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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 den Zaddik glaubt, eine Frau, Knoblauch lind die Ueberzengung besitzt, nach dem Tode geradewegs ins Paradies einziehen, wird er, glalibst Du, seinen Zustand gegen die Glasflitter eintauschen wollen, die Du ihm zeigen wirst?" „Aber wir Fernstehenden sehen doch, daß dieses kein Glück ist." „Und was wirst Du dem Chassid geben, wenn Du ihm dasjenige nehmen wirst, was seine Hoffnllng und Zufriedenheit bildet?" „Seelenadel, die Wahrheit des Wissens, die Ideale der Menschheit." Reb Lejbele sprang in die Höhe. „Jizchak, wie kommst Du zu solchen Ideen?" „Ich spreche oft mit Herrn Ludwig ..." „Bauer? Weißt Du, ich würde mein Kind von ihm nicht behandeln lassen und wenn er zehn Doktordiplome hätte, denn er ist entschieden dumm . . ." „Oh!" „Mit seinem Gerede. Denn, was heißt dies?" Mit Begeisterung und Energie begann Jizchak die von Ludwig gehörten Ansichten über die Civilisation, ihre Wohlthateu und Erfolge zu sprechen. Sein Wirth hörte ihm, den Rauch von sich blasend, zu. Graf hatte geendigt. „Das ist abgeschmacktes Zeug." Reb Lejbele verzog sein Gesicht zu einem beißenden Lächeln und begann langsam zu reden. „In meiner Jugend hatte man mich zu Hause ein wenig deutsch, französisch und Mathematik gelehrt. Als ich in Deinem Alter war, krankte ich an demselben Leiden wie Dl>. Da ich ziemlich viel Freiheit und Geld besaß, ließ ich mir Bücher kommen, reiste viel, und jetzt . . . jetzt . . ., siehst Du, können die Chassidim keinen gröberen Makel an mir finden." „Ich verstehe Euch auch nicht." „Höre. Dem Bauer hast Du viel, auf sein Wort hin, geglaubt; warst Du doch nicht im Stande, seine wissenschaftlichen Erörterungen zu prüfen, so mußt Du denn auch mir einiges Vertrauen schenken, wenngleich ich auch zur Bekräftigung meiner Theorien kein . . . Schwesterchen herbeirufe. Nu, nu, fahre nicht so auf. So wisse denn, daß der größte Theil dieser „wissenschaftlichen Wahrheiten", von welchen er Dir so viel vorgefaselt hat, nichts Anderes sind als Seifenblasen, eine Art Fata Morgana-Hirngespinnste und Wünsche, denen man den hochklingenden Namen „Hypothesen" gegeben hat. Er wird Dir keine einzige Theorie anführen, die nicht eben so viele hartnäckige Widersacher hätte, als sie glühende Vertheidiger besitzt; und wer weiß, auf wessen Seite das Recht ist? Beide Parteien sind ernst und oft mit dem gleichen Beweismaterial ausgestattet. Wo ist da die Wahrheit? Du hast sie nicht!" Wir sprechen hier von den Wissenschaften. Du weißt, es giebt deren abstrakte und praktische. Auf alles abstrakte Wissen läßt sich das, was ich Dir gesagt habe, anwenden, und das praktische. Bauer rvidmet sich einem der ältesten, ernstesten und reichsten Gegenstände, der Medizi». Und kann er Dir sagen, wie viele Geheimnisse es da noch giebt, wie viele Fälle wichtiger, ernster Natur, vor welchen die allweise Wissenschaft nach dreitausendjährigcm Kopfzerbrechen dumm und rathlos steht? Und da ist die wichtigste, am meisten bebaute, am höchsten entwickelte Lehre! Wo ist hier also die Wahrheit? Du hast sie nicht!" Erhitzt athmete er auf und fuhr fort: „Er hat Dir viel von der Civilisation gesagt. Dummheit — Spiegelfechterei! Ich werde Dir erzählen, was Kultur ist. Wenn ich Geld habe, kann ich in einer großen Stadt leben, den erdenklichsten Aufwand treiben, ich kann mir schöne Bilder und .noch schönere Mädchen, ernste und schlüpfrige Bücher kaufen. Wenn Du Geld hast, fährst Du mit dem Salonwagen des Blitzzuges, die Zeitungen bringen Dich beini Morgenkaffee mit der ganzen - Welt in Verbindung, Du siehst alle Herrlichkeiten, badest in leiblicher und sogenannter geistiger Wonne, aber wenn Du kein Geld hast? dann wirst Du vor Hunger vergehen, oder verreckst wie eine Schindmähre unter der Ueberlast der Arbeit. Nein, Bruder. Die Civilisation hat nichts weiter gethan, als die verschiedenen Erwerbszweige und Handwerker zur Zufriedenheit und Sättigung der Reichen vervollkommnet. Alle ihre „Wohlthaten" sind blos Gewerbe, welche uns Annehmlichkeiten bieten, und deshalb schätze ich die Kultur so hoch und bedanre nur, daß ich so wenig von ihren Früchten genießen darf. Aber sieh," — fuhr Reb Lejbele fort, das Lächeln und den spöttischen Ton langsam fallen lastend, — „Jahrtausende dauert schon der Gang und die Losung der Civilisation. Haben wir deßungeachtet nicht in Zwischenräumen von einigen Jahren immer wieder die Unterhaltung, welche Krieg heißt, und welche Hnnderttausende harmloser Menschen dahinrafft? Und wozu das? Denn Deine „Wissenschaften" entdecken immer neue Mittel, um in einer Sekunde, mit einem Schlage Tausende hinzumorde». Daher Verwüstung, Blut, Verzweiflung, Hunger und Cholera — und wozu das? Jahrtausende währt sie schon, die Losung und der Gang der Civilisation. Lange schon verkünden ihre Apostel allgemeine Freiheit und Gleichheit. Diese Spielereien, sehr schwer und theuer bezahlt, glänzen bereits aus allen Staatspapieren und Gebäuden. Was folgt daraus? Du gehst auf Reisen, und einige Meilen weiter ist die Welt mit Brettern verschlagen; halt, das ist die Zollgrenze. Sie tödtet ohne Pulver. Du stehst, man läßt Dich nicht weiter gehen, und nur einige Schritte von Dir getrennt, wohnen Menschen, Die Dich nie gesehen, denen Du niemals nahe getreten bist, und welche Dich ^dennoch ans tiefster Seele hassen, weil sie wiffe». daß D» ein Franzose bist, sie aber Deutsche sind . . . und wozu das? Du stellst Dich heute auf die Gasse und sagst: dieser und dieser Herr, Mitglied eines regierenden Hauses, ist kein Ideal der Vollkommenheit — und schon sperrt man Dich ins Loch. Vor Manchen fällt Alles auf die Knie, Andere dürfen von Jedermann straflos angespnckt werden. Hast Du schon einen Bauer gesehen? Er sieht ans wie ein Vieh, arbeitet gleich einem Vieh, wohnt und ißt ärger als ein solches, und dies in der Aera der höchsten Civilisation. Vielleicht übertreibe ich, was? Uebrigens, was habe ich weit zu suchen? Du bist Jude. Weißt Du, was dies bedeutet? Das bedeutet, daß, weil Du zufällig aus dem Schooße einer Jüdin entstanden bist, Du überall verachtet, gehaßt und gequält wirst. Fast überall. Du hast doch gehört ... in Rußland, in Rumänien, in Deutschland, bei uns . . . Genug davon, Jizchak, — dies sind jene Wahrheiten der Wisteilschaft, jene Wohlthaten der Civilisation, welche Du verbreiten und verkünden willst. Es täuscht Dich die glänzende Schale, Du findest aber keine nährende Frucht, sondern nur Gewürm und Fäulniß darin. Vertheile dies unter diejenigen, die Du so sehr liebst. Ha, ha, ha!" Jizchak saß auf seinem Sessel, die Angen starr auf seine» Wirth gerichtet. Diesem war die Cigarre längst ansgegangen, das Gesicht hatte sich gerölhet, die Augen glühten. Er sprach jetzt mit Feuer und Ueberzeugung, so warm wie Ludwig. Er empfand offenbar Alles sehr tief. Am Ende aber ward er plötzlich kühl, und seine Mundwinkel begannen krampfhaft zu zucken.

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