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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-14 · Heft 37 (14.9.1894) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 schon die Pflanzenphysiologie. Ein Baum und hundert Bäume, das ist gewiß, fallen ohne Unterschied in den Bereich dieser Wissenschaft. Nichtsdestoweniger bilden 50,000 Bäume, welche auf einer Quadratmeile stehen, einen Wald. Der Wald als solcher, als Ganzes, als geschlossene Einheit, ist aber Gegenstand einer anderen Wissenschaft, der Forstwissenschaft. Diese lehnt sich allerdings vielfach au die Botanik und Physiologie an, aber sie ist nach Zweck und Mitteln, der Betrachtung eine ganz andere Wissenschaft. Die Moral davon lautet, daß der Volksgeist freilich nur aus lauter einzelnen Geistern besteht; wenn man indeß meint, daß der Volksgeist darum ebenso wie jeder andere Geist der Psychologie angehört und keiner besonder!» Wissenschaft bedarf, „dann, im strengen Sinne des Wortes, nach diesem Bilde, dann sieht man den Wald vor Bäumen nicht." Viueit veritns! Und so hat sich bisher die von Lazarus in der Abhandlung: „Einige synthetische Gedanken zur Völkerpsychologie" ausgesprochene Erwartung, „auf apologetische Auseinandersetzungen zu Gunsten der Völkerpsychologie nicht mehr zurückkommen zu müssen", wenn auch nicht in ihrem vollen Umfange, so doch wenigstens prinzipiell insofern erfüllt, als seitdem keine Stimmen gegen die Berechtigung der Völkerpsychologie als Wissenschaft laut wurden. In den letzten Jahren haben die öffentlichen Fragen in Folge ihres allzu aufdringlichen Charakters unfern Philosophen vielfach von der rein wiffenschaftlichen Forschung abgezogen. Doch muß rückhaltlos ausgesprochen werden, daß er sich durch die vornehme, leidenschaftslose Behandlungsweise der politischen, nationalen und sozialen Probleme neuerdings den Ruhmeskranz eines idealen Denkers geflochten hat. Er ging, wenn ihm auch angesichts der dem deutschen Volksgeist durch die wüste Art des modernsten Dentschthums angethanen Schmach das patriotische Herz blutete, bei der Lösung jener Probleme so zu Werke, daß er in die Fußtapfen seines Meisters Herbart trat, deffen Schreibweise ihn zu folgendem Panegyrikus begeistert hat: „Ueberaü treten seine Gedanken mit logischer Schärfe und Bestimmtheit zu Tage, überall mit ästhetischem Maß und mit Ordnung geschmückt, überall von sittlicher Reinheit und Hoheit durchweht; niemals in seinen Schriften — auch im Kampfe der Meinungen nicht — kommt die Leidenschaft zu Wort, niemals wird sie im Leser erregt." Ein treuer und freier deutscher Bürger und Jude, hat Lazarus in seinen hierher gehörigen Arbeiten mannesstolz und selbstbewußt für jeden mit dem deutschen Vaterlande durch subjektive Empfindung Verwachsenen, ohne Unterschied des Standes und des Glaubens, die Rechte, aber auch die Pflichten eines deutschen Bürgers reklamirt. Wie ein rother Faden windet sich durch sie der aus dem tiefen Grunde der Völkerpsychologie geschöpfte Gedanke, daß die nationale Einheit nicht von Natur gegeben, nicht durch reine objektive Merkmale fest begrenzt ist, sondern durch geistige That und historisches Leben erst erzeugt wird und durch gleichartiges und gemeinsames ethisches Wollen unaufhörlich erneut werden muß. Indem diese klärende, die ganze Blut- und Nassentheorie in den Bereich des grobsinnlichen Materialisnms verweisende Begriffsbestimmung des Volkes zur praktischen Nutzanwendung auf die Juden herangezogen wird, ergiebt sich mit zwingender Denknothwendigkeit, daß das Judenthnm in dem nämlichen Sinne wie das Christenthum deutsch ist. Die deutschen Juden sind deutsch-national, denn „im Felde haben wir mitgekämpft, in den Parlamenten mitberathen, derweil auch auf den kommunalen Rathsstühlen geseffen, in den Laboratorien mitgearbeitet, in den Krankenhäusern mitgeheilt und mitgepflegt, auf den Kathedern mitgelehrt. Aber auch allen nationalen Werken des Friedens, an allen idealen Jntereffeu des Volkes nehmen wir längst und ie länger je mehr einen breiten und vollen Antheil. Was wir thun und was wir treiben, thun und treiben wir als Deutsche; und wenn wir, worarrf man so gern hinweist, auf dem Weltmarkt Vermögen erwerben, so ist dies eine Vermehrung des Nationalreichthums. Handel und Gewerbe, Handwerk und Fabrikation, Kunst und Wiffenschaft erfüllen unser Leben, und was und wie wir arbeiten, Jeder nach seinem Maße: wir mögen wollen oder nicht, so arbeiten wir als Deutsche." Weil Lazarus aber in frommer Begeisterung für die ideale, tief im Innenleben begründete Lehre Israels erglüht, weil er ein wackerer, nnermüdlicher Kämpe für das Banner unserer erhabenen Religion ist, von der er sehr sinnig sagt: „Treue ist die Wurzel unserer Religion, wie unsere Religion die Wurzel unserer Treue ist", läßt er an seine deutschen Glaubensgenossen die dringliche Mahnung ergehen, sie mögen in Berücksichtigung ihrer spezifischen Leistungsfähigkeit, welche ihnen durch den Mangel einer eigenen Nationalität gewährleistet sei, das, was sie als Stamm an geistiger Eigenart, als Religion an Erbtngend oder Erbweisheit besitzen, festhalten und fortpflanzen, um es in den Dienst des deutschen Nationalgeistes als einen Theilseiner Kraft zu stellen. Einen echten Kidusch haschem aber verrichtet er, indem er hingeriffen und hinreißend ihnen die von flammendem Feuereifer eingegebene und an die prophetische Beredtsamkeit gemahnenden Worte zuruft: „Die Vorsehung hat uns als Juden geboren werden lasten, die erste Forderung an jeden Ehrenmann ist, bei der Fahne zu bleiben! Bei einer Fahne, welche 3000 Jahre getragen worden ist, lind es haftet kein Makel an dieser Fahne; Blut genug, aber unser eigenes! Das ist die Fahne, auf welcher geschrieben steht: „Adonaj nissi! Der Ewige ist mein Panier!" Bei dieser Fahne wollen wir um Ehren willen bleiben Es ist nicht die Ehre allein: es wächst durch diese Gemeinschaft und durch diese Treue des Festhaltens etwas zu für den sittlichen Menschen, was sonst nicht erschlich ist: jeder Einzelne als Einzelner um des Gewiffens willen handelt er so und nicht anders, thut er vieles und unterläßt er anderes; aber wenn er Mitglied einer Familie ist, dann hat er auch die Rücksicht auf diese Familie, und ist er Mitglied eines Standes, die Rücksicht auf diesen Stand, auch auf die Stadt, den Staat, die Nation, schließlich Religion. Die Zugehörigkeit zu einer großen Gemeinschaft ist eine Erweiterung des menschlichen Gewistens, und je dauernder diese Gemeinschaft ist, je fester sie in allen Gliedern wurzelt, desto fester ist die Kraft des Gewiffens, die davon ausgeht. — Wenn nun in neuerer Zeit wir uns alle anderen Wissenschaften zuwenden, so ist es ganz besonders nöthig, daß auch die gelehrten, die philosophisch gebildeten Männer in Israel, deren inneres Leben nicht mehr bedingt ist von dem Judenthum als Religion allein, sondern welche mit der allgemeinen Kultur und mit der allgemeinen Gedankenwelt Zusammenhängen und in ihr die eigentlichen Wurzeln ihres innern Daseins finden — eben diese Männer, sage ich, müffen nichtsdestoweniger bei den Ihrigen bleiben; denn von solchen Männern geht ein Zurückstrahlen aus auf die anderen. Es ist nicht gleichgiltig, ob einer, der in seinem innern Leben viel freier und viel höher steht, als irgend eine Konfession ihn stellen kann, einer, der im Nationalgeist oder im allgemeinen Menschheitsgeiste, im allgemeinen philosophischen Denken steht — es ist nicht gleichgiltig, ob ein solcher zu dieser Genoffenschaft gehört oder zu einer andern. Denn die Genossenschaft wird gezählt und gewogen nach ihren Angehörigen; und darum ist es eine Pflicht derer, die hoch hinaufsteigen irgendwie, in bürgerlicher Stellung, in Fähigkeit,, in Leistungen — ihre Pflicht ist es am meisten, bei den Ihrigen zu bleiben." Und dafür, daß unser Jubilar nicht nur das rechte Wort zur rechten Zeit zu künden weiß, sondern auch für seine Worte mit der That einzusteheu bereit ist, zeugt unter

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