Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228079--51126-3273973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWAWMMWWWWWWWWWWMWWMDMWW4^WUWMW«W»WW>WWWW^^ Dr. Stößel's Aufsatz und über das Thema überhaupt beschränken. Man kann und muß ja nicht bei jeder Gelegenheit jeden Gegenstand ab ovo rmd de novo mit nichts auslassender Umständlichkeit behandeln. Vor Allem möchte ich hier auf eine Stelle Hinweisen, die auf unsere „orthodoxen"4) Gegner der Feuerbestattung vielleicht zu meinem Bedauern einen unheimlichen und verblüffenden Eindruck machen wird. Sie findet sich im Midrasch Wajoscha (eck. Jellin. Beth. Hamidr. I., p. 37) und lautet: „Jsack richtete an. seinen Vater Abraham auf dem Berge Morijah die flehentliche.Bitte: „Verbrenne mich vollständig und bringe meine Asche meiner Mutter Sarah, damit diese sie in einer Urne iw ihrem eigenen Zimmer aufbewahre und jedesmal, wenn sie daffelbe betrete, meiner unter Thränen gedenke."3) Diese Stelle, welcher Zeit auch ihre Abfassung augehören und von welchem Autor sie auch herrühreu möge, beweist doch das Eine aufs Schlagendste, daß in der Zeit und in den Kreisen, wann und wo sie niedergeschrieben, die Kremation und der geurnte Aschenanblick3) keineswegs als unjüdisch und irreligiös angesehen wurde. Die von der jüdischen wie christlichen „Orthodoxie" mit siegender Beweiskraft bekleideten Worte (1. M. 3, 19) 21V71 und ähnliche biblische Aussprüche enthalten nicht nur kein Gebot der Beerdigung, sondern können auch nicht einmal übersetzt werden: „Zum Staube (zur Erde) sollst du wieder zurückkehren," sondern: „und zu Staub wirst du wieder werden." Denn auch vom „Gewürm ohne Anzahl, den kleinen und großen Thicren" wird (Psalm 104, 25 und 29) die gleiche Redensart gebraucht, welche einfach Gebrechlichkeit und Sterblichkeit bedeutet. Und wie wäre denn Abrahams Ausruf (1. M. 18, 28): „ich bin ja nur Staub und Asche" zu nehmen? Zudem, wenn jene Worte auch nur die leiseste Andeutung von einer Erdbestattungspflicht enthielten, jo hätte sie der Talmud gewiß ins Treffen geführt, als er (Synh. 46 b) über die Frage verhandelte. Giebt es in der Thora eine Andeutung für die Leichenbeerdigung als Gebot? Der Talmud selbst, indem er sich schon mit einer Andeutung zufrieden stellt, giebt also indirekt zu, daß die Pflicht der Beerdigung seitens der pentateuchischen Gesetzgebung nirgends zu eruiren und zu begründen sei. Sie war bei den alten Hebräern eben nur eine Gepflogenheit4), die sich auf die späteren Nachkommen fortgepflanzt, ohne darum zum unllmstößlichen Gesetze anderen Bestattungsformen gegenüber zu werden. Welche Hypothese ja der Talmud I. l. selber zugiebt xp ■'JW*?. Der leitende Grundgedanke war, die entseelte Hülle des Menschen, namentlich eines theuren Anverwandten, nicht wie zerbrochenes Geschirr oder wie ein vernunftloses Thier hinauszuwerfen oder draußen verächtlich herum liegen zu lassen als Spielwerk der blinden Elemente oder zur sichtbaren Benagung und Zerfleischung durch Raub- und sonstige Thiere. 1) „Orthodox" und „Orthodoxie" — ich bediene mich dieser Benennung sehr ungern, statt derselben vielmehr „Hyper" oder „Ultraorthodoxie" — ist oft „heterodox" oder „Heterodoxie", i. e. mit dem Wortlaut oder Geist der Bibel, der Magna charta des Judenthums, nicht übereinstimmend. 2) Bergt dazu M. Rabbah 4. M. Kap. 17. 3) Ueber die vielen liturgischen Stellen, in denen die imaginäre Ganzopfer-Asche des Jsaac eine so bedeutsame Rolle spielt, habe rch mich in meinen oben angeführten Artikeln mit auf der Hand liegenden Deduktionen bereits ausgesprochen. 4) Nicht ein religiöser Gegensatz zur Feuerbestattung, sondern zur Nichtbestattung überhaupt. Dies vornehmlich bedeuten alle diesbezüglichen biblischen Begräbnißurgirnngen.; Und darin, als im Gegensatz zu andern Bestattnngsmethoden, die das Gleiche bezwecken und erzielen, ist ja keineswegs eine spezifisch jüdische Dogmatik oder Ethik involvirt. - Ein Gleiches, wie auf den Pentateuch, läßt sich auch in Bezug auf die übrigen Theile der Bibel mit positivster Bestimmtheit behaupten. Auch in diesen tritt immer die Gepflogenheit4), nicht ein apodiktisches Gesetz zu Tage, der einzig und allein das oben angegebene Motiv zu Grunde liegt. Wäre es anders, so würde gewiß der Talmud, dem es ja sonst nicht an Mnth und Dialektik fehlt, „Gebirge von Halachot an ein Haar zu hängen", aus einer jener Stellen ein positives Beerdigungsgebot hergeleitet haben. Auf die mancherlei biblischen Stellen3), in denen von Verbrennung von oder bei Leichen die Rede ist, rekurriren wir keineswegs, um aus ihnen die Statthaftigkeit der Feuerbestattung herzuleiten; sie sind eben in ihrem Wortlaute nicht bestimmt genug und erfuhren ja vielfache Deutung. Doch gerade darum glauben wir, daß auch die Gegner der Kremation, wenn es ihnen anders um ernste Beweisführung und um die Eruirung der Wahrheit zu thun ist, an jenen Stellen nicht ihre Jnterpretationskünste üben sollen. Auch im Talmud3) selbst findet sich kein Verbot gegen die Feuerbestattung; und wenn hier Und da im Midrasch (bekannt ist rUTHi! "pflö pK) und bei späteren Kasuisten, zu Mystik oder Kabbalistik geneigt, sich Jnterdiktionen finden, so kann das gegenüber dem Großen und Ganzen nicht ins Gewicht fallen. Zudem wird ja Einbalsammmg der Leiche ihrer Verbrennung gleichgestellt (s. R. Jontob Pess. 4, 9 zu 1. Sam. 31, 12) und dennoch wurde jene nicht beanstandet. Und eine namhafte rabbinische Autorität, Salomo b. Aderet, nach dem auch vielfach verfahren wurde und wird, gestattet ja sogar die Leiche mit Kalk zu belegen, um ihre schnellere Auflösung herbeizuführen. Wie kann man also logischernnd konsequenterweise behaupten, daß Feuerbestattung nach jüdisch ritueller Auffassung eine schwere Beschimpfung der Leiche und irreligiös sei? Ich wollte und will durchaus keine Propaganda für die Feuerbestattlmg machen, sondern nur unparteiisch den jüdisch - rituellen Standpunkt klarlegen und Jeden nach seiner Fahon selig werden 9 Wie etwa die des Gewinsels der gemietheten Klageweiber odergewisser elegischer Ausrufe oder mancher Bräuche (Mißbräuche) seitens abergläubischer Verwandten oder Beerdigungs-Gesellschaften zu verhindern. 2) Der Schwerpunkt in 2. Könige 23, 16 liegt wohl in der Verunreinigung des Altars durch die verbrannten Menschenknochen und deren verächtlicher Behandlung, nicht in ihrer Verbrennung an sich. Und beiläustg, was ich ja schon zum Theil damals Herrn Dr. Kohn gegenüber zu dem Citat Berach. 486 bemerkt: „Der grausame Vorgänger des Antonin wollte ja die Ueberreste der Gefallenen beschimpfen; darum ließ er ihnen nicht die Verbrennung, die römische Bestattung zu Theil werden." b) Die Mischna Aboda Sarah 8 a verbietet nicht das Verbrennen von Leichen, wie Herr Dr. Stößel und manche jüdische wie christliche Bibelforscher irrthümlich meinen, sondern spricht nur von der Fülle der Spezereien und Geräthe. (Aus Mischna Oholoth 2, 2 1EK ist sogar klar ersichtlich, daß zu jener Zeit Leichenverbrennung — von einer Feuersbrunst kann dort nicht die Rede sein — stattfand). Das Citat von Jebam. 78 b ist von Herrn Dr. Stößel nicht ganz korrekt und unvollständig gegeben. „Der verbrannt, also nicht vorschriftsmäßig betrauert wurde" steht nicht im Text. Derselbe lauter vielmehr, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht: ipjtf 1,13333® 13p3® ‘1ÖD3 tfbl lfTTDpI ED1- Andere kleine Ungenauigkeiten in (Maten und Deduktionen in Herrn Dr. Stößels Artikel übergehe ich — die Prediger gestalten sich auch bei ihrer wissenschaftlichen Abhandlung oft rhetorische Licenzen — und erlaube mir, interessirte Leser auf meine erwähnten Artikel in der „Flamme", der „Jüdischen Presse" und in der „Israel. Wochenschrift" hinzuweisen. i