theils zu Fuß an. Auf dem letzten Theil des Weges, von der Todtenzur Weihehalle, wurde der Sarg wiederum mit den militärischen Gradabzeichen.und Armaturstücken geschmückt, von den Kameraden, die sich zu beiden Seiten in ■ dichten Gliedern formirt hatten, mit präsentirtem Gewehr empfangen,/ und unter den Klängen eines Chorals und von zahlreichen Leidtragenden gefolgt, zu der Weihehalle geleitet. Hier hielt Rabbiner Dr. Rosenzweig die Rede; er entrollte zunächst ein kurzes Bild des nach menschlichen . Begriffen reich gesegneten Lebens des Verschiedenen. Dann, den Moment erfassend, erinnerte Herr Dr. Rosenzweig die Krieger an die Worte. unserer heiligen Lehre, welche dem Juden gebietet, das Land, das ihm der Herr zum Wohnsitz zugewiesen, zu lieben und ihm Treue zu be- - wahren, wie es der Verstorbene ja bis zum letzten Athemzuge als Bürger und als Krieger auch in mancher Schlacht bewiesen hatte. Bei, den Worten: „Sind wir nicht Alle von einem Vater? Hat uns nicht Alle ein Gott geschaffen?" konnten stch selbst die ergrauten Krieger der Thränen nicht enthalten. Während der Gedächtnißrede hatte zur Rechten des Sarges ein Feldwebel mit der florumhüllten Fahne, zur Linken ein Feldwebel mit dem Ordenskissen Platz genommen. Nach derselben setzte stch der Zug zur Gruft, wieder unter Vorantritt des Krieger-Korps, unter Choralmusik in Bewegung. Nachdem das „Von Erde kommst du, zur Erde gehst du" gesprochen, sendeten drei Ehrensalven der zu diesem Zweck abkommandirten halben Kompagnie, welche in unmittelbarer Nähe.. der Gruft angetreten war, .ihrem Kameraden und Ehren-Major den-, letzten Gruß zu. Die geschlossene Gruft war bald darauf von kostbaren Kranzspenden bedeckt, unter denen vor Allem sich der Riesenkranz des Berliner Thierschutzvereins auszeichnete, zu dessen Vorstandsmitgliedern., der Verstorbene zählte und dessen Vorstand ihm daher das Ehrengeleits, gab. Als wir den Friedhof verließen, mußten wir immer wieder der Thränen der ergrauten Krieger gedenken, denn diese Thränen gaben uns eine Gewähr dafür, daß auch die Kriegervereine, wie man so gern glauben machen möchte, sich nimmermehr in den Dienst des Antisemitismus stellen werden. . X Bromberg, 20. September. Recht viel von sich reden machen die Antisemiten in Schneidemühl; dieselben beschlossen, eine Versammlung mit darauffolgendem Umzug und Festkonzert abzuhalten. Jedoch kaum hatte die Versammlung begonnen, so wurde sie, um1 Ausschreitungen zu verhüten, polizeilich aufgelöst. Auch der projektirte Festzug wurde von der Polizei untersagt, und konnten die Festgenossen in dem abgehaltenen Konzert kaum ih're gute Laune wiederfinden, die ihnen so schmählich verdorben wurde. — Bei dem Brandunglück in Labischin, bei dem vier Personen -ihren Tod fanden, ist auch eine Thorarolle mitverbrannt; denn in dem selben Hause befand sich auch ein Betsaal. — Der nicht vor allzu langer Zeit gegründete jüdische Litteratur- 1 verein in Wongrowitz zählt bereits 54 Mitglieder. Den Vorsitz führt Kaufmann Isaak Förden, und sind Bor träge abwechselnd gehalten worden von Dr. Rosenthal, Rogasen, und Leh rer Spiewkowski, Wongrowitz. — Bei der letzten Wahl des Schulvorstc mdes an der paritätischen Schule^ zu Gollantsch wurde Schneider» leister Levy als Schulvorstands-. Mitglied gewählt. — In der Umhegend von Kol mar scheinen die -Antisemiten tüchtig zu wühlen. Antisemitische Agitatoren sind dort sehr, thätig, um die daselbst wohnenden Kolonisten zu warnen, von Juden Rentengüter zu kaufen. L. H. Dt.-Krone, 16. Septem ber. Am 26, v. Mts. feierte der Synagogen-Gesang-Berein Hierselbst sein «fies Vergnügungsfest' im Walde. Nach Vortrag einiger vom Leiter des Vereins Herrn Hilischkowsky eingeübten Lieder folgte Abends Tanz> und waren dis' Mitglieder bis zum frühen Morgen, zusammen. Der Gründer de^ Vereins Herr I. Victor war leider du rch eine Reife verhindert, ari denl Vergnügen theilzunehmen. Kp. Aus der Provinz Posen, im September. In nächster Zeit kommen aus der Stiftung des vor einigen Monaten in Ra mit sch verstorbenen Synagogenvorstehers, Rentiers Louis Stillmann, Zinsen vvn erheblicherem Betrage zur Bertheilung. Vorerst werden vertheilt werden am Geburtstage der verstorbenen Kaiserin Augusta, dem 30. September 150 Mark, am Geburtstage weiland Kaiser Friedrichs, dem 18. Oktober zwei Raten ä 150 Mark und am Geburtstage der Kaiserin Friedrich, dem 21. November 150 Mark. Die Bertheilung der Raten ä 150 Mark erfolgt an einen bedürftigen Mann oder an eine bedürftige Wittwe zur Aushilfe in ihren Erwerbsverhältnissen Bei gleich bedürftigen Bewerbern hat derjenige den Vorzug, der 1870 den Krieg gegen Frankreichmitgemacht hat. Ebenso sollen bei gleicher Bedürftigkeit diejenigen Wittwen den Vorzug haben, d.ren Ehemänner den genannten Feldzug mitgemacht haben. — In der letzten gemeinschaftlichen Sitzung der Gemeindevertretung der jüdischen Gemeinde in Wreschen wurde beschlossen, in nächster Zeit zu Ehren des am 15. September er. nach Rawitsch überfiedelnden Rabbiners Dr. Cohn im Hotel zum Schwarzen Adler ein Festessen zu arrangiren. Da der Termin bis zu den hohen Feiertagen ein zu kleiner ist, um die Neuwahl eines Rabbiners vorzunehmen, so wurden der Vorstand und die Repräsentanten Ehrenfried und Türk beauftragt, für die qu. Feiertage einen Rabbinats-Kandidaten zu engagiren. Nach den Herbstfeiertagen dürften die Gemeindevertreter zur Neuwahl eines Seelsorgers schreiten. — In Folge der Grenzsperre bei Gollub, die durch die in Dobrzyn sich immer mehr ausbreitende Cholera veranlaßt ist, sind die jüdischen Bewohner Dobrzyns, welche zum größten Theil ihren Lebensunterhalt dem Handel mit Gollub verdanken, so in Noth versetzt, daß das Ausbrechen von Hungerthyphus befürchtet wird. Um die Noth zu lindern, hat sich in Briefen ein Komitee gebildet und eine Geldsammlung unter den jüdischen Bürgern veranlaßt. Dem Vernehmen nach wollen auch andere Gemeinden demnächst dieses Beispiel nachahmen. o Tirschtregel, 16. September. Der hiesige jüdische Arzt Dr. S. befand sich eines Tages im Monat Juli in dem Laden eines Kaufmanns, mit diesem in einem Gespräch begriffen, als der Arbeiter A. an die offene Ladenthür herantrat und die Worte hineinschrie: „Nun, Herr Doktor, wie ist es mit Ihnen, haben Sie schon die Holzschuhe fertig? Alle Juden müssen zum 1. August raus, da müssen Sie auch mit." Herr Dr. S. hat deswegen bei der Staatsanwaltschaft in Meseritz gegen A. Strafantrag gestellt und dieser im „öffentlichen Interesse" Anklage erhoben. Die Angelegenheit kam vor dem hiesigen Schöffengericht in der vorigen Woche zur Verhandlung. Der Vertreter des Staatsanwalts, der Amtsanwalt Bürgermeister Nixdorff, geißelte in längerer Rede das Gebahren dieses Mannes, der schon vielfach vorbestraft ist, und beantragte 14 Tage Gefängniß. In Anbetracht dessen, daß er sich in letzter Zeit der größten Ruhe und Anständigkeit befleißigte, wurde er zu 10 Mark oder 2 Tagen Gefängniß verurtheilt, außerdem wird das Erkenntniß auf seine Kosten gerichlsseitig im Kreisblatt veröffentlicht. J R. Stralsund, 17. S eptember. Hier im Regierungsbezirk Stralsund, wo nur wenige jüdische Familien im Berhältniß zur Einwohnerzahl wohnen, pulsirt das jüdische Leben sehr ruhig, und nur selten dringt etwas von hiesiger oder von unserer Nachbargemeinde Greifswald — denn nur diese beiden hat der ganze Regierungsbezirk — in die Oeffentlichkeit Der Anlaß, Ihnen von hier aus eine Mittheilung zugehen zu lassen, bietet unsere Nachbargemeinde Greifswald, welche von einem herben Verlust betroffen ist, da leider kürzlich der dortige Kultusbeamte, der Kantor und Lehrer Weißblum, gestorben ist. Derselbe erreichte ein Alter von 55 Jahren und war ca 35 Jahre lang als jüdischer Kultusbeamter thätig, wovon er über ein Jahrzehnt in Greifswald und auch ebenso lange in Pasewalk amtirte. — Er war stets ein pflichttreuer Beamter und durch sein humanes, biederes Wesen hatte er sich nicht nur bei seiner Gemeinde, sondern auch in weiteren Kreisen die größte Achtung und Liebe erworben. Die Beerdigung fand diese Woche in Greifswald statt, und die allgemeine Theilnahme, die sich kund that, zeugt von der großen Liebe und Achtung, die er stch bei seinen Glaubensgenossen und bei seinen Mitbürgern erworben. hatte. — Herr Rabbiner Dr. Bähr aus Prenzlau, welcher wegen Behinderung des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin die Leichenrede am Grabe hielt, gab in beredten Worten der Trauer, welche, nächst seiner Familie, seine ganze