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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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456 »Höre, Jizchak," sprach er nach einer Weile. „Ich läge es offen, am glücklichsten ist der Narr. Nur," — seufzte er — „kann es nicht | ein Jeder sein. Aber unsere Langröcke sind nicht weit davon und fühlen sich wohl dabei. . . Laß sic also in der Fülle ihres Glückes' bleibe», wer aber zu anderer Einsicht gelangt ist . . . Siest Du," hier erhob er sich vom Sopha. „Ich bin gesund, froh und reich. Ich habe ein gutes Frauchen, zwei Kinder — mehr nicht, und Basta, dabei ein sicheres Kapital. Wenn letzteres größer wäre, würde ich mich nicht in Zapieecko vergraben. „Jizchak, ich rathe Dir, trachte, mir ähnlich zn werden. Ich habe kein Interesse, Dir znznreden, nur eine gewisse Schwäche; es ist mir doch nnangenehin, ewig Alles in mich hineinzuwürgcn, immer so allein zu sein. Ich könnte Dir helfen. Ueberlege es Dir, und komme dann zu mir." Graf verließ den „Enkel des Brodyer", ohne weiter ein Wort an ihn gerichtet zu haben, aber durch Kopf und Brust rauschte es ihm traurig und düster. (Forts, folgt.) Litterarische MittheUungen. Gedenkblätter. Hervorragende jüdische Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts. In kurzen Charakteristiken von Dr. M. Kayserling. Leipzig. Th. Grieben's Verlag (L. Fernau) 1892. Ein gutes und nützliches Buch verliert nicht an seinem Werth, wenn auch erst später die Lesewelt auf dasselbe aufmerksam gemacht wird; der Name seines bedeutenden Autors bleibt für dieses die beste Empfehlung, auch wenn cs unter bescheidenem Titel in die Erscheinung tritt. Auf diesen Geleitschein hat die oben bezeichnete Schrift des gelehrten Verfassers, dessen Name durch eine Besprechung seiner jüngsten Schrift „Christoph Columbus und der Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen" in Nr. 32 dieser Zeitung von Neuem gewürdigt wurde, gerechten Anspruch, weil sie die Jugend wie das Alter mit liebevoller Wärme in das Pantheon der hervorragenden Männer des jüdischen Stammes, die seit Moses Mendelssohn heimgegangen sind, einführt und den Eintretenden eine allgemeine Kenntniß von dem Leben und Wirken, dem Werden und Enden jener Heroen des Geistes gewährt. Wie Viele derselben grüßen uns dort, die sich unsterblich gemacht haben auf dem Gebiete des Glaubens, der Wissenschaft und Kunst, oder durch ihre Thätigkeit in den Parlamenten und auf dem Felde der Humanität, als Staatsmänner und treue Kämpfer im Dienste ihres Vaterlandes. Dr. Kayserling, der in allen seinen Schriften nicht müde wird, den Antheil der jüdischen Glaubensbekenner an den großen Errungenschaften der Zeit zu verzeichnen und ihre verdienstliche Mitarbeit an den Kulturaufgaben der Jahrhunderte klar zu stellen, hat mit Herausgabe der „Gedenkblätter" eine Ruhmeshalle hervorragender jüdischer Persönlichkeiten geschaffen, die in der einen oder der andern Weise zur Ehre des Judenthums gearbeitet haben. Mit dem ihm eigenen Sammelgeist und Ordnertalent, zugleich aber mit gewissenhafter Hingabe, hat der Verfasser die hier mitgetheilten Charakteristiken zusammengetragen und den Männern aller Länder der alten und neuen Welt „von mehr als lokalem Verdienst und allgemeiner Anerkennung" ein litterarisches Denkmal errichtet, an welchem die Lebenden sich mit Stolz und Befriedigung über das große Wirken ihrer Vorgänger, mit Begeisterung für die belebende Kraft des Judenthums zu edlem, gemeinnützigem Schaffen erfüllen und zu williger, eifriger Nachahmung beseelt fühlen sollen. Der jüdischen Schule im Besonderen, den Herren Lehrern und Schülern werden vom Verfasser diese „Gedenk- und Erinnerungsblätter" gereicht, die geeignet find, das Interesse für die neuere Geschichte der Juden und des Judenthums zu wecken und durch den beigefügten „Anhang", welcher die Sterbetage der bezeichnten Männer auch nach jüdischem Kalender, chronologisch geordnet, enthält, bei der Feier der Gedenktage, welche in den jüdischen Schulen begangen werden oder noch einzusühren find, sich zu zweckmäßiger Verwendung empfehlen. T. G. Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! err Rabbiner Dr. Kobak-Innsbruck brachte vor einiger Zeit in Bezug auf das Kapitel „Nächstenliebe" unfern Gegnern einen nach seiner Meinung „unantastbaren Beweis" entgegen, „um der ganzen Streitsache mit einem Schlage ein Ende zu machen". Dieser Beweis schien mir so unantastbar nicht zu sein, und ich sprach mein Bedenken aus. Darob ereifert sich Herr Dr. Cohn-Berlin in der letzten Nummer der „Allg. Zeitung des Judenthums" und versucht, mich von Dingen zu überzeugen, die ich nie und nirgends bezweifelt habe. Herr Dr. Cohn darf sich beruhigen; ich will ihm nur verr.athen, daß in der Liebe zum Judenthum, in der Hochachtung vor seiner Vergangenheit und in dem Respekt vor seinem Schriftthum mich nichts wankend machen kann; ich will ihm auch ferner verrathen, daß ich den „unantastbaren Beweis" für mich selbst gar nicht brauche, aber, Herr Dr. Cohn, für den Gegner brauche ich ihn, und da ist ein philologischer Streit über den Begriff reu für die Beweisfrage durchaus nicht so überflüssig, als Sie annehmen. Wenn es den Kampf gegen die Widersacher gilt, müssen unsere Waffen gut und treffsicher sein; wir müssen uns von ihrer Schärfe sorgfältig überzeugen, bevor wir zu Felde ziehen, sonst versagt die Waffe im Augenblick der Entscheidung, und der Gegner triumphirt. Brüssow, 10. September. Dr med, Caspari. * Hochgeehrter Herr Redakteur! (^^er A sagt, der muß auch B sagen." Da ich nun in die Diskussion (sKL über die „Priorität des Judenthums in dem Gebote der Nächstenliebe" einmal mit eingegriffen, meine Argumentation, für so entscheidend ich sie auch hielt, um jene vielleicht damit ganz abzuschließen, gleichwohl von Seiten des Herrn Rabbiners Groß in Fraustadt für nicht stichhaltig erklärt worden, so werden Sie mirsicher das Wort der Entgegnung um so weniger versagen, als es in möglichster Präzision gehalten sein soll. Der Referent führt (aus der Bergpredigt *) Matth. 5,43 (Nächstenliebe — Feindeshaß) gegen die von mir citirte Stelle: Matth. 22, 36 ff. (Nächstenliebe — Gottesliebe) ins Feld und meint, die Gegner würden, darauf fußend, doch behaupten, daß ihr Heiland zuerst die allgemeine Menschenliebe gelehrt. Mögen sie das immerhin, denn wer die Macht hat (oder, wie Herr Dr. Cohn sagt: wer die Geschichte schreibt) hat das Recht, und wenn wir auch mit Engelszungen redeten, könnten wir sie doch nicht dazu bringen, der Wahrheit die Ehre zu geben; aber Herr Rabbiner Groß protestirt ja schließlich sowohl selbst energisch gegen die von ihm künstlich zugespitzte Deutung seiner Beweisstelle, als auch (mit alleiniger Ausnahme des Herrn Dr. Caspari) sämmtliche an der bez. Diskussion bisher Betheiligte bis auf Herrn Dr. Cohn herab das Gegentheil bewiesen.. Die Sache verhält sich vielmehr, meiner Ansicht nach, so: Matth. 5, 43 ist nicht sowohl gegen die biblische (alttestamentliche) Lehre — Herr Rabbiner Groß fragt ja selbst: wo lehrt die Bibel, den Feind zu hassen? und erweist das Gegentheil — sondern nur gegen die — in den damaligen politisch und religiös sehr erregten Zeitläuften — erzeugte Degeneration und Erbitterung gegen äußere wie innere Feinde gerichtet, und predigt darob den Zeitgenossen vornehmlich — ganz im Sinne von 3. B. M. 19, 17 (du sollst deinen Bruder nicht im Herzen hassen rc.) - Versöhnlichkeit und Friedensliebe; in Matth. 22, 36 ff. (und noch ausführlicher Marcus 12, 28 ff.) wird die Nächstenliebe aber als im Pentateuch der Gottesliebe ganz gleich gestelltes Gebot proklamirt, und ist darum gar nicht daran zu rütteln, daß der Stifter der christlichen Religion Mofis und nicht sich die Ursprünglichkeit hierin vindizirt hat, weshalb, wer dies nicht anerkennt, jenen selbst verleugnet oder doch dementirt. Ist dies aber der Fall, so müßten wir ja — sit venia verbo! — katholischer als der Papst sein, so wir nicht allen Mißdeutungen zum Trotz unser Erstgeburtsrecht in diesem Punkte ebenso festhielten und behaupteten, wie daß der Mosaismus der Vater des Monotheismns in der Menschheit sei, was doch Niemand ihm streitig macht und machen kann. Berlin, 11. September. Dr. M. Stern. Druck unö Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Ma^ Bauchwitz in Berlin.

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