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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-21 · Heft 38 (21.9.1894) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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448 wie so vielen, vielen Andern. Alle seit vielen Jahren nach Berlin gezogene Familien, Alle, die einen eignen Hausstand gegründet haben, sie zahlen Gemeindesteuern, können aber in den Gemeindesynagogen Plätze nicht erhalten. In der ersten Zeit empfinden sie es schmerzlich, nach und nach gewöhnen sie sich hieran, es fehlt ihnen jede religiöse Anregung, und Gleichgiltigkeit kehrt bei ihnen ein, die sich bei Vielen auf alle Gemeindeinstitutionen erstreckt. Wenn sie dann nur noch Steuern zahlen sollen, so empfinden sie diese als eine ganz ungerechtfertigte Last, die abzuschütteln sie bestrebt sind. Aber nicht allein sür solche Festtage, die den meisten Glaubensgenossen für den Synagogenbesnch geeignet sind, ist die Synagogennoth vorhanden, auch für den Sonnabend ist der Mangel recht sehr fühlbar. Ist das Wetter einigermaßen günstig und findet eine Predigt statt, so sind die Synagogen gefüllt. Bedürfte es eines Beweises für die Nothwendigkeit von Synagogen in anderen Stadttheilen auch für den Sonnabend, so wäre nur auf den regen Besuch der neu erbauten Synagoge in der Lindenstraße zu verweisen. Das gleiche Bedürfniß macht sich im Westen, Südosten und Norden geltend; namentlich in den letzteren Bezirken wird der ärmere Theil der Bevölkerung am meisten geschädigt. Der Noth gehorchend, vereinigen sich solche Glaubensgenossen, um einen Betsaal zu errichten, den sie aus eignen Mitteln erhalten wüsten, und wenn auch der Gemeindevorstand eine kleine Beihilfe gewährt, so sind die Mittel doch so karg bemesten, daß der Unterschied zwischen diesen gottesdienstlichen Veranstaltungen und denjenigen der Gemeinde-Synagogen erschreckend ist. Hier Paläste fiir Millionen, dort Fabrikräume auf schmutzigen Höfen oder ein Wohnzimmer im Hinterhause einer entlegenen Straße?) Und welche Opfer werdest hierfür gebracht! Glaubensgenoffen, die von der Gemeindesteuer befreit werden müssen, tragen hierzu bei, um nur eine Andachtsstätte zu haben, wenn sie auch noch so bescheiden ist; es wird ein Vorbeter engagirt, der zugleich den Kindern Religionsunterricht ertheilt, nach seiner Weise, nach seinem besten Misten und Können. Und so werden auch auf diesem Gebiete soziale Gegensätze geschaffen und gefördert, wie sie krasser kaum denkbar sind. Sollte es so schwer sein, Abhilfe zu schaffen, erträgliche Zustände herbeizuführen? Wenn Städte mit hundert und weniger jüdischen Familien eine Synagoge, Rabbiner, Vorbeter rc. unterhalten können, sollte es nicht möglich sein, für Berlin mit seinen 80,000 jüdischen Einwohnern, mit seinen 14,000 Steuerzahlern einigermaßen zu sorgen? Bei den letzten Gemeindewahlen wurden in dem Wahllokal des Westens nächst der Oranienburgerstraße die größte Zahl aller Stimmen abgegeben. Der Süd- Osten, der ebenfalls ohne Gemeinde-Synagoge ist, hat eine so starke jüdische Bevölkerung, daß eine daselbst befindliche höhere Töchterschule fast zur Hälfte von jüdischen Kindern besucht wird. Der etwa 80,000 Einwohner zählende Stadttheil Moabit hat jetzt zum ersten Male lediglich für die hohen Festtage eine gottesdienstliche Veranstaltung erhalten. Während eines Zeitraums von 20—25 Jahren, in welchem sich die jüdische Bevölkerung um mehr als das Vierfache vergrößert (1868 ca. 5000, 1893 ca. 14,000 Steuerzahler) und sich über alle Stadttheile verbreitet hat, ist leider nichts geschehen; endlich wurde eine Synagoge in der Lindenstraße erbaut mit einem Kosten, anfwande von iy2 Millionen Mark. Gewiß ist dieses Gotteshaus schön, aber es ist nicht anzunehmen, daß die Besucher der Synagogen in der Heydereutergaffe und Kaiserstraße mit weniger Andacht ihre Gebete verrichten. Die in den letzten Jahren hier erbauten Kirchen 0 Jndeß muß hier doch anerkannt werden, daß bei den in letzter Zeit errichteten Vereins-Synagogen in dieser Beziehung eine wesentliche Besserung eingetreten ist. liefern den Beweis, daß man mit weit geringeren Mitteln anskommen kann; so kostet die katholische Piuskirche 300,000 M., die vor einigen Wochen eingeweihte Versöhnungskirche mit innerer Einrichtung 273,000 M., ohne Einrichtung 240,000 M., und es kann deshalb wohl nicht bestritten werden, daß ein würdiges Gotteshaus für 200,000 M. erbaut werden kann, da die Kosten des Kirchthurmes fortfallen. Sollte es nicht möglich sein, den Bauplatz von der Stadt kostenlos zu erlangen, so wäre das Hinterland eines in einer Nebenstraße belegeiren Grundstücks mit 300,000 M. zu veranschlagen, und würde demnach eine allen Anforderungen entsprechende Synagoge für Vs Million herzustellen und mit einem Aufwande von 1 Vs Millionen, der den Etat um 60,000 M. belasten tvürde, die ganze Synagogennoth beendet sein. Es würde zu weit führen, hier den Beweis zu erbringen, daß diese Summen ohne Belastung der Gemeindemitglieder leicht aufzubringen sind. Die Gemeinde sorgt in hervorragender Weise für Arme und Kranke, für Alte und Gebrechliche, für Wittwen und Waisen, sie giebt sogar jährlich mehr als 100,000 M. aus, um einem winzigen Theile der Jugend eine besondere Schule zu erhalten; da kann es keine Schwierigkeiten bereiten, einen so geringen Betrag bereit zu stellen, um dringenden, immer unabweislicher werdenden Nothständen abzuhelfen. Wie nach Eröffnung der Synagoge in der Lindenstraße die Plätze sehr bald vergriffen waren, so wird es auch in den neuen Synagogen sein; es wird ein viel größerer Ansturm entstehen, weil die Plätze, entsprechend den Herstellungskosten, billiger zu erlangen sein werden, und sollte man dann noch einen Platz für eine Tochter oder einen Sohn erringen können, so wird die Gemeinde mit Genugthuung hierauf blicken und sich der Hoffnung hingeden können, daß die Heranwachsende Jugend nicht ganz unserer Religion abtrünnig wird; sie wird an heiliger Stätte in Gemeinschaft mit hren Eltern den belehrenden und erhebenden Worten unserer Prediger lauschen können, und die Liebe zu unserer erhabenen Religion wird in ihre Herzen einziehen und sie stählen für das ganze Leben; sie werden lernen, im Unglück nicht zu verzweifeln, im Glücke bescheiden zu sein zu ihrem eigenen Heile und zum Segen der Gemeinde. Diejenigen aber, die über das Wohl der Gemeinde zu bestimmen haben, sie sind auch den nächsten Generationen verantwortlich. An sie ergeht mein Mahnruf, nicht länger zu zögern, muthig ans Werk zu gehen, wenn auch Schwierigkeiten zu überwinden sind Zur Feuerbestattungsfrage. Bon Dr. A. Wiener in Oppeln. #errn Rabbiner Dr. Stößel's Behandlung dieses modernen, hochwichtigen Gegenstandes in Nr. 32 und 33 dieser geschätzten Zeitschrift ist weder ganz neu noch vollständig erschöpfend, verdient aber doch wegen ihres ruhigen wiffenschaftlichen Tones und ihrer klaren und zutreffenden Zusammenstellung der meisten einschlägigen Stellen und Momente allgemeine Anerkennung und Beachtung. Da ich mich, vom „Berliner Verein für Feuerbestattung" dazu aufgefordert, in dessen Spezial-Organ, der „Flamme" (Nr. 19, 1885), bereits vor neun Jahren über diese, weite Kreise absorbirende Frage ausgesprochen, auch in einigen Nummern der „Jüdischen Presse", weil angegriffen von Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer, und namentlich in der „Israelitischen Wochenschrift" 1886 und 1887 lange Kontroversen mit Herrn Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw und andern geschätzten Kollegen darüber geführt habe, so will ich mich hier auf einige kurze Bemerkungen zu Herrn

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