Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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58. Jahrgang. Ar. 38 Weikage Berlin. 21.September 189^. zur „Akkgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 16. September. Wir erhalten heute den folgenden Aufruf: Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Gemeinden Deutschlands besteht aus einer kleinen Anzahl von Familien, die nur mit großen Opfern einen kärglich besoldeten Lehrer und Vorbeter unterhalten können Und doch beruht der ganze Zusammenhang solcher Gemeinden und aller ihrer Mitglieder mit dem Judenthum ausschließlich auf dem Lehrer. Er ist der Träger und Verfechter religiöser Gesinnung überall in den kleinen Orten unseres Vaterlandes. Im steten Kampf mit Mangel und Sorgen muß er seines hohen und unentbehrlichen Berufes warten. Wie aber, wenn Krankheit ihn oder eines seiner Familienmitglieder befällt? wenn Arzt, Apotheker, eine Badereise' unerschwingliche Anforderungen an ihn stellen? wenn die Gemeinde so verarmt, daß sie ihm den kärglichen Gehalt noch unter das Maß der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse verringern muß? Bettelarmuth, ein völliger Untergang für sich und die Seinen ist dann das Loos des Unglücklichen. Diesem Elend abzuhelfen, ist die Philippson-Stiftung bestimmt. Allein ihre dürftigen Mittel stehen in traurigem Mißverhältniß zu der Fülle von Noth und Jammer, die zu lindern sie berufen ist. Blutenden Herzens muß der Vorstand der Stiftung die Mehrzahl der bei ihm einlaufenden Gesuche aus Mangel an Mitteln zurückweisen. Er wagt es deshalb, sich endlich nicht allein an die stets bewährte Wohlthätigkeit der Glaubensgenossen, sondern auch vor Allem an ihren Gerechtigkeitssinn und an ihr Interesse für die eigene Religion und Gemeinschaft zu wenden. Es handelt sich darum, demjenigen Stande zu Hilfe zu kommen, auf den vor allen andern der Bestand des Judenthums, der Glaube und die Sitte des Heranwachsenden Geschlechtes, die Abhaltung des Gottesdienstes in zahllosen Gemeinden Israels beruht. Ihr Alle, die an den bevorstehenden Feiertagen mit frommem und bußfertigem Herzen vor Gott zu treten Euch rüstet, gedenket seiner treuen, demüthigen und begeisterten Diener, gedenket der Lehrer! Beiträge zum Stiftungsfonds, jährliche oder einmalige Spenden werden mit herzlichem Danke von den Unterzeichneten in Empfang genommen und in der „Allg. Ztg. des Judenthums" sowie in der „Jüdischen Presse" angezeigt werden. Alexander Werthauer, Leipzig. R. Leubsdorf, Köln. Prof. Dr. M. Philippson, Berlin NW. Lesstngstr. 4. Wir empfehlen diesen Aufruf so warm und eindringlich wie möglich allen Denen, die ein Herz haben für die Noth des Lehrerstandes, der berufen ist, unsere Jugend in die Lehren des Judenthuws und in die Elemente des Wissens einzuführen S£2 Berlin, 18. September. Der siebzigste Geburtstag des Herrn Professor Dr. Lazarus wurde am 15. d. M. in Schönefeld bei Leipzig, wo derselbe während des Sommers lebt, in würdigster Weise gefeiert. Schon am frühen Morgen brachte der Gesangverein von Schönefeld dem Jubilar ein Ständchen. Auch der Pastor und Schuldirektor fanden sich mit herzlichen Glückwünschen ein. Die Reihe der Gratulanten eröffnete Herr Alexander Werthauer im Namen der jüdischen Gemeinde zu Leipzig. Sodann folgte Herr L Hausdorff, der die Adresse des „Deutsch-Jsr. Gemeindebundes" überreichte. Hierauf verlas Herr Rabbiner Dr. Maybaum die Adresse der Universität Bern, diesem Jubilar bekanntlich zum Ehrendoktor der Rechte ernannt hat. Dr. M. überbrachte auch die Adresse der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judenthums. Im Namen des Komitees, das sich zu dieser Feier hier gebildet und eine Lazarus- Stiftung für Zwecke der Wissenschaft des Judenthums ins Leben gerufen hat, überreichte Herr Dr. G. Karpeles eine Adresse, der auch vom Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratür einen reichverzierten, mit hebräischen Inschriften geschmückten silbernen Pokal überbrachte. Die Glückwünsche der ehemaligen und gegenwärtigen Hörer der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judenthums sprachen die' Herren M. Barol und Jelski ebenfalls mit einer Adresse aus. Das erwähnte Komitee besteht aus folgenden hiesigen und auswärtigen Herren: Geheimer Medizinalrath Professor Senator. Geh. Sanitätsrath Dr. Boas. Dr. S. Maybaum, Rabbiner. Geh. Kommerzienrath L. M. Goldberger. Moritz Manheimer. Dr S. Weiße, Rabbiner. Julius Jsaac, Fabrikbesitzer. Landgerichtsrath Dr. G. Markus. Adolf Ginsberg, Fabrikbesitzer. Dr. M. Levin, Prediger. Geh. Sanitätsrath Dr. Marcuse. Rudolf Magnus, Fabrikbesitzer. Dr. Gustav Karpeles, Redakteur. Professor Dr. E. Mendel. Syndikus Dr. G. Minden. Dr. I. Ginsberg, Fabrikbesitzer. Rechtsanwalt Hermann Stern 1. Isidor Loewe, Fabrikbesitzer. Moritz Heilmann, Stadtverordneter. Dr. L. Maretzki. Moritz Heimann. Rechtsanwalt Dr. Max Silberstein. Rechtsanwalt Felix Kaufmann. — Geh. Sanitätsrath Doktor Wollner in Breslau Professor Dr. Samuel in Königsberg in Preußen. Adolf Gotthelft, Buchdruckerei-Besitzer in Kassel. Rechtsanwalt Dr. L. Fuld in Mainz. Justizrath Sutro in Bochum. Rechtsanwalt Benfey I. in Hannover. Emil L. Meyer, Bankier in Hannover. Robert Goldschmidt, Bankier in Bonn. Rabbiner Dr. I. Winter in Dresden. Alfons Jakobson in Leipzig. Justizrath Josephthal in Nürnberg. Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin. Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. Rabbiner Dr. A. Frank in Köln. Professor Dr. Ludwig Stein in Bern. Ema nuel Baumgarten in Wien. Der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde sandten ein Gratulationsschreiben, in dem sie dem Jubilar mittheilten, daß die Gemeindebehörden ihm ein jährliches Ehrengehalt anzubieten sich gestatten. Im Namen des deutschen Schriftsteller-Verbandes gratulirt Herr Dr. M. Brasch aus Leipzig. Den ganzen Tag über liefen hunderte von Briefen und Telegrammen äus allen Welttheilen, von Universitäten, gelehrten Gesellschaften, philosophischen und litterarischen Vereinen, jüdischen Gemeinden und Privaten ein, die einzeln aufzuzählen absolut unmöglich ist. Auf alle Ansprachen erwiederte Herr Professor Lazarus in seiner bekannten sinnigen und geistvollen Weise mit allerlei Erinnerungen aus seinem Leben. Am Abend veranstaltete der Verein für jüdische Geschichte und Litteratür in Leipzig ein schönes Fest in den prachtvollen Räumen des Hotels de Pologne zu Ehren des Jubilars, das auf einem Prolog von Alphonse Lewy eröffnet wurde. Hierauf folgte die Festrede, die Herr Dr. M. Brasch hielt und in der er die Stellung von Lazarus in der Philosophie und seine Bedeutung für die Völkerpsychologie eingehend besprach. Das gelungene Fest endete gegen 1 Uhr. Möge dem verehrten Jubilar noch ein langer und schöner Lebensabend beschieden sein. 22 Berlin, 16. September. Am 11. d. M. ist hier der Rentner S. N. Speyer, eine stadtbekannte Persönlichkeit Berlins, eines der wohlthätigsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, aus dem Leben geschieden. Speyer, der ein Alter von 84 Jahren erreichte, war seinem Beruf nach Kaufmann und ertheilte auch Unterricht im Rechnen und kaufmännischer Buchführung. Seinen Stammbaum konnte er bis in das 17. Jahrhundert zurückführen, und seine Vorfahren gehörten zu den ersten aus Wien nach Berlin eingewanderten Israeliten. Einer seiner Vorfahren erwarb sich dadurch ein besonderes Verdienst, daß er den noch vorhandenen alten jüdischen Begräbnißplatz in der Großen Hamburger Straße begründete, der mit seinen zahlreichen Grabmälern und alten Grabstätten berühmter Personen eine Sehenswürdigkeit Berlins bildet. -A- Berlin, 17. September. Am Sonntag den 16. d. M. wurde' der hier verstorbene Bäckermeister Meier Jacob, Offizier und Ehren- Major des uniformirten Krieger-Korps ehemaliger Waffengefährten, beerdigt. Den Trauerkondukt hatte in erster Reihe der Kommandeur des uniformirten Krieger-Korps, Hauptmann Steinberg, geordnet. Nachdem die militärischen Gradabzeichen und Armaturstücke, als Helm, Degen, Schärpe, Epaulettes und Handschuhe des Verblichenen auf resp. /zu beiden Seiten des Leichenwagens befestigt worden waren, bildeten die Kameraden unter Vorantritt des Tambour- und Hautboisten-Korps und der florumhüllten Fahne in zwei mächtigen Gliedern Spalier, um mit