Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
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442 den Damen und trug den riesigen Hut und den Schirm des Fräuleins. Unterwegs wurde ihm Anschauungsunterricht erthejjst. Jin Walde band er Sträußchen aus Erdbeeren und Blumen. Er erschöpfte seinen ganzen Witz, in die Sträußchen flocht er die Form eines ihm theuren Namenszuges und erhielt zum Dank ein süßes, zauberisches Lächeln, welches ihn unaussprechlich, grenzenlos beglückte. Wie hätte er dann Jemand ans Herz drücken, küssen wollen; der ganzen Welt hätte er seine Extase lierkünden mögen, aber er schwieg aus Furcht, daß eine heftige Bewegung, ein lautes Wort all die glänzenden, gaukelnden Trugbilder verscheuchen könnte. „Ach Fräulein Lola, Fräulein Lola!" Sie arrangirte die verschiedensten Gesellschaftsspiele, lief im Walde umher, und der Bruder verfolgte mit Jizchak dieses flüchtige Reh. Jizchaks lange Rockschöße flatterten im Winde; seine Füße strauchelten, und er pflegte hinznfallen. Sie schlug dann laut lachend, mit einem erblühten Jasminzweige nach ihm. „Wie sind Sie ungeschickt!" Dabei ereignete sich Etwas, woran kein Elektrotechniker glauben würde; auf dem Jasminzweige liefen magnetische Ströme von dem muthwilligen Mädchen zum Jüngling hin, den sie in heftiges Zittern versetzten. So gestraft, wünschte er recht oft zu fallen. Duftete ihr Jasmin doch so berückend! Wie reizend sah sie mit der neckisch zornigen Mine 'aus! Oft trug das Echo die Töne des Zwiegesanges durch den Wald, dem der einstige Talmudjünger mit stets wachsendem Entzücken lauschte, und Lola ließ ihre immer fröhlichen Weisen mit der Vogelschaar um die Wette erklingen. Jizchak war glücklich, er badete in Seligkeit, athmete Paradiesesluft. Dabei lernte er und dachte fortwährend nach. „Wie glücklich sind diese Vögel," — sprach er einst, als sie die, um das im Hofe gereinigte Getreide versammelten Vogelschwärme verscheuchten. „Sie haben Flügel und schweifen in der Welt umher, während wir wie die Steine am Boden festgewachsen sind." Lola widersprach. Mit Anmuth und zierlich, wie es einer gewesenen Vorzugsschülerin, die auch außerhalb der Schule manches gelesen hatte, geziemte, erzählte sie von den Errungenschaften der Wiflenschaft, welche den Menschen zu niegeahnter Höhe emporheben, ihm das Königsszepter über Luft und Erde, Meere und Abgründe verleihend. „Solche Geschöpfe wie Sie, Fräulein, sind höhere Wesen, herrschen in der Thal. . ." „Was verstehen Sie darunter?" fiel sie ihm ins Wort. „Das, was ich sage. Ich, der ich von diesen Eroberungen des Wissens nichts weiß, beneide die Vögel, daß sie solch' entfernte Welten sehen können, in den Lüften schwebend und Meere hinter sich lassend. . ." Lola runzelte die Stirn; sie hatte den Anfang dieses Satzes als ein, für sie bestimmtes Kompliment betrachtet. „Ich/ — fuhr Jizchak seufzend fort, — „ich kenne weder die Welt, noch deren Wunder, ich bin nicht einmal im Stande, darüber zu lesen." Jetzt war es an Ludwig, seine Vorträge zu beginnen. Wie der Leiter eines zauberischen Panoramas, führte er glänzende, strahlende, mannigfaltige Bilder, sie mit den Lichtern und Schatten seiner Tendeiiz färbend, dem unwissenden Jüngling vor Augen. Er sprach vom Himmelsgewölbe und dem Planetensystem, von der Entstehung der Erde und ihren inneren Geheimnissen; er sprach von Völker», Sitten, von Göttern und verschiedenen Religionen. Und seine Erzählungen unterschieden sich von denen seiner Schwester insoferne, als er sie gleichsam als Beweismaterial für seine wissenschaftlichen Theorien in den philosophischen und sozialen Fragen jener Zeit verwendete. Indem er ihm den heutigen Stand der Naturwissenschaften und deren philosophische Konsequenzen darstellte, flößte er ihm eine wissenschaftliche Weltanschauung ein. Mit den Wurzeln riß er den Rest des wilden Unkrautes und der schönen, aber verderblichen Blüthen aus der Seele des neuauflebenden, einstigen Rabdinatskandidaten, eine frische, zu üppigem, fruchtbarem Wachsthum bestimmte Saat hineinstreuend. Jizchak betrachtete sich als einen König, dem wohl Momente der Unterhaltung und des Genusses vergönnt sind, der aber, von den Gedanken an wichtige Angelegenheiten durchdrungen, denselben Zeit und Kräfte widmet. Er empfand jetzt keine Leere und Oede in seinem Innern; im Gegentheil, eine Welt neuer, berauschender, lichtspendender Eindrücke und Ideen war in seine Seele eingezogen. Mit Begeisterung sprach Ludwig von den Idealen und der Kultur des Jahrhunderts, dem geblendeten Jüngling all' ihre Stufen, Wunder und Wohlthaten zeigend. Er entwarf ihm einen Abriß der Geschichte des Menschengeschlechts. Einst hatte wilde Barbarei das Leben nnd die Begriffe regiert. Langsam und allmälig aber wich die Dämmerung, schmolz das Eis und lösten sich die Bande, welche den Geist gefangen hielten, und die Menschheit schritt unter Stürmen und Trümmern, über Ströme Blutes und Leichen immer vorwärts, immer höher, den durch die Menge ersehnten und geahnten, durch die Denker vorhergesehenen, von den Poeten besungenen Idealen des Gute», Schönen und Gerechten entgegen. Jizchak war Feuer und Flamme. „Den Weg zu dieser Welt will ich meinen Brüdern erschließen!" XVII. In der nächsten Umgebung Jizchaks hatte sich in der Zwischenzeit scheinbar nichts geändert. Der Kreis seiner jungen Bekannten und Kollegen blieb ihm vollständig verschlossen. Man bemerkte, daß in ihm etwas Außerordentliches vorgegangen war, aber er, immer schweigsam und ungesellig, erlaubte jetzt den in ihm fluthenden Wogen um so weniger, aus ihren Ufern zu treten. Man wußte aufs Bestimmteste, daß er weltliche Bücher besitz«, aber es war unmöglich, ihn beim Studium zu überrumpeln. Die Jugend kochte vor Wuth und Entrüstung. Sie hatten seine Besuche im Waldhäuschen ausgekundschaftet, er wußte aber ihre Netze geschickt zu umgehen und brachte durch sein stolzes, verachtendes Benehmen seine Verfolger immer mehr in Harnisch. In Ermangelung greifbarer Beweise seiner Abtrünnigkeit durften sie ihn aus Rücksicht auf die Aelteren nicht offen angreifen, denn diese waren dem stillen, gelehrten Jüngling gewogen, ohne sich mit ihm näher zu beschäftigen. „Lassen wir ihn thun, was ihm gefällt," — beschloß das jugendliche Sanhedrion. „Er wird essen, was er sich eingebrockt hat, einmal muß er doch die Hörner zeigen, und da werden wir ihn fassen." Manchmal machte sich Jizchak bittere Vorwürfe über sein doppelzüngiges, heuchlerisches Gebühren, sonst aber trug er seine Maske gern. Es ist ja nur zeitweilig, beschwichtigte er sich selbst. Es muß Alles reif werden in mir.... Indem er sich für die große Zukunft vorbereitete, genoß er mit vollen Zügen die Gegenwart. Er wurde Egoist, wie alle Glücklichen, wie jeder Verliebte. (Forts, folgt.)