Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Rashi 1× ep/1002670
- Tacitus 1× ep/1025676
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Aber zu jeder schriftlichen Aufzeichnung ist ein Material erforderlich, das geschmeidig und dauerhaft ist. Bei monumentalen Aufzeichnungen, wie sie bei den alten Völkern häufig vorkamen, war es mehr als die Geschmeidigkeit die Dauerhaftigkeit des Materials, auf die sie achteten. Darum sehen wir auch bald Juden, Griechen und Römer, wie andere alte Völker, um ihre wichtigen Urkunden den nachfolgenden Geschlechteril erhalten zu können, nach andern Stoffen, als die bisher genannten, Umschau halten. Sie mußten zu Stein, Holz, Metall und andern schon durch Kunst unverwüstlich gemachten Schreibstoffen greifen. Zu letzteren gehören besonders die Wachstafeln, weil sie in sich Geschmeidigkeit und Dauerhaftigkeit vereinigten. Sie wurden zu Rechnungen, Konzepten und Briefen verwendet, und selbst zur Zeit, als sich die Griechen schon des Papyrus bedienten, gebrauchten sie noch immer kleine Wachstäfelchen9), die durch Boten an Freunde gesendet wurden, welche die auf denselben geschriebene Antwort zurück brachten.") Daß die Juden ebenfalls der Wachstafeln sich bedienten, bekunden einige Stellen in Bibel und Talmud. An Ezechiel ergeht der Ruf Gottes: „Und du, Menschensohu, nimm dir ein Holz und schreibe darauf: Für Jehuda und für die Kinder Israel, seine Genossen. Und nimm ein anderes Holz und schreibe darauf: Für Josef — es ist das Holz Ephraims — und für das gesammte Haus Israel, seine Genoffen."") Da der Prophet diese Hölzer, welche eine Vereinigung der zerklüfteten Stämme Israels versinnbildlichen sollten, dem Volke vorzeigte, so war das gewiß keine plumpe, schwere Holztafel, sondern eine leichtere mit Wachs überzogene. Als eine Sabbathentweihung wird das Schreiben auf mit Wachs bezogenen Tafeln bezeichnet.12) Unter den Gegenständen, die leicht einer Verunreinigung verfallen, werden auch die Wachstafeln genannt.13) Die Wachstafeln haben sich durch gemachte glückliche Funde noch bis auf unsere Zeit erhalten. So fand man in den Goldbergwerken Siebenbürgens einige, die mit mineralischem Waffer befeuchtet, eine gut leserliche Schrift bieten. Im Kabinet de Medailles zu Paris befindet sich eine Wachstafel, die an einer Mumie aus Memphis befestigt ist. Die ältesten jedoch, 25 an der Zahl, aus den Jahren 131-167, befinden sich im Antiquarium zu Berlin.") Ebenso wurden verschiedene Beinarten zum Daraufschreiben benutzt. „Auf Allem" — heißt es in der Mischnah — „darf man den Scheidebrief schreiben, so auch auf dem Horn der Kuh."") Wird auch diese Konzession im Talmud verworfen, so geht doch daraus zur Evidenz hervor, daß Beinarteu als Schreibmaterial verwendet wurden. Die Römer verfertigten Blätter aus Elfenbein zu Büchern, und Tacitus soll in solche Bücher seine Reden eingeschrieben haben.")- Auch Thon mußte als Schreibstoff herhalten. Ezechiel fertigt nach göttlichem Befehl eine Zeichnung von Jerusalem auf einem Ziegelstein an"), und Jesaias schreibt auf einer großen Tafel mit „Formschrift", worunter eine Schrift in Thon gemeint sein soll.18) Und wie es scheint, hat man selbst im talmudischen Zeitalter noch auf Thon geschrieben, denn es wird die absonderlich klingende Frage diskutirt, ob ein Scheidebrief auf einem Thongefäß geschrieben rituelll giltig sei oder nicht.") Die Anwendung des Papyrus als Schreibstoff ist von Aegypten zu andern Völkern gekommen und ist jetzt, wie so manche Herrlichkeit der alten Welt, spurlos verschwunden:' Die Art, wie das ägyptische Papyrus zum Schreiben hergestellt wurde, 9) Ritter, Erdkunde von Asien 5, 892. I0) ibid. n) Ezechiel 37,16. J2) Sabbath 104 b. Siehe Raschi zur Stelle. ") Kelim 24, 7. ") Wattenbach 46—SO. 15)©itinl9a. ") Wattenbach Sl, Note 3. 11) Ezechiel 4,. 1. 18) Jesaias 8, 1. Siehe „Cheret" bei Buxtorf. ") Gitin 21b. ist trotz der Beschreibung des Plinius und anderer neuerer Archäologen nach ihm nicht bekannt. Gewiß ist, daß auch die Juden dieses Material kannten, und es dürfte nicht ausgeschloffen sein, daß sie es auch benutzt habend) Von einem anderen, dem ägyptischen Papyrus ähnlichen Bast spricht auch der Talmud, und zwar von dem, der in BybloS zwischen Berytus und Tripolis zu finden ist, der ebenfalls als Schreibmaterial verwendet wurde. Biblisch heißt dieser Ort Gewal,2') woraus das „Gewil" entstand, welcher Name später für Pergament substituirt wurde.22) Das jüngste und am meisten kultivirte Schreibmaterial ist das Papier, deffen auch der Talmud erwähnt.28) Aus dem Papyrus entstand dann für den weiter erfundenen Schreibstoff der Name Papier, das in den ersten Stadien seiner Erfindung in sehr primitiver Form austrat; es glich dem heutigen Pappdeckel, von dem man das Geschriebene leicht weglöschen konnte^), und wurde aus Baumwolle wie auch aus Leinwand fabrizirt. In dem Zeitraum von 1122—1150 schritt die Papierfabrikation merklich vorwärts, denn man fing an sich hierzu der Lunipen zu bedienen, und um es geschmeidiger zu machen, wurde es mit Kaim oder Kleister bestrichen, so daß es dadurch noch glatter als das Leinenpapier wurde, das auch im rabbinischen Schriftthum genannt wird?8) Doch herrschte gegen den Papiergebrauch eine allgemeine Abneigung. Guttenberg gab die Bibel um 1450 noch auf Pergament heraus, und gekrönte Häupter erließen Edikte gegen die Abfaffung wichtiger Dokumente auf Papier und geboten ausdrücklich, nur Pergament dazu zu verwerthen.28) Es darf daher nicht befremden, wenn Juden noch bis;u Anfang des 16. Jahrhunderts für tvichtige Urkunden anstatt des Papiers Pergament gebrauchten; sie standen eben in der Abneigung gegen den Papiergebrauch nicht vereinzelt da. Noch zu Anfang des 14. Jahrhunderts mußten italienische Notare bei ihrem Amtsantritt geloben, bei abzufassenden Urkunden kein Papier zu verwenden.2') Jndeß wird uns über zwei denkwürdige Schriften berichtet, von denen eine auf Papyrus, die andere auf Papier geschrieben ist. Flavius Josefus soll seine Werke auf Papyrus geschrieben haben, von welchen noch ein Exemplar in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand sich befindet, und ein Fragment des Evangelium Matthäus ist auf Papier geschrieben und wird in Venedig aufbewahrt.28) Die Schreiber standen beim Volke, welches das Schreiben als eine Kunst betrachtete, in hohem Ansehen. Sie bekleideten hohe Staatsämter, und selbst die Abschreiber genoffen eine gewiffe Achtung. Die Schreibgeräthe waren Blei, Lineal. Bimsstein, Messer, Schwamm, Schreibrohr,- Pinsel und Petschaft. Diese Utensilien pflegte der Schreiber immer bei sich zu haben, da er selten einen bleibenden und bestimmten Platz hatte, sondern seine Kunst überall, wo es sich Gelegenheit bot, kauernd auf den Knicen auszuüben pflegte. Manche Schreiber ließen es sich sogar nicht nehmen, das zu beschreibende Pergament selbst zu präpariren. Ein heiliger Brauch, der bei den Juden, wenn es gilt, eine Gesetzrolle zuschreiben, noch jetzt befolgt wird, und der bei den Christen noch bis zum 11. Jahrhundert bestand.2S)) Ruß, Farbe und Gummi dienten als Schreibstoffe, und noch im 14. Jahrhundert galt eine schwarze, glänzende Tinte als eine besondere Errungenschaft. Als Handelsartikel kommt die Tinte sehr spät vor. Das jüdische Schriftthum des Mittelalters kennt zwar wirkliche Tinte, ja, wie aus vielen Stellen im Talmud ersichtlich ist, scheinen Juden sehr früh .den Werth der Galläpfel gekannt zu 20) 2. Moses 2, 5. 2i) Ezechiel 27, 9. 22) Sachs, Beiträge II. 189. 23) Tosifta Taharoth 5. 24J Vergleiche Aboth 4, 20. 2®) Jeruschalmi, Pesachim 3, 1. -6) Wattenbach 121. -7) ibid. 28) ibid. Ammianus Marcellinus XV. ö, 4.