Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Leute sehen allerdings Denkmäler nicht als standesamtliche Ausweise^ an, und patriotische Männer unterscheiden nicht zwischen den für Wohl und Ehre des Vaterlandes gefallenen Söhnen. Anders malt: sich die Welt allerdings in einem antisemitischen Gemüthe, und biefe, Ausnahmeberechtigung wollen wir den Herren gern zugestehen. Gewähren nun die Kriegerdenkmäler keinen ganz zuverlässigen Maßstab für die Beurtheilung militärischer Tüchtigkeit der Juden, und ihrer Theilnahme an den Kämpfen, so können wir unsere antisemitischen Freunde doch auf anderes Material aufmerksam machen; nicht auf Berichte aus den Freiheitskriegen, sondern auf ganz neue, unverdächtige Mittheilungen. Da ist z. B. im Jahre 1891 bei Ernst Siegfried Mittler und Sohn (Berlin, Kochstraße 68 bis 70)- erschicnen eine „Geschichte des Infanterieregiments v. Wittich. 3. Hess. Nr. 83, im Aufträge des Regiments für den Gebrauch der Unteroffiziere und Mannschaften deffelben bearbeitet durch Könemann,,, Hauptmann und Kompagniechef im Infanterieregiment v. Wittich.". Das Buch beschäftigt sich im Wesentlichen mit den Kämpfen des Jahres 1870—71, speziell mit der Theilnahme des Regiments an denselben, die bekanntlich eine hervorragende gewesen und von hoher, und höchster Stelle wiederholt Anerkennung gefunden. Da wird nun auch von zwei oder drei Bravourstückchen namentlich aufgeführter Soldaten berichtet, und der Held des interessantesten ist — ein Jude, Seite 74 ff. Der Verfasser berichtet von den Kämpfen um Orleans und erzählt dann vom 19. November: „Die heutige Vorpostenstellung wurde in und bei Vaupillon bezogen, doch kamen wir während der Nacht, in Anbetracht der Nähe des Feindes, wenig zur Ruhe. Zu unserer Sicherheit und zwecks anhaltender Aufklärung wurden unablässig Patrouillen vorgeschickt. Unter diesen befand sich auch die vom Musketier Marx der 8. Kompagnie geführte, welche den besonderen Auftrag hatte, festzustellen, ob das eine halbe Stunde vor den Vorposten gelegene Gehöft von den Franzosen besetzt sei. Musketier Marx schlich sich vorsichtig an dasselbe heran und fand mehrere Gewehre s vor der Thür des Hauses zusammengesetzt, bemerkte indessen keine Posten.' Schnell entschlossen packte er die Gewehre, warf sie in einen in der Nähe befindlichen Brunnen und drang in das Haus ein, während die beiden anderen Leute der Patrouille mit fertig gemachtem Gewehr sich an der Thür aufstellten.' So gelang es ihm, mehrere Franzosen, welche sich , sorglos dem Schlafe hingegeben hatten, zu überrumpeln. Seine Gefangenen vor sich hertreibend und mit mehreren Broden und verschiedenen - Flaschen Liqueur beladen, traf er alsbald, von gerechtem Stolze erfüllt, wieder bei der Feldwache ein." Der Musketier David Marx — dem hier ein „gerechter Stolz" über seine kühne That zugestandcn wird — ist Jude und lebt als schlichter Handelsmalin in dem Dorfe Grüßen, Regierungsbezirk Kassel. Seinem Buche hat Hauptmaiin Könemann auch eine Ruhmestafel, ein Verzeichniß der gefallenen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments beigegeben. Da der Verfasser in all' den - gefallenen Helden nur gleichberechtigte Söhne des Vaterlandes und Kämpfer für Thron und Reich gesehen hat, so lag für ihn keine - Veranlassung vor, bei jedem der tobten Krieger Religions- und Rassenangehörigkeit zu erwähnen. Wir führen aus den Verzeichnissen der Gefallenen darum nur folgende Namen an, deren Klang mit ziemlicher Wahrheit auf jüdische Abkunft der Träger schließen läßt: II. Tafel Nr. 244 Salomon, Abraham „ 245 Samuel, Carl „ 90 Gutmann, Adolf III. Tafel Nr. 94 Hahn, Joseph „ 196 Moses, Aaron „ 206 Nußbaum, Jakob. Das ist nun nicht ein Name, das sind ihrer sechs, und zwar aus einem Regimente, die wir Herrn Liebermann zur Verfügung stellen. Besäßen wir eine antisemitische Spürnase in der Auffindung jüdischer Namen, so würden wir dieser Zahl sicherlich noch ein weiteres halbes oder ganzes Dntzend zugrsellen können. Im klebrigen möchte ich unfern Freunden und berufenen Vertheidigern empfehlen, die erwähnte Regimentsgeschichte, wie alle anderen in den letzten Jahren erschienenen, nach der angedeuteten Richtung hin eingehend zu prüfen. Da wird sich ein Material finden, dessen wir uns sicherlich nicht zu schämen brauchen. Wir wollen aus den „jüdischeil Heldenthaten" kein Kapital schlagen, wir wollen nur der Oeffentlichkeit aufs Neue in akten- und zahlenmäßiger Weise die Haltlosigkeit aller antisemitischen Behauptungen vorführen. Dell „vaterlandslosen Semiten" sind all' die Gefallenen „theure Söhne des Vaterlandes". Heinrich Srugfch-Pascha. Ein Gedenkblatt. iner von den Ldasside umoth ha-olam, von den Edelen unter den Völkern der Welt, ist mit dem Träger dieses Namens am Sonntag der vorigen Woche aus diesem Leben geschieden, ein Mann, dessen wir mit inniger Liebe, mit aufrichtiger Anerkennung an dieser Stelle gedenken müssen. Denn er war einer der Ersten lind Eifrigsten am Werke, die Authenticität des Bibelwortes durch die Resultate seiner Wissenschaft zu bekräftigen. Das war sein Hauptverdienst für uns. Aus dieser Liebe zum Bibelworte erwuchs für ihn aber auch die Liebe zu den« Volk der Bibel. Heinrich Brugsch war ein aufrichtiger Freund der Juden, nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem Herzen. Ueberall, wo es nöthig war, trat er mit Wort und Schrift für uns ein. Während seines ganzen Lebens hatte er viele jüdische Freunde, und mit dankbarer Gesinnung dachte er immer der Förderung, die ihm von unseren Mäcenen für seine wissenschaftlichen Zwecke so oft zu Theil geworden. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es eine besondere Dankespflicht, einen Jmmortellenkranz auf das Grab des Mannes zu legen, der ihm so lange Jahre in freundlicher Gesinnung verbunden war. Darüber hinaus wird es aber gewiß alle Leser unseres Blattes interessiren, etwas Näheres von dem Leben und Streben dieses ausgezeichneten Mannes zu hören. Heinrich Brugsch ist ein echtes Berliner Kind, der Sohn eines Wachtmeisters von den „Gardekürassieren". Hier wurde er am 18. Februar 1827 geboren lind hier am „Köllnischen Gymnasium" erhielt er seine Schulbildung. Wenn je, erfüllte sich an diesem das Sprichwort von dem Häkchen, das sich früh krümmt. Denn schon der Gymnasiast trat mit einer Schrift hervor: „Seriptura Aegyptiorum demotica“, durch welche die Kenntniß der altägyptischen Volkssprache und Verkehrsschrift wesentlich gefördert und das Verständniß der zweiten Gattung hieroglyphischer Inschriften, nämlich der in demotischer Schrift abgefaßten Texte, wesentlich erschlossen wurde. An der Berliner Universität setzte der begabte Jüngling seine ägyptischen Studien fort, die er bis auf diesen Tag nicht mehr unterbrochen hat. Das Uebrige kann man im Konversationslexikon Nachlesen. Es kann auch nicht die Aufgabe sein, eine Schilderung seiner gelehrten Werke oder gar eine Aufzählung derselben hier vorzunehmen. Die Titel allein würden schon ausreichen, um eine halbe Zeitungsimmmer zu füllen. Und selbst schon diese Titel sind so entsetzlich gelehrt und unverständlich, daß der geneigten Leserin alsbald ganz schwarz vor den Augen würde. Aber das kann noch weniger die Aufgabe dieser Zeilen sein. Wörterbücher und Grammatiken, Historien und gelehrte Berichte, Forschungen und Studien, das wechselt glles in bunter Reihenfolge ab. Pyramiden