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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-14 · Heft 37 (14.9.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 der als Patron der Hultschiner Kirche seine Liebespflichten gegen dieselbe jederzeit in reichem Maße erfülle. Baron Rothschild hatte aus Wien seinen Centraldirektor zur Begrüßung entsandt und gleichzeitig telegraphisch angeordnet, daß die Wohnungsräume des hohen Gastes im Pfarrhause mit den kostbarsten Palmengewächsen und mit Möbelstücken aus seinem Schlosse Schillersdorf ausgestattet würden Der Baron lebt im weiten Umkreis seines Gutsbezirkes als Wohlthäter im Munde der Armen. Dr. Blumenthal rief zum Schluffe dem Kirchenfürsten einen biblischen Segensspruch zu und pries ihn als den Hort des Friedens und als einen Bürger jener ahnungsreichen Ferne, in der es nur einen Hirten und eine Heerde geben werde. Der Kirchenfürst dankte in den verbindlichsten Worten für die ihm erwiesene Ehre, und mit herzlichem Händedruck schieden Fürsterzbischof und Rabbiner von einander. M. Hamburg, 10. September. Das Repräsententantenkollegium des neuen israelitischen Tempels hat binnen kurzer Zeit den Verlust zweier Mitglieder zu beklagen gehabt. Vor etwa vierzehn Tagen starb das langjährige Mitglied des Repräsentantenkollegiums Herr Ad. Schlöstein. Bei der zwei Tage später erfolgten Beerdigung hatte sich ein zahlreiches Gefolge von Freunden und Bekannten eingefunden, u. A. war auch der Direktor der hiesigen Seewarte, Herr Geh. Admiralitätsrath Dr Neumayr, als langjähriger Freund des Verstorbenen, erschienen. Im Sterbehause widmete Herr Prediger Dr. Seligmann den: Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf. Die Geschichte des Verstorbenen, welcher ein Alter von über 70 Jahren erreicht hat, ist schnell erzählt. Als geborener Hamburger trat er hier in einem Kaufmannsgeschäft in die Lehre, um sich dann nach vollendeter Lehrzeit nach England zu begeben. Von hier aus ging er nach Australien, wo er längere Zeit auch als hamburgischer Konsul thätig war Nach Hamburg zurückgekehrt, stellte er sein reiches Wissen und seine große Erfahrung in den Dienst der Allgemeinheit, indem er insbesondere als langjähriges Mitglied des Repräsentantenkollegiums des Tempelverbandes wirkte. Redner erinnerte dann weiter daran, wie der Verstorbene die seltene Gabe besessen, jedem Vorfall im Leben die heitere Seite abzugewinnen und sich durch seine Liebenswürdigkeit zahlreiche Freunde erworben habe. Das Andenken des Verblichenen werbe stets inmitten seiner Familie und seiner Freunde fortleben. Die Trauerrede machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. — Zwei Tage später fand die Beerdigung des Herrn Bhd. Elkan, in Firma C. F. Guhrau Nachf., statt. Nachdem der Tempelchor unter Leitung des Musikdirektors Ad. Mehrtens das Beethovensche Lied „Seele, was betrübst du dich" vorgetragen hatte, ergriff Herr Prediger Dr. Leimdörfer, welcher als langjähriger Freund des Verstorbenen, auf die Nachricht von dem Todesfall hin, aus weiter Ferne herbeigeeilt war, das Wort zu einer tiefempfundenen Trauerrede. Meisterhaft schilderte der Kanzelredner den Dahingeschiedenen als Familienvater, als Mitglied des Repräsentantenkollegiums, sowie als treuen aufopfernden Freund, als welchen er ihn kennen gelernt hatte. Alsdann trug der Tempelchor das Mozartsche Lied „O stille deinen Kummer" vor. Im Namen der Loge „Bruderkette", welcher der Verblichene angehört hatte, sprach Herr I. F. G. Schultz. Derselbe legte drei Rosen auf die Bahre als Symbol des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Nachdem dann noch Herr I. Goldfrecht als langjähriger persönlicher Freund dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf gewidmet hatte, wurde die Leiche von den Beamten der „Neuen Israelitischen Beerdigungsgesellschaft" auf den Wagen gehoben und nun setzte sich der Leichenzug, welcher aus etwa 30 Equipagen und vielen Fußgängern bestand, nach dem Friedhof am Grindel inBewegung. 11. Aus Westfalen, im September. Die Kgl. Regierung zu Arnsberg hielt in der vergangenen Woche bei den Kreisschulinspektoren Umfrage, ob die jüdischen Feiertage, also der Tag vor dem Peßachfeste, die beiden ersten und letzten Tage desselben, die beiden Tage des Wochenfestes, die beiden Neujahrstage, der Versöhnungstag, die beiden ersten und letzten Tage des Laubhüttenfestes und der Tag der Zerstörung Jerusalems, bisher frei gewesen wären, ob dieselben auf die allgemeine Ferienzeit angerechnet seien, und ob noch an anderen jüdischen Feiertagen der Unterricht ausgesetzt worden sei. Ob sich diese Umfrage auf eine allgemeine Regelung der Ferien für die jüdischen Schulen bezieht? a. Crefeld, 9. September. Am 19. September dieses Jahres begeht Herr Oberrabbiner Dr. Horowitz das Jubiläum seiner 25jährigen Amtsthätigkeit in hiesiger Gemeinde. Für die geplante größere Feier hat sich ein Festkomitee gebildet, das sich aus den Vorstehern, Repräsentanten und anderen angesehenen Mitgliedern der Gemeinde zusammensetzt. Einladungen an die hiesigen Behörden u s. w., sowie an sämmtliche Nachbarkollegen des Herrn Dr. Horowitz sind bereits ergangen. K. Cassel, 11. September. Vor der hiesigen Strafkammer wurde, als Nachspiel der letzten Reichstagswahlen, die vom Reichstagsabgeordneten Herrn Hans Leuß erhobene Anklage gegen den Leiter der „Hessischen Morgenzeitung", Buchdrucker P. Schneider, Kassel, den Verleger der Fulda-Werra-Zeitung W. Haubold, Eschwege, und den Kaufmann S. Schloß-Witzenhausen wegen Beleidigung erhoben. In zwei Flugblättern waren dem Kandidaten Leuß eine Anzahl schwerer Vorwürfe gemacht und moralische Mängel vorgeworfen, von denen er sich in der Verhandlung, zu der er persönlich erschienen war, frei zu sprechen wußte; auch Hofprediger Stöcker, wie Redakteur Oberwinder, kommissarisch vernommen, sagten zu seinen Gunsten aus, daß sie weder aus eigener Erfahrung noch vom Hörensagen etwas von Unterschlagung seitens des Leuß wissen. Alle drei Angeklagte wurden wegen Beleidigung nach §§ 185 und 186 des R.-Str.-G. B. schuldig gesprochen und ein Jeder zu einer Geldbuße von 200 Mk. verurtheilt. Herr Reichstagsabgeordneter H. Leuß ging also rehabilitirt aus diesem Prozesse hervor, nur so einzelne Kleinigkeiten, die ihn als Antisemiten-Agitator nicht stören und hindern, gab er im Verlauf der Verhandlung zu. In Geestemünde hat er als 18 Jahre alter Bursche Konkurs gemacht und auch den Offenbarungseid geleistet. Seine Gymnasialbildung ist unterbrochen, da er gegen seine Neigung die Schule verlassen habe und in das Geschäft seines Vaters, eines Seemannes von Beruf, getreten sei, um das zurückgegangene Geschäft zu retten. Es sei ihm aber mißglückt. Später in besseren Verhältnissen, habe er die damals unbezahlt gebliebenen Gläubiger — nicht befriedigt. Im Kaffeehause Robby zu Hannover habe er eine Prügelei gehabt, sei auch durch das Hinterfenster des Waschraumes, wo er sich das Blut abgewafchen, ins Freie gestiegen, doch habe er den Robby zuerst geschlagen, als er ihn belästigt habe. — Sein bester Freund, Herr D. Schnutz, habe gegen seine Gattin einen Ehescheidungsbezw. Ehebruchsprozeß angestrengt, und er, trotzdem er selbst verheirathet ist, den Hauptzeugen gemacht; er habe jedoch eidlich erhärtet, daß er sich keines Ehebruchs schuldig gemacht. Er giebt ebenfalls zu, daß ein Meineidsverfahren früher gegen ihn anhängig war, die Klageerhebung abgelehnt, jetzt aber ein neues Meineidsverfahren in Hannover eingeleitet wurde. — So ging Herr Hans Leuß, Reichstagsabgeordneter, aus dem Prozesse hervor! X Marburg, 9. September. Es war zu erwarten, daß wie bei jeder Cholera-Epidemie auch bei der in unserer Nachbarschaft ausgebrochenen Seuche der „polnische Jude" sofort eine hervorragende Rolle spielen würde. Das ist denn auch prompt geschehen. Hier in Marburg war übrigens von derlei Gerüchten, wie sie die antisemitische Presse mit Behagen auftischt, bis jetzt nichts zu hören. Vielmehr sprach man nur von den polnischen Arbeitern, die bei dem in Bürgeln wohnhaften Gutspächter Schneider beschäftigt sein sollten. Auch das war reine Erfindung, denn Herr Schneider hat keine polnischen Arbeiter auf seinem Gut. Dagegen stieß die amtliche Cholera-Kommisston bei der wissenschaftlichen Feststellung der Ursache der Seuche auf den angeblichen „polnischen Juden". Die Kommission überzeugte sich aber sofort durch genaue Nachforschungen in Bürgeln, daß Niemand den „polnischen Juden" gesehen hatte. Heute wurden nochmals der Bürgermeister und andere Einwohner Bürgelns befragt, und es ergab sich wieder, daß seit Monaten kein „polnischer Jude" in dem Dorfe erblickt worden ist. Von dem „polnischen Juden" machte zuerst der — Pfarrer der Gemeinde der Cholera-Kommission Miltheilung. Woher der Herr seine Wissenschaft bezogen hat, war nicht festzustellen, um so weniger, als er bei der Umfrage der Cholera-Kommission bei den Ortseinwohnern leider durch „Mangel an Zeit" verhindert war, persönlich zugegen zu sein. f. München, 11. September. In aller Eile theile ich Ihnen heute mit, daß Herr Rabbiner Dr. Werner aus Danzig von unserer Kultusverwaltung mit Stimmeneinhelligkeit zum Rabbiner gewählt worden. Die Annahme der Wahl seitens des Herrn Dr. Werner steht außer Zweifel. Die Münchener Gemeinde kann sich zu dieser Wahl Glück wünschen, da sie einen vortrefflichen Kanzelredner und einen in jeder Beziehung würdigen Vertreter ihrer religiösen Angelegenheiten in Herrn Dr. Werner gefunden hat

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