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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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45 $ und Hieroglyphen waren so ziemlich das Einzige, was der Gebildete früher von Aegypten wußte. Seit-den Mittheilungen eines Lepsius, Brugsch, Lauth, Ebers und Anderer haben wir erstaunlich viel gelernt. Ja, eine, gebildete Dame kann heute viele Schriften von Brugsch lesen und wird sie verstehen. - Das hat sie aber nicht allein ihrer großen ägyptischen Gelehrsamkeit, sondern vielmehr der Darstellungskunst des Autors zu verdanken. Denn Brugsch ist nicht blos ein Gelehrter von stnpendem Wissen, sondern auch ein Schriftsteller von feinem Geschmack und echt künstlerischem Vortrag. Seit etwa fünfzehn Jahren ist Brugsch unser Mitbürger, nachdem er fast ein Vierteljahrhundert fern gewesen. Zuerst der Adlatus Alexander v. Humboldts, durch diesen der Schützling Friedrich Wilhelms IV., dann Privatdozent in Graz, wo er eine schöne Wienerin als Gattin heimsührte, darauf wieder Privatdozent in Berlin und Konservator im Museum, endlich preußischer Konsul in Kairo. 1868 nach Deutschland zurückgekehrt, wird er Professor in Göttingen. Aber schon nach drei Jahren kehrt er wieder nach dem liebgewonnenen Pharaonenlande als Direktor der „Eeole d’Egyptologie“ zurück. Dann wird er General-Konimiffair Aegyptens bei den Weltausstellungen und Direktor des arabischen Museums mit dem Rang eines Bey. Vor etwa 15 Jahren zog er sich aus dem ägyptischen Staatsdienst mit ich weiß nicht, wieviel Roßschweifen zurück, kaufte sich in der Leibnizstraße zu Charlottenburg ein stattliches Haus und wollte dort ganz seinen wissenschaftlichen Arbeiten leben. Aus diesen ist er im Jahre 1885 durch den Ruf Bismarcks wieder zu großen Werken berufen worden. Er ging als erster Legationsrath mit der neuen deutschen Gesandtschaft nach Persien. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er einen höchst interessanten Bericht über „die Reise der königlich preußischen Gesandtschaft nach Persien" im Jahre 1862. Brugsch war in Persien zu Hause. Er weilte in den Rosengärten von Schiras ebenso gern wie in der Bierstube von Siechen und wußte sich jedem Wechsel des Geschickes, des Wohnortes, des Klimas, des Berufes mit einer erstaunlichen, wahrhaft merkwürdigen Ruhe und Geschicklichkeit anzupassen. Wenn einer eine Reife thut, so kann er viel erzählen. Was kann aber erst Einer erzählen, der so viele Reisen in fernen Welttheilen ausgeführt. In der Thal, Brugsch mag der größte lebende Aegyptiologe und der berühmteste Schriftsteller gewesen sein — ich schätzte ihn am meisten als Erzähler. Der Massaldschi des Orients mit seinem ungeheuren Einfluß auf die Volksmassen ward vor uns lebendig, wenn wir Brugsch erzählen hörten. Er hatte eine seltene Kunst bis zur vollendeten Virtuosität ausgebildet. Ich erinnere mich dabei eines Abends in dem nun selig entschlafenen „Litterarischen Klub". Die ersten drei Besucher waren an diesem Abend Brugsch, Professor Lazarus und der Schreiber dieser Zeilen. Nach kurzen Präliminarien — Brugsch erkannte Lazarus sofort beim Eintreten, trotzdem er ihn seit 26 Jahren nicht gesehen hatte — kam natürlich das Gespräch auf litterarische Arbeiten und auf Litteraten, dann auf me inen Namen und dessen Etymologie. Eine leicht hingeworfene Frage führte auf Heine. Und alsbald begann Brugsch das Register seiner Erzähluugskünste aufzuziehen. Er führte uns an Heines Krankenbett, die vielberufene Matratzengruft, erzählte uns aus wahrhaft phänomalem Gedächtniß seine Gespräche mit dem Dichter und schrieb mir den bis dahin unbekannten Wortlaut der Kart« auf, mit der Heine den jungen Lassalle an Alexander v. Humboldt empfohlen hatte. Es ist der folgende Satz: „Dem großen Alexander sendet seine letzten Grüße der sterbende Heine." Von Heine kam das Gespräch auf Pariser Verhältnisse. Inzwischen waren schon mehr Gäste hinzugekommen, die neue Fragen einstreutcn, und auf dem Zaubermantel der Phantasie entführte uns der liebenswürdige Erzähler nach dem Wunderlande der Pharaonen, schilderte uns Leben und Lieben in Kairo, seine Beziehungen zum Viceköuig, zu Mariette, mit dem er die Ausgrabungen der Apisgräber bei Memphis geleitet. Immer größer wurde die Corona um Brugsch, der unermüdlich weiter erzählte. Man konnte sich in der That eine Kaffeehausszene in Kairo nicht anders denken. Von Aegypten ging's nach Persien,dann insheiligeLand;endlich zu den wilden Völkerstümmen; ich habe leider ihre Namen vergessen. Mit den Objekten wuchs aber auch die Darstellungskunst des Erzählers sichtlich. Während er vordem liebenswürdig, witzig, geistreich plauderte, schilderte er nun mit dramatischer Lebendigkeit, mit glühenden Farben, mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Sämmtliche Anwesende hatten sich um unsern Tisch versammelt; auch die verhärtetsten Skatspieler hatten ihre Karten weggelegt, und'athemlos lauschten wir Alle dem Fluß der Erzählung bis in die späte Nacht. Am nächsten Morgen schon — ich bitte an den Ausgang des Gesprächs sich zu erinnern — empfing ich eine Postkarte des folgenden Inhalts: „Karpelas-Vorgebirge ist die Bezeichnung eines in Kasmanien gelegenen, an dem persischen Meerbusen, Arabiens Südostspitze gegenüber, hervorspringenden Gebirges, das vom Geographen Ptolemäus ausdrücklich genannt wird. Ich schulde Ihnen diese aponymische Notiz versprochenermaßen. Ihr ergebenster H. Brugsch. Das ist Brugsch, und dieser kleine Zug ist typisch für den Charakter des Mannes. Noll liebenswürdiger Aufmerksamkeit auch für die kleinlichsten Angelegenheiten, voll offenen Sinnes für das Leben und seine Anforderungen beschäftigten ihn die großen Fragen der Wissenschaft und der Politik in gleichem Maße wie die kleinen Sorgen seiner Freunde und Verehrer. ‘ Für uns ist natürlich das Interessanteste, was Brugsch auf dem Gebiete, wo Aegyptologie und Bibelforschung sich berühren, geleistet hat. Abgesehen von den ausschließlich seiner Wissenschaft gewidmeten Schriften, in welchen ja auch fortwährend Berührungspunkte zu Tage treten, hat Brugsch noch folgende in unser Gebiet besonders einschlagende Werke geschrieben: Wanderung nach der Sinai-Halbinsel (Leipzig 1866). L’Exode et los monuments egyptieus (Leipzig 1872). Neue Bruchstücke des Codex Sinaiticus (Leipzig 1875). Der biblische Bericht über die Huugersnoth (Leipzig 1890) und endlich das zusammenfassende Werk auf diesem Gebiete: Steininschrift und Bibelwort. Von der Schöpfung durch Aegypten nach dem Sinai und bis zu den Propheten geleitet er Israel, und aus den ägyptischen Inschriften beweist er mit seltenem Scharssinn die Wahrheit des Bibelwortes. Der Schluß dieses Buches, welcher von der ägyptischen und biblischen Gottesidee handelt, lautet: „Es ist die erste sichtbare Offenbarung der göttlichen,Weisheit, nach einer bei den Aegyptern beliebten Auffassung „das Ange Gottes", welches auf seine Kinder, die Menschen, in ewiger Klarheit und Wahrheit niederschaut, denn aus „der Thräne seines Auges" sind ihre Geschlechter hervorgegangen, um in Reinheit und Wahrheit das göttliche Erbe zu erhalten und durch Gebete, Opfer und werkthätige Liebe untereinander dein Lichte zu geben, was des Lichtes ist." Das war Brugsch's Glaubensbekenntniß, nach dem er lebte und mit dein er gestorben ist. Und darum werden wir sein Andenken immerdar in Ehren halten. G. K.

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