Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Oesterreich Ungarn. □ $8ien, 10. September. Das kleine steirische Städtchen Mur au hätte sich's in seiner Unbedeutendheit wohl nie träumen lassen, daß eines Tages so oft von seiner Existenz Erwähnung gethan werde, wie dies in den jüngsten Tagen betreffs des skandalösen Auftritts daselbst in den Blättern geschah. Jetzt haben die Murecker dem „N. W. Tageblatt" eine geharnischte Erklärung gesandt, in der sie alles Geschehene rundweg läugnen — nun, das ist bequem: erst beschimpfen, um später, wenn die Angelegenheit zu Tage tritt. Alles hinwegzuläugnen. Indessen hat der Zwischenfall in Mureck die Statthalterei veranlaßt, sofort von der Bezirkshauptmannschaft Radtersburg einen Bericht abzuverlangen. Landesingenieur Heide hat gegen den Bürgermeister Mravlag von St. Leonhard einen Ehrenbeleidigungsprozeß angestrengt. — Die deutsche Parteileitung in Böhmen hat soeben ein Rundschreiben erlassen, in welchem sie gegen die antisemitische Strömung im Vereinsleben entschiedene Stellung nimmt. Das Rundschreiben ist offenbar zunächst durch die eigenthümliche Haltung des Schulvereins-Obmanns Dr. Wettlof gegenüber dem neugegründeten Bunde der deutschnationalen Antisemiten Böhmens hervorgerufen worden, — Hier taucht Pfarrer Deckert wieder auf, und zwar als Volksredner — diesmal nicht von der Kanzel herab, sondern als Wirthshausredner. Thatsächlich häk Pfarrer Deckert vor einigen Tagen in einem kleinen, obskuren Gasthaus^ das nur von Tramway-Bediensteten besucht wird, eine Brandrede gegen das Kapital gehalten; aber seine Rede schien selbst auf dieses PubMury keinen Eindruck zu machen, denn die Zuhörer entfernten sich zumeist sehr schnell. — Bei der jüngsten Anwesenheit des Kaisers in Mähren wurde dem Fabrikbesitzer Perlhefter in Friedrichswalde die Ehre zu Theil, von dem Monarchen mit einer huldvollen Ansprache beehrt zu werden. Der Kaiser sagte: „Ich danke Ihnen für Ihre herzlichen Wünsche für Mein Wohl und versichere Sie und die von Ihnen vertretenen Industrien Meines steten landesväterlichen Schutzes und Meines warmen Fürsorge." — Der Arzt Dr. Karl Hasch eck erhielt das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens; dem Produktenhändler Wilhelm Naschauer wurde in Anerkennung der in dem Amte eines Handelsbeisitzers bei dem Handelsgerichte in Wien durch viele Jahre geleisteten erfolgreichen Dienste der Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. V Lemberg, 11. September. In Gegenwart Sr. Majestät des Kaisers fand heute die Eröffnung des neuen israelitischen Waisenhauses statt. Der Erzherzog Leopold Salvator, der Ministerpräsident Fürst Windischgrätz sowie die Minister Graf Falkenhayn und Jaworski, der Landmarschall Sanguszko mit dem Landesausschusse und der Vorstand der jüdischen Gemeinde erwarteten den Kaiser, der, von der zahlreich anwesenden Volksmenge jubelnd begrüßt, um 10 74 Uhr mit dem Statthalter eintraf. Nach einer kurzen Ansprache des Vorstandes S. Horowitz betrat der Kaiser den Festsaal, wo Herr Rabbiner Dr. Caro die üblichen Segenswünsche für den Herrscher sprach, ihn als den Beschützer der Armen und Elenden, als den Vater seiner Völker und als Friedensfürsten^ preisend. Nach eingehender Besichtigung des ganzen Hauses verließ der! Kaiser unter wiederholtem Ausdruck der vollsten Befriedigung die Anstalt. Italien. X Turin, 9. September. Der unfern Lesern wohlbekannte italienische Dichter und Kämpfer für die Einheit Italiens, Commendatore David Levi aus Turin, hat in einem Schreiben an den Großrabbiner von Bulgarien, Dr. M. Grünwald, unter Anderem folgendes, die Juden Rußlands und Rumäniens ganz besonders Jnteressirende mitgetheilt: „Ich , weiß, daß viele wohlhabende Familien aus Rumänien, Rußland und Bosnien sich in Italien niederlassen wollen. In der That genießen die Juden Italiens völlige Gleichberechtigung wie die übrigen Mitbürger dieses Landes.- Ich besitze Einfluß genug, um die Niederlassung wohlhabender Familien dieser Länder bei der italienischen Regierung zu erwirken und denselbeneinen guten Lebensunterhalt sowohl in industriellen Unternehmungen als auch im Bankfache zu sichern. Die betreffenden Familien können sich direkt an mich wenden und ich werde ungesäumt ihren Wunsch erfüllen. David Levi, ehemaliger Deputirter." David Levi ist eine Zierde des italienischen Judenthums. Trotz seines hohen Greisenalters denkt und fühlt er jugendlich. Es kann daher seinen Worten vollster Glauben und unbedingtes Vertrauen geschenkt werden. Von Nah und Fern. — Der dritte Norddeutsche Antisemitentag findet am 23.d.M. statt. Wo, ist noch nicht' bekannt. — Der frühere Pfarrer, jetzige Redakteur der antisemitischen Zeitung „Frei-Deutschland", Adolf Braumann, wurde von dem Landgericht I, weil er ein Lokal ohne Bezahlung der Zeche verlassen, was gewiß aus Vergeßlichkeit geschehen, diese Sache aber an die große Glocke gebracht und daraus Kapital zu Angriffen gegen Polizeibeamte geschlagen, zu 300 Mark Geldstrafe event. 30 Tagen Gefängniß verurtheiltz — Die „Wests. Reform" schreibt am 1. September anläßlich des Hammer Parteitages über die Junker: „Ueberdies traut das Volk den feudalen Herren, diesen Raubritter-Nachkommen, die das Unternehmer- und Ausbeutungssystem gleich dem besten Juden anzuwenden verstehen, schon lange nicht mehr." Was sagen die Herren der konservativen Partei dazu? Diese Ernte haben sie bei ihrer antisemitischen Saat nicht erwartet. — Ein netter antisemitischer „Reformer" hatte sich in der Person des Schnittwaaren- und Cigarrenhändlers Wilh. Emil Rothe aus Wachwitz wegen Beseitigung von Pfandstücken und wegen Urkundenfälschung vor dem Landgericht Dresden zu verantworten. Das Urtheil des Gerichtshofes lautete auf ein Jahr Gefängniß und zwei Jahre Ehrverlust. Der Ve'rurtheilte wurde wegen Fluchtverdachts sofort in Haft genommen. — Das seltene Fest der goldenen Hochzeit feierten in Barby Rentier M. Rothenstein und dessen Gattin im Kreise ihrer Kinder, Kindeskinder und weiteren Verwandten. Von Nah und Fern erhielt das greise Ehepaar aus Anlaß dieses Tages Glückwünsche in großer Anzahl. Landesrabbiner Dr. Dessauer aus Meiningen hielt eine ergreifende Traurede. Nach der Einsegnung überreichte Bürgermeister Boye demselben im Namen des Kaisers die goldene Ehejubiläumsmedaille nebst einem huldvollen Schreiben des Kaisers. — Ein antisemitischer Redakteur hatte sich in der Person des „Schriftleiters" Herm. Reinh. Thom, genannt Meyer, vor dem Landgericht Plauen zu verantworten. Derselbe wurde wegen Beleidigung zu 6 Wochen Gefängniß verurtheilt. Vor Gericht wurde bei dieser Gelegenheit festgestellt, oaß der Angeklagte Thom neben mehreren Strafen wegen Preßvergehen auch eine viermonatige Gefängniß strafe wegen Urkundenfälschung und Betruges erlitten hat. — Der Kardinal Dr. Georg Kopp, Fürstbischof zu Breslau, hat in Skotschau unter den Deputationen auch die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus Rabbiner Dr. L. Dobschütz und den Vorstehern David Spitzer und Heinrich Tramer, empfangen. Auf die Ansprache des Rabbiners erwiederte der Kardinal: „Er freue sich, daß der Redner auf Recht und Frieden als die gemeinsamen Ideale aller Bekenntnisse hingewiesen habe, und er seinerseits werde, wie bisher, auch ferner deren Verwirklichung anstreben und dazu beitragen, daß die traurigen Erscheinungen des Raffen- und Klassenhasses abnehmen und schwinden." — Die „Oest. Wochenschrift" schreibt: „Seit etwa 18 Jahren befand sich unter den 523 Bezirks-Schulinspektoren Oesterreichs auch ein — sage ein Jude. Diesen der Steuerleistung, numerischen Stärke, Intelligenz und pädagogischen Begabung des Judenthums vollkommen entsprechenden Besitzstand ließ selbst das reaktionäre, klerikale verczechte Ministerium Taaffe unangetastet. Erst der Aera Plener-Wurmbrand blieb es Vorbehalten, diesen Einzigen zu entfernen". — Der Privatdozent Dr. H eitler ist zum außerordentlichen Professor an der medizinischen Fakultät ernannt worden. Die Ernennung des Dr. Ludwig Mauthner zum Ordinarius für Augenheilkunde steht unmittelbar bevor. — Der Kaiser hat dem gewesenen Handelsbeisitzer des Prager Handelsgerichtes Gustav Porges Edlen v. Portheim den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Die russische Regierung soll mit der Absicht umgehen, den Markttag, der überall in Rußland am Sonntag stattfindet, auf Samstag zu verlegen. Die Absicht ist deutlich! — Die materielle Lage der in Tunis lebenden 40,000 Juden hat sich seit Monaten bedeutend geändert und zwar zum Guten, denn die Stadt ist so zu sagen über Nacht eine Hafenstadt geworden. Im Hafen finden nun Hunderte von armen Juden Beschäftigung, während die Wohlhabenden sich wieder direkt am Weltverkehr betheiligen und sogar Schiffe mit Waaren versenden und auch empfangen können. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.