Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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450 lasten, wenn diese den leuchtenden Grundwahrheiten des Judenthums nicht zuwider läuft. Der Geldpunkt, auf den Herr Dr. Stößel zum Schluffe so viel Gewicht legt, kann wohl nicht so schwer in die Wagschale fallen1), da ja die Gemeinde für die Betheiligung ihrer Beamten an der Bestattung, sowie für ihre Friedhofseinrichtung zur Aufbewahrung der mit den Aschenüberresten gefüllten Urnen Gebühren verlangen kann und verlangt. Und wenn jüdische Religionsbeamte die letzten Rite» vollziehen und die Urne auf dem jüdischen Friedhofe eine Stätte findet, so ist auch für die Feuerbestattung ein letztes Band mit der Gemeinde Israels vorhanden. Me Wirkung des Antisemitismus im Iudenthum. Von Emanuel Baumgarten. (£}j/vV an kann den Antisemitismus als „alle Krankheit und alle ly Plage" bezeichnen, „die nicht in> Buche dieser Lehre verzeichnet ist". An sich u»d in seinen Folgen und Wirkungen ist er weit unheilvoller als-all die Plagen und Krankheiten, die im Kapitel der „Zurechtweisung" (Deuteron. XXVIII), aufgezählt sind; denn er verwirrt die Geister, beunruhigt die Geinüther, stört den Frieden, lähmt alle Kräfte und hemmt jede freie Bewegung. Er zerreißt die Bande der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit, und jede Autorität ist ein Gräuel in seinen Augen. Die hieraus sich ergebenden Konsequenzen treffen alle Schichten der Bevölkerung. Diejenigen, die auf dem Staatsschiffe das Steuerruder führen, wie Diejenigen, welche im Schweiße ihres Angesichts das kärgliche Brod verdienen, empfinden sie gleich tief und schwer. Wie erst die Bekenner des Judenthums! Ihnen gilt aller Haß und alle Verfolgung. Jedem ihrer Schritte werden ganze Blöcke von Hinderniffen in den Weg gelegt, die Schlange der Verläumdung umzingelt sie, selbst wenn die Lauterkeit ihrer Handlungen durchsichtig ist wie das ans Felsenklüften hervorquellende Waffer. Aber nicht allein die äußere Lebensbethätigung der Juden gilt dem Antisemitismus als das Objekt seiner nimmermüden teuflischen Angriffe, sondern auch deren kulturelles Leben leidet unter dem Fluche seiner Existenz. Nicht daß seine Verunglimpfungen und Beschimpfungen der erhabenen Lehren des Jndenthunis deffen Bekenner sonderlich anzufechten vermöchten; unsere Hasser haben zu allen Zeiten die Axt an den mehrtausendjährigen Stamm unserer Religion anzulegen sich nicht gescheut, allerdings ohne demselben irgend einen Schaden zufügen zu können; er hat seine Wurzeln zu tief in den Felsengrund innerer Wahrheit geschlagen, um durch äußere Angriffe zum Weichen gebracht werden zu können. Was aber den Antisemitismus so verhängnißvoll für unser Bekenntniß macht, das ist, daß er es zuwege gebracht hat, daß — das Prophetenwort variirend — „die es niederreißen und zu Grunde richten, aus der eigenen Mitte hervorgehen". Angewidert von den Schändlichkeiten des Antisemitismus, erfaßt von dem ganzen Jammer seiner Folgeerscheinungen, laffen die besten und edelsten Männer in Israel ihre Hände unthätig in den Schooß sinken und räumen widerstandslos das Feld solchen Elemente», denen sehr oft nichts zur Seite steht, als ihr Streberthum oder Protzenthum. Welche Gefahr birgt dieser Zustand in sich! Zu schweigen davon, in welch unwürdiger, ja kompromittirender Weise nicht selten unsere vitalen Jntereffen nach Außen vertreten werden, wollen wir nur von beit Schäden sprechen, die im Innern angerichtet werden. Mit Wehmuth muß man sich des talmudischen Spruches erinnern: „Das, was verdorben ist in ihnen, habet ihr gethan." Weil die Reaktion, deren Herold der Antisemitismus ist, anderwärts ihre Triumphe feiert, haben manche der gegenwärtigen Leiter des jüdischen Gemeinwesens auch nichts Eiligeres zu thun, als ihre Fahne ebenfalls aufzupflänzen. Und so sehen wir den Besitzstand des fortschrittlichen Judenthums allmülig sich verringern, dafür aber die rückläufige Bewegung in unserem Kultus an Boden gewinnen. Diese Erscheinung ist um so erklärlicher, als sie nur natürlich ist; wo die vorwärts treibende Kraft fehlt, nimmt der Lauf eine retrograde Richtung. Das Judenthum ist aber der Fortschritt. Wie die Genesis uns die Schöpfung nicht als abgeschloffen, sondern dem Menschengeist und der Menschenkraft zur weiteren Entwickelung — la'krssotd — zeigt, so gebt das erste Wort des Dekalogs — Anochi — dem israelitischen Volke die Direktion für die Auffaffung seiner Mission. „Ich, der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Lande Aegypten" ist derselbe, der als: „Ich werde, der ich werde" die Botschaft der Befreiung an das Volk richten ließ. Keimendes Werden, nicht der faule Stillstand, noch wen ig erd er unheilvolle R ückschritt ist also das Kriterium der israelitischen Religion. Es wäre grausam betrübend, wenn auch nur einen Augenblick geglaubt werden müßte, diese Heillehre sei aus unserem Gedächtnisse geschwunden, noch betrübender, wenn sie, eingeschüchtert durch das wüste Toben des Antisemitismus, preisgegeben werden sollte. Von Ha man, dessen Anklagen der Midrasch in einem sogenannten Memorandum zusammenfaflcn läßt, bis auf deffen Epigonen neuester Zeit, war es immer das verfinsterte Judenthum, das Anlaß bietet, die politische Gleichstellung und Gleichberechtigung der Juden zu bekämpfen. Wohl fehlt es nicht in der eignen Mitte an solchen, denen diese Wendung der Dinge nicht ungelegen kommt; 'für sie muß cs nämlich finsterste Nacht sein, wenn ihr mattes Licht zur Geltung kommen soll. Darf es aber in solchem Momente bei uns an Männern fehlen, die dieser schwarzen Schaar muthig und energisch sich entgegenstellen? Als dieselbe unter dem Bach-Thun'schen Regime ihre Zeit in Oesterreich für gekommen hielt, ihre dunklen Pläne auszuführen, da machten sie sich auf, die Männer des Wiener Kultusvorstandes, wie: Josef Wertheimer, Heinrich Sichrovsky, Leopold Wert heimstein rc., und an ihrer Spitze der unvergleichliche Mannheimer, und wiesen sie in die ihr gebührenden Schranken. Es gelang; Wien blieb der Vorort für den Fortschritt im österreichischen Iudenthum. Soll es nun anders sein? Darf man aus purer Antisemitenfurcht den Glanz unserer religiösen Einrichtungen verdunkeln lassen? „Israel ist nicht verwaist." Auf denn, ihr Männer „von biederem, gottesfürchtigem, wahrheitsliebendem, uneigennützigem Sin»! In der Wüstenei unserer Verhältnisse ruft die Stimme: „Räumet de» Weg des Ewigen, ebnet in der Trifte die Straße für unser» Golt!" Und „der Gott Israels schlummert nicht und schläft nicht;" er wird uns auch beistehen im Kampfe gegen Amalek-Aiitisemitismus; »uc nicht die Arme sinken laffen! i) Auch ein anderer Punkt ist nicht ganz zutreffend. Wer aus Ueberzeugung und Neigung der Feuerbestattung den Vorzug vor der Beerdigung einräumt, wird vor manchem Bdenken nicht zurückweichen.