Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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439 David David, einer der Söhne des früher erwähnten Lazarus David, war einer der reichsten Bürger Montreals und im Jahre 1808 einer der Gründer sowie der erste Direktor der Bank in Montreal. Obgleich die Juden in Kanada schon zu Anfang dieses Jahrhunderts sich im Genüsse der bürgerlichen Rechte befanden, so war doch die Frage »och nicht gelöst, ob sie auch Sitz und Stimme im Parlamente haben. Im Jahre 1807 wurde Ezechiel Hart, der Sohn des ersten Ansiedlers Aron Hart, der in den Kriegsjahren 1812 bis 1814 sich als Offizier ausgezeichnet hatte, in Trois Riviöres als Mitglied der Legislative gewählt. Da er sich weigerte, den Eid in der üblichen Form abzulegen, so wurde ihm gestattet, als Jude mit bedecktem Haupte zu schwören. Dagegen verwahrte sich die Majorität des Hauses und erklärte die Wahl Harts für ungiltig. Hart, zum zweiten Male mit einer noch größer» Majorität als das erste Mal gewählt, wurde auch zum zweiten Male nicht zugelafsen, nach mehreren stürmischen Sitzungen vielmehr der Gesetzesvorschlag, daß Juden zu Mitgliedern des Parlaments nicht wählbar sind, eingebracht und angenommen. Dies erregte den Unwillen des General- Gouverneurs James H. Craig, und bevor die Bill noch zur dritten Lesung gelangte, löste er das Haus auf. Es folgte ein langer Kampf, bis endlich das Parlament den Juden Canadas im Jahre 1831 alle bürgerlichen Rechte einräumte. In den Kriegsjahren 1837 und 1838 leisteten die Juden Montreals dem Staat sehr wichtige Dienste. Zwei Mitglieder der Familie David standen in der Schlacht von St. Charles an der Spitze eines Detachements Kavallerie; dem einen wurden zwei Pferde unter dem Leib erschossen. Aron Philipp Hart, ein ausgezeichneter Jurist, orgauisirte die Landwehr, und Jakob H. Joseph überwachte den Depeschenwechsel zwischen John Colborne und General Wethwall. „Wir konnten in den letzten neun Monaten nur an die Erfüllung unserer militärischen Pflichten denken; ich fürchte, die Unruhen haben ihr Ende noch nicht erreicht," heißt es in einem Briefe Benjamin Harts, des Präsidenten der Montrealer Gemeinde, an seine Glaubensbrüder in London, vom 5. Juli 1838. Einige Monate später wurde die neue Synagoge eingeweiht, deren Bau Benjamin Hart schon im Jahre 1826 angeregt und zu dem auch Moses Montefiore feinen Beitrag geleistet hatte. Zu ihren« Rabbiner wählte die Gemeinde 1840 David Piza und nach deffen Berufung nach London 1846 Dr. Abrahain de Sola, den Sproß einer alten spanischen Familie. Mehrere de Solas bestiegen den Scheiterhaufen. Aron de Sola, von der Inquisition verfolgt, entkam nach London, von wo er sich nach Ainsterdam begab. Einer seiner Söhne, Benjamin de Sola, war Leibarzt Wilhelms V., Königs der Niederlande; zwei siedelten sich in Caracas an und ein vierter Sohn war der Ahn des Generals Juan de Sola, - der sich als Kommandeur der Kavallerie bei der Erstürinung von Puerto Cabello ausgezeichnet hat. Dr. Abraham de Sola, ein Enkel Raphael Meldolas, des Oberrabbiners der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, trat im Alter von zweiundzwanzig Jahren im Jahre 1847 seine Stelle in Montreal an, ein Jahr später wurde er zum Professor der hebräischen und orientalischen Litteratur am Mc. Gill College ernannt. Er stand im Rufe eines tüchtigen Gelehrten und gewandten Predigers und galt für den Vertreter der Orthodoxie in Amerika. Er entfaltete eine reiche litterarische Thätigkeit. Nach Abraham de Solas im Jahre 1882 erfolgten Tode wurde sein Sohn Meldola de Sola, gleich ihm ein eifriger Vertreter des historischen Judenthums und vielfach litterarisch thätig, zu seinein Nachfolger erwählt. Zur Geschichte des Briefes. Von Albert Katz. II. ächst den Thierfellen kam im gra««en Alterthun« die Leinwand als Schreibinaterial in Anweitdung. Die Aegypter bemalten ihre Mumienbandagen mit Hieroglyphen. Griechische Krieger schrieben ihre Wünsche und Bitten an die Götter auf die Segel ihrer Schiffe, und Römer verwandten die Leinwand zu Büchern, Senatsurkunden und Gesetzen.') Da in Palästina, wie ans vielen Stellen der SSibel3) ersichtlich ist, die Leinenweberei schon frühzeitig betrieben wurde, so dürfte es nicht ausgeschloffen sein, daß auch die Juden sich der Leinwand als Schreibmaterial bedient hatten, wenngleich der Talmud, der alle inöglichen Schreibestoffe aufzählt, die Leinwand in den Kreis seiner halachischen Diskussionen nicht zieht. Als ein fernerer, allgemein beliebter und gebräuchlicher Stoff für schriftliche Aufzeichnungen galten die Palmenblätter, welche die Eigenschaft besitzen, daß sie auch in vertrocknetem Zustande ihre Nutzbarkeit nicht einbüßen. Allerdings kalligraphische Produktionen lassen sich auf ihnen nicht zu Stande bringen, aber wenn man die auf ihnen mit einem Eisenstift gezeichneten Buchstaben mit Oel beizt, wie man es bei den Siamesen, Malayen und andern indischen Stämmen noch jetzt beobachten kann, so läßt sich aus einem solchen Blatte eine gut leserliche Schrift erzielen. Zieht man in Betracht, daß Palmenbüume in Palästina in Fülle anzutreffen sind, so ist es wohl annehmbar, daß auch die Hebräer auf Palmenblülter schrieben, zumal der Palmenbaum auch als Symbol des Segens angesehen wurde und als solcher auf den jüdischen Münzen figurirt hat.8) Zur Zeit des Talmuds bedienten sich sogar verschiedene Tanaim des Zeichens eines Palmenastes anstatt ihrer Namensunterschrift auf Dokumenten.4) Aber noch stehen wir fern von der Grenzlinie der Kultur, denn wir haben es immer nur mit Schreibmaterialien primitivster Art zu thun. Die alten Völker achteten nicht darauf, ihren Briefen und Schriftstücken eine gefällige Form zu geben und waren noch weniger skrupulös bezüglich des hierzu zu ivählenden Stoffes. Sie griffen eben nach dem, was sie erlangen konnten und suchteu darauf so bequcin zu schreiben, wie es nur angiug. Darum ersahen sie sich alle möglichen vegetabilischen Blätter, und fanden nächst den Palmenblättern die des Olivenbaumcs als Schreibmaterial geeignet. Da die Hebräer die Olivenkultur vortrefflich verstanden und die Olive bei ihnen ein bedeutender Exportartikel war, so mußten sie naturgemäß darauf gekommen sein, daß die Blätter des Olivenbaumes zu schriftlichen Aufzeichnnngen zu gebrauchen seien. So findet man iin Talmud eine Ansicht ausgesprochen, daß man aus einem Olivenblatte den Scheidebrief für eine Frau schreiben dürfe, ohne daß die rituelle Form dadurch verletzt werde, eine Bevorzugung, deren sich die Palmeublätter nicht erfreuen.8) Ebenso schrieben Athener und Syrakuser ihre Verbannungsurtheile und Befehle auf Olivenblätter, und wenn sie sich auch anderer Blätter bedienten, so geben sie doch gleich den Juden dem Olivenblatte den Vorzug, weil es nicht durch eine Beize erst präparirt zu werden brauchte. Auch die Blätter des Johannisbrodbaunies?) des Kürbis, Lattich, der Winterporre wie der Zwiebel7) ivurden als Schreibstoffe benutzt, und ebenso wie die Chinesen noch heute die Bambusblätter hierzu verwerthen, so schrieben die Juden im Alterthum sogar auf die Schale der Wallnuß und des Granatapfels.«) i) Eichhorn 1, 136. 2) 3. Moses 19, 19; Sprüche 31, 13 und 24. 8) Jahn., Archäol. V. 4, 2. 4) Gitin 36a. 5) Gitin 19a. «) Tosifta Gitin 2. 7) ibid. 8) ibid.