Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228078--51108-3273954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
436 Vogelperspektive den Ursachen der Verirrungen nach, um ihnen dann mit den siegreichen Waffen seines reifsten Denkens an den Leib zu rücken. Ein solcher, über den Streit der Tagesmeinungen erhabener Philosoph ist Lazarus. Trotz der häßlichen, widrigen Scenen, welche sich vor seinen Augen abspielten, erhielt er sich unverkümmer den Glauben an die erlösende Macht des ihm von Schiller und Herbart eingeimpften Idealismus; er baute mit Recht auf den Genius seines Volkes, welches so glücklich ist, einen der wesentlichsten Züge seines Nationalcharakters niit einem Worte zu bezeichnen, das wegen seiner unvergleichlichen Innigkeit von keiner europäischen Sprache wiedergegeben werden kann, — mit dem Worte: Gem üth. Er rief alle Mann an Bord unter dem zuversichtlichen Kommando: „Mit der bloßen Klage über den Schaden wird für seine Heilung nichts getha». Jeder an seiner Stelle muß sich den idealen Bestrebungen wieder zuwenden; die politischen und die sozialen Kämpfe werden uns nicht erspart werden, aber die Kräfte, um sie gedeihlich zu führen, tverden nur dann wachsen, wenn der Sinn für die idealen Güter wieder geöffnet wird, wenn freie, reine und edle Gesinnung in Arbeit und Muße wieder die Oberhand gewinnen, wenn die gute Sache der Idee wieder in der Tiefe des Gemüthes Wurzel schlägt", und ging selbst mit gutem Beispiel voran. Er versenkte sich in das Studium idealer Fragen, und der Segen blieb auch nicht aus. Die hochgestimmten Gedanken, welche er in eine wahrhaft klassische Form faßte, haben eine zündende Wirkung geübt. Seine Schriften sind, wie schon aus der Zahl ihrer Auflagen erhellt, weit über die eigentlichen wiffenschaftlichen Fachkreise hinaus in das gebildete Publikum gedrungen. Den Weg zeigte ihm vor Allem Herbart, welcher der Psychologie zum ersten Mal den Stempel einer exakten Wiffenschaft aufgedrückt, mittelst der Beobachtung, der Spekulation und des mathematischen Kalküls eine Statik und Mechanik der Seele geschaffen hatte, „welche der Mechanik des Himmels nicht nur an die Seite zu setzen, sondern nach ihrer Bedeutung für das menschliche Wissen so weit vorzuziehen, als unsere Seele uns näher ist denn die Sterne des Himmels, und als der bewußte Geist höher steht denn die Natur". Er machte es sich mit Herbart zur Aufgabe, das Jnteresie des Menschen zu erhöhen, den an der Oberfläche haftenden Jchsinn zum Allsinn zu erweitern und dem Geiste durch Einführung in die Werkstätte desselben wahre, in sich völlig geeinigte und harmonische Lebenskraft einzuflößen. Von diesem Gesichtspunkte geleitet, hat er in seinem dreibändigen Hauptwerke „Das Leben derSeele" der Psychologie unbeschadet der Wahrung und Fortbildung ihres wiffenschaftlichen Charakters eine freiere, von dem Schulzwang entfeffelte und der gebildeten Welt zugängliche Form gegeben und sie als einen Beitrag zur Förderung höherer Bildung behandelt. Statt einer abstrakten Darstellung allgemeiner psychologischer Theorien hat er je eine einzelne Erscheinung des konkreten geistigen Lebens zum Gegenstände einer abgesonderten Betrachtung gemacht, in ihre Elemente zerlegt, auf die betreffenden Prinzipien zurückgeführt und auf diese Weise sämmtliche psychologischen Gesetze zur angewandten Erkenntniß gebracht. Dabei werden manche Lücken der bisherigen Psychologie ausgesüllt, sofern zu Ausgangspunkten der einzelnen Abhandlungen allemal solche Vorgänge gewählt werden, welche bisher entweder noch gar keine oder nur eine sehr gelegentliche und nothdürftige Behandlung erfahren haben. Das Gebiet der Psychologie ist so weit und die gründliche Bebauung derselben noch so neu, daß es an solchen Stoffen füglich nicht fehlen konnte. Zudem wird die psychologische Analyse mit ungemein großer Schärfe und Feinheit des Blickes, insbesondere für die verborgeneren Richtungen des Seelenlebens gehandhabt. Unser Philosoph überrascht und verblüfft uns geradezu durch eine Fülle geistvoller und sinniger Beziehungen, welche er scheinbar fernliegenden psychischen Prozeffen abzulauschen versteht. Diese Entdeckungen verleihen seinem Hauptwerke, wie seinen Schriften überhaupt, einen ganz ungewöhnlichen, intimen Reiz, welcher ihnen zumal in den Kreisen litterarischer und künstlerischer Feinschmecker zahlreiche Freunde erworben hat. Lazarus' Stellung in der Geschichte der Philosophie ist wesentlich bedingt durch die im Vereine mit H. Steinthal unternommene Begründung eines neuen, zwischen der Kulturgeschichte und der Psychologie eine Mittelstellung einnehmenden wiffenschaftlichen Zweiges, der Völkerpsychologie, deren Organ die in den Jahren 1859—1887 von beiden Philosophen herausgegebene „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" war. Lazarus hat in den ersten Bänden der Zeitschrift eine Reihe von Abhandlungen veröffentlicht, welche als mustergiltig und grundlegend angesehen werden dürfen. Eine derselben, welche sich über „Die Ideen in der Geschichte" verbreitet, bietet zugleich einen werthvollen Beitrag zur Philosophie der Geschichte.und zur Theorie der Geschichtschreibung. Sie vertritt im ausdrücklichen Gegensätze zu den Geschichtsauffassungen Hegel's und Buckle's den teleologischen und in weiterer Beziehung den theistischen Standpunkt. Faffen wir das Wesen der Völkerpsychologie kurz zusammen, so hat sie nach Art der individuellen Psychologie, welche aus den einfachsten Ereigniffen der Seele und den Gesetzen, nach denen sie sich hemmen, verknüpfen und verschmelzen und im Bewußtsein auf- und niedertauchen, das verwickelte Getriebe des ausgebildeten Bewußtseins sich entwickeln läßt, aus den einfachsten Erzeugnissen der menschlichen Geselligkeit den umfaffenden Organismus des Volksgeistes zu erklären. Es liegt ihr ob, die Normen, nach denen die innere, geistige oder ideale Thätigkeit eines Volkes in Leben, Kunst und Wiffenschaft vor sich geht, sich ausbreitet und erweitert oder vermengt, erhöht und vertieft oder verflacht, die Gründe, Ursachen nnd Veranlasiungen sowohl der Entstehung, als auch der Entwickelung und zuletzt des Unterganges der Eigenthümlichkeiten eines Volkes zu enthüllen. Man hat der neuen Wiffenschaft anfangs das Naturalisationspatent streitig gemacht und einen spezifischen Unterschied zwischen ihr und der Psychologie geleugnet, da jede geistige Gesammtheit im Grunde ja nur aus den einzelnen Geistern bestehe. Diese Thatsache, meint man, sei durchaus einfach, auf den ersten Blick klar und so einleuchtend, daß es gar nicht zu begreifen sei. wie Menschen, welche Augen haben, um zu sehen, sich ihr verschließen konnten. „Gewiß!" erwiedert Lazarus sehr sarkastisch, „aber das Einfache und auf den ersten Blick Klare ist nicht immer, sogar selten, vielleicht niemals — das Wahre. Mindestens wird man diesem Einwurf gegenüber vermuthen dürfen, Derjenige, welcher zuerst von Völkerpsychologie geredet hat, werde diese Thatsache, da sie so klar und einfach ist, auch gekannt haben; es müffen also doch Gründe dagegen sprechen." Im Anhänge daran erinnert er an die Nationalökonomie, deren Gegenstand füglich auch nur in dem ökonomischen Betrieb aller Einzelnen besteht. Gleichwohl haben die Gesetze der Nationalökonomie unleugbar einen ganz anderen Inhalt als die ökonomischen Betriebsregeln, welche der Vater seinem Sohn oder der Meister seinem Lehrling auf den Lebensweg mitgiebt. Noch deutlicher illustrirt unser Philosoph die Sachlage durch ein anderes, nicht der Sphäre des Menschen entnommenes Bild. Der Baum z. B. ist ein Komplex von Körpern, welche bestimmte chemische Eigenschaften und physikalische Kräfte besitzen; er kann demnach einen Gegenstand der Physik und der Chemie abgeben. Was ihn aber vor blos chemischen und physikalischen Körpern auszeichnet, ist der Umstand, daß diese in ihm ein organisches Gebilde ausmachen, in ihm als eine Pflanze existiren und wirken. Die Wiffenschaft, welcher er vorzugsweise angehört, ist