Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 454

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228079--51131-3273978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

454 *— B iimimniui.'i IMMM w —.-.-röär w iiutummmimrei iinn» I I FEUILLETON 1 I SraimuiHniMin — ..iKTiiMJimMi»i*fiiiMjiiT(niuitriii*jimii:i(!KTiijurwii!iiitnuiuiraii:ll!KnUllllWIIIIIIWIIlMlmJII!l!IR! --^ 1 ü ■nminman:nsg2 mMMMW Wer Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) n einem Samstagnachmittage hatte ihn das schlechte Wetter gezwungen, in der Klaus zu bleiben. Er setzte sich in eine Ecke und breitete auf dem Talmudbande irgend eine seiner Schriften aus. Um ihn herum erhob sich Geflüster, entspann sich eine beredte Geberdensprache. Der Angriffsplan wurde entworfen. Er warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf seine Umgebung, da er aber keine beunruhigenden Anzeichen bemerkte, vertiefte er sich weiter in das spannende Büchlein. Da fiel ein Schatten auf seinen Folianten. Er erbebte — auf seinem Arm fühlte er eine fremde Hand. „Behalte Deine sieben Sachen, Jizchak, denn der Angriff naht," — warnte eine wohlwollende Stimme. In flagranti ertappt, wandte sich der erschrockene Schmuggler um. Vor ihm stand ein Mann von beiläufig fünfundzwanzig Jahren, mittleren Wuchses, wohlbeleibt, Besitzer eines runden, rosigent mit einem mit aschblondem, spärlichem Bartwuchs und einer goldenen Brille ausgestaiteten Antlitz. Unter den Gläsern sahen graue, gewöhnlich trübe und glanzlose, manchmal spöttisch und herausfordernd blickende Augen in. die Welt. Sein Anzug war elegant und wohlhäbig. Eine goldene Uhr sammt dicker Kette glänzte unter der zierlichen Seidenbekesche hervor, und glänzende Stiefel knarrten unter den langen, offenbar aus einer guten Werkstatt hervorgegangenen Beinkleidern. Eine Anomalie bildete eigentlich in der chassidischen Klaus Reb Lejbele, auch der „Enkel des Brodyer" (Rabbiner) genannt. Als dem aus einer großen Stadt stammenden Schwiegersohn des reichsten Bürgers verziehen ihm (die Zeloten seine reinliche Kleidung und eleganten Manieren, besonders da es Allen wohl bekannt ist, daß Reb Lejbele, obgleich der Besitzer eines kleinen Geschäfts-Komptoirs, ein gediegener Talmudist ist und alle religiösen Formen und Satzungen mit äußerster Strenge beobachtet. Mit dieser Persönlichkeit hatte der arme Schlucker Jizchak nie zu thun gehabt; sein Erstaunen war daher groß. „Jizchak!" sprach Reb Lejbele leise, „weißt Du, wo unser Haus ist? Komm, wenn Du Lust hast, zu mir in einer Viertelstunde: Die erste Thür rechts, im Hausflur, führt zu mir. Du wirst klopfen. Ich werde allein sein, und wir wollen plaudern." Einen Moment später war er nicht mehr in der Betstube. Ohne Ursache und Ziveck dieser Einladung zu ahnen, begab sich Jizchak in die Wohnung des Gewir (der Reiche). Er fand sich in einem mittelgroßen, nicht nach gewohnter jüdischer Art möblirten Zimmer. Es waren Sophas und Schreibtische und Glasschränke mit Büchern dort. Auf dem Sopha lag der Wirth im leichten Röckchen und — rauchte. Jizchak traute seinen Augen nicht. Er ließ sich auf dem nächsten, ihm angebotenen Sesiel nieder. Der Wirth reichte ihm Cigarette». „Ich danke, ich rauche nicht." „Sage gerade heraus, daß Du fürchtest, weil Samstag ist." Jizchak hatte aus dem Gesehenen bereits geschloffen, wer sein Gegenüber sei. Er sprach daher ohne Zögern: „Ich glaube nicht daran." „Das ist recht," — bemerkte der „Enkel des Brodyer", „daß Du mir nichts weiß machen willst." Er dehnte sich auf dem weichen Divan. „Siehst Du, auch ich bin offen zu Dir. Wir sind an derselben Stelle angelangt. Wir glauben nicht an das, woran unsere Alten glauben. Ich kann Dir sogar sagen, daß ich keinen Pfifferling für all ihren Unsinn und ihre Dummheiten gebe." „Und doch spielt Ihr den Chassids" „Weil es mir in den Kram paßt. Was schadet es, durch einige Viertelstunden die Maske zu tragen? Das strengt nicht an und ist sehr lohnend." „Ich verstehe kein Wort, Reb Lejbele." „Kannst Dein dummes „Reb" lasten. Ich verstehe Dich ganz gut. Dieses blöde Gesindel haßt Dich, und dies genügt mir. Du verachtest es, nicht wahr?" „Dies könnte ich nicht behaupten. Ich bedaure sie." „Bah! sie wollen selbst blind und taub sein." „Weil ihnen Niemand die Augen öffnet. „Willst Du gar ihr Prophet sein?" „Wenn meine Kräfte ausreichen . . . ." „Und diese Kräfte suchst Du im Studium? Nicht wahr? Hast sogar mit Bauers Bekanntschaft geschloffen?" . . . „Das ist wahr." „Dort ist ein schönes Mädel," — und der Enkel des Brodyer schmatzte befriedigt mit der Zunge wie ein Feinschmecker. Jizchak ward plötzlich roth ui>d wandte sich weg. „Nun, nun, Jizchak, denke nicht gleich schlecht von mir. Meine Frau ist mir lieber, denn sie ist nicht so klug und dicker als Jene." „Was wollt Ihr also. Reb Lejbele?" „Ich habe Dich gebeten, dieses „Reb" bleiben zu lasten. Laß Dir genügen, daß ich Dich kenne und mit Dir plaudern wollte. Ich bin Dir weder Bruder.noch Gevatter, aber ich bin Dir gut, denn wahrlich, ich verachte diesen Haufen. Gut, daß Einer wenigstens eine Ausnahme bildet Du thust es, aber Du bist zu naiv. Wozu lernst Du?" „Um mich dem Lichte und der Wahrheit zu nähern." Lejbele lachte laut auf. „Ich ivußte nicht, daß Du solch ein Kabbalist wärest. Du willst Wahrheit? Aber wo wirst Du sie finden? Was heißt Wahrheit? Sprich klarer. Du willst lernen, um ein anständiger Mensch zu werden. Das ist sehr schön. Aber was ist eigentlich Deine Absicht? Willst Du mit dem Strome schwimmen und systematische Schulstudien beginnen, um Advokat zu werden, oder lernst Du blos deutsch, polnisch und Rechnen, um nur etwas zu können und Dir einen Erwerb zu schaffen?" „In der That, ich habe eigentlich noch keinen Plan entworfen," entgegnete Jizchak befangen. „Ich weiß nur, daß ich eine große Summe Wiffens besitzen möchte, um der Menschheit nützen und dienen zu dürfen." Reb Lejbele blickte einigermaßen beunruhigt auf ihn. „Du denkst ernstlich an das Prophetenthum?" „Wenn Ihr es so nennen wollt." „Höre mich an. Ich bin aus reichem Hause und habe jetzt Alles im Ueberfluß, Butterbrod und Wiffenschaft. Und dennoch sage ich Dir, am glücklichsten ist doch das Schwein, das sich befriedigt im weichen Schlamme wälzt. Wird der Tölpel, welcher an Gott und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.