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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-14 · Heft 37 (14.9.1894) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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-EWWDWWWWG« 441 Habens, aber merkwürdiger Weise sprechen jüdische Gelehrte rioch zu Ende des 16. Jahrhunderts von Ruß als Ingredienz zu einer brauchbaren Tinte.") Die Briefbeförderung war im Alterthum einer besonderen Ceremonie unterworfen. Absender, Bote und Empfänger mußten, wenn der Brief von höherer Bedeutung war, eine gewisse Qualifikation besitzen. Solange man auf vegetabilische Blätter und Wachstafeln schrieb, waren die Briefe offen und meistentheils so geformt, daß der Empfänger die Antwort auf die Rückseite schreiben konnte, die gewöhnlich demselben Boten übergeben wurde. Zu derartigen Briefen bediente man sich der Sklaven als Boten; enthielten sie aber wichtige Mittheilungen, so mußte der Ueberbringer ein Vertrauensmann sein. Auch als man schon des Pergamentes sich bediente, wurden die Briefe offen versendet, die nur mit einem Pergameutstreifen zusammen gebunden waren, auf deffen Enden des Absenders Siegel heraufgedrückt war. Daß zu Briefsendungeu zuweilen auch zwei Vertrauenspersonen gewählt wurden, ersehen wir aus der Bibel. So sendet Jeremias seinen Mahn- und Trostbrief au die Exulanten durch Elasa und Gemariah"), eine Art Herold mit sicherem Geleit, wie es auch bei den Athenern vorzukommen pflegte. Staaten und regierende Fürsten hatten wohl angestellte Briefboten 34); für gewöhnliche Menschen aber war die Briefbeförderung mit großen Schwierigkeiten verbunden, wie überhaupt die Absendung oder der Empfang eines Briefes im Alterthum ein großes Ereigniß war.") Ein geregelter Briefverkehr, der auch Privaten zu Statten kam, begann erst am Anfang des 14. Jahrhunderts.") Herr Dr. Spitzer bespricht in dem von uns erwähnten Buche den Brief, sowie alle Erscheinungen, die auf diesem Gebiet bei allen alten Völkern und besonders bei Juden, Griechen und Römern zu Tage traten, in allen möglichen Phasen und schließt mit dem Hinweis auf die Verdienste, welche die jüdischen Schriftgelehrten und der katholische Klerus um die Erhaltung und Verbreitung der Kenntnisse des Schreibens und des Briefstyls sich erworben haben. Sollte das Buch je in zweiter Auflage erscheinen, was wir im Interesse der Wiffenschaft wünschen, würden wir dem gelehrten Autor empfehlen, dem deutschen Sprachgeist ein wenig mehr Rechnung zu tragen und die den Eindruck seiner trefflichen Arbeit verwischenden Fehler zu beseitigen. c_ mmtmninmiii M —^.,r.m. ( * 1 FEUILLETON Ü *l| 1» umfflmutin fg MMMMhMMMitMMMiMMitMUMMMlWllMMlMlllMMIiMMMUiLtLI MiMMMmtMMMmIIiMMMIIllMIMMIlnMMMIMWtMiiiMMMviMWMmNIö! ---—-| I- 1 kMiuLMsMÄQ Der Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) n diesen Kreis ausgenommen, wußte er nichts mit seiner Person zu beginnen und machte sich mancher Ungeschicklichkeit schuldig. Wenn man ihn bewirthete, wußte er sich nie zu rathen, ob er annehmen oder zurückweisen sollte, obgleich er im Prinzip bereits ein Gegner der Eintheilung der Speisen in koscher und trefe, fleischig oder milchig war. Schüchtern und ängstlich erhob er sich vor Jedem, 3°) Gittin 19 a; Sabbath 104b; Menachoth 31b. 3>) Jsserles zu Orach Chaim 32, 3. 33) Jeremia 29,3 33) 2. Chronik 30,6; Esther 3,15. 34) Sabbath 115 a u. a. a. St. 35) Wattenbach 106. schämte sich seiner Unwiffenheit und seiner Mundart vor diesen polnisch redenden Herrschaften. Mit demüthiger Anbetung blickte er auf den kleinen Wildfang, der zwischen dem Grün des Gartens wie eine herrliche, duftende Knospe erschien. Sich ans Tischchen setzend, war Fräulein Lola vor Allem bemüht, ihre rebellischen Flechten in irgend welche Ordnung zu bringen; meistens waren diese Anstrengungen unnütz oder von dem Erfolge begleitet, daß das Haar den Händen entglitt und mit einem seidenen Mantel ihre Schultern umfloß. Diese Einleitung vermochte die Aufmerksamkeit des Bachur nicht auf den wissenschaftlichen Theil der Lektion zu lenken. Dann reckte Fräulein Lola ihr nicht allzngroßes Figürchen in die Höhe, in der Absicht, die ernste, denkende Miene ihrer Lehrerinnen anzunehmen; mit einem rothen Bleistifte bewaffnet, ging sie an die Durchsicht der Hefte ihres Schülers. Aber in diesem Momente mußte sie den lächelnden Blicken der Mutter begegnen und brach, an ihre Würde vergessend, in ein linaushaltsames. perlendes Gelächter aus. Da wurde Jizchak immer verlegener und unsicherer, er stotterte Mid wurde blaß, und einmal warf er das Tintenfaß um. Ach wie wundervoll klang es auch, dieses Lachen! Es berauschte ihn, umschmeichelte ihn mit seinen milden, duftigen Wellen, um ihn dann mit einem Funkenregen zu umgeben, die ihn am ganzen Körper sengten. . . . Bei dem Allen lernte Graf jedoch. Es war seltsam genug. Er konnte schon gut lesen, wußte hübsch abzuschreiben, ohne etwas von der polnischen Sprache zu verstehen. Von solch einem Studium konnte er keinen großen Nutzen ziehen. Was beginnen? Ludwig hatte beabsichtigt, ihn vorerst im Deutschen zu unterrichten, weil dieses dem Juden schon durch dessen Mundart vertranter und zugänglicher war, und weil er auch wußte, daß es hebräisch-deutsche Wörter- und Sprachbücher gebe. Doch bald ließ er diesen Plan fallen. So trug ihm denn Lola mit ihrem einschmeichelnden Deutsch, das ihr von Haus aus sehr wohl bekannt war, die Bedeutung der polnischen Ausdrücke vor; sie räusperte und beherrschte sich, um nicht laut aufzulachen, so sonderbar verrenkte und verstümmelte der an europäische Sprachklänge nicht gewöhnte Talmudist die polnischen Worte. Aus seinen Büchern hatte er schon einen bedeutenden Vorrath deutscher und polnischer Benennungen geschöpft, er lernte und begriff auch sehr viel, den Gesprächen der Familie still zuhörend, so daß er nach einiger Zeit über eine Anzahl von Phrasen verfügte und beinahe Alles verstand, was zu ihm gesprochen wurde. Aber am besten begriff er seine Lehrmeisterin. Er blickte auf ihre Lippen, wenn sie sprach, auf ihre Händchen, wenn sie schrieb, und sie . . . war sehr befriedigt. „Ich langweile inich doch nicht so gräßlich," schrieb sie ihrem zweiten Bruder. Wirklich schien sie die Rolle einer Pädagogin, die „civilisatorische Mission" höchlichst zu amiisiren. Anders verbrachte Jizchak die Zeit mit Ludwig. Es waren die keine Lektionen mehr, sondern freie Unterhaltungen über die mannigfaltigsten Gegenstände. Jizchak fragte, fragte über Alles, was ihm ausgefallen war, was ihn seit jeher gequält und verfolgt hatte, und der junge Arzt antwortete gern, mit der Begeisterung eines Apostels, der Gelehrsamkeit eines wahrhaft gebildeten Menschen. Er sprach deutsch zu ihm, trachtete, sich dem geistigen Niveau seines Zuhörers anzupaffen, und erklärte ihm manche schwierigen Begriffe in deffen eigener Mundart. „Ich kenne diese Sprache," — sagte er seinem erstaunten Schüler, „habe ich doch in Lemberg das deutsche Gymnasium besucht." Oft begab sich die ganze Familie auf einen gemeinschaftlichen Spaziergang. Jizchak, zur Würde eines Hofkavaliers erhoben, folgte ii 1 'I ■j j;

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