Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228078--51107-3273953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«W«»." J W -J. •»--, 4*..- - 435 bar sei. Luther, Schleiermacher ». A. wiesen dem alten Testament neben dem neuen eine untergeordnete Stellung an. Seine Religion sei kein christliches Judenthum, sondern eine Menschheitsreligion, welche nicht aus einer andern erwiesen werden darf. Weil aber das alte Testament das Gesetz von Gott und die Verheißung auf Christus enthielte, müßten zum Verständniß der Heilsgeschichte einige Abschnitte des alten Bundes zur Behandlung herangezogen werden. Die Geschichten aber, welche für das sittlich-religiöse Empfinden bedeutungslos oder gar gefährlich seien, müßten ausgeschieden werden. Alle Geschichten müßten endlich nach christlichen Grundsätzen beurtheilt werden. Man kann nicht heute lernen lasten: Vor Allem eins, mein Kind, sei treu und wahr! —undmorgen Jakob für einen frommen Menschen gelten lassen. Auch der im alten Testament gezeichnete Gott der Rache muthe die Christen fremd an, da sie aus dem neuen Testament einen Gott der Liebe und Barmherzigkeit kennen gelernt hätten. Soweit der Herr Vortragende. Wie wir sehen, feblt es diesen Ausführungen nicht an inneren Widersprüchen: Das Christenthum sei Menschheitsreligion, die nicht aus einer anderen erwiesen werden dürfe, und doch soll das alte Testament die Verheißung auf Christus enthalten. Damit fällt doch der Begriff „Menschheitsreligion"! Dann will der Redner die Geschichten nach christlichen Grundsätzen behandelt wissen. Dieser exklusive Standpunkt möge die jüdischen Eltern mahnen, des Wortes unseres berühmten Zunz eingedenk: „Kein Schüler des öffentlichen Religionslehrers darf christliche Religionsstundcn frequentiren", ihre Kinder nicht am christlichen Religionsunterricht Theil nehmen zu lasten, (lieber die auch von dem Redner anfgetischte Fabel von dem Rachegott der Juden wird demnächst in einem desondern Artikel gehandelt werden.) Der gesammte Vortrag hat nun ganz besonders den Zorn der in Berlin erscheinenden und von dein frühem Pastor Zilleffen herausgegebenen „Deutschen Lehrerzeitung, Tageblatt für evangelische Lehrer und Schulfreunde", erregt; es ist dies ein Blatt, das eine ausgesprochene antisemitische Tendenz verfolgt. In Nr. 180 bringt die „Deutsche Lehrerzeitung" einen eigenen Artikel über den Gegenstand unter der Ueberschrift: „Ein Vorstoß gegen das alte Testament in der Schule", worin es heißt: „Fort mit dem Alten Testament aus dem christlichen Religionsunterricht! so ertönt in neuester Zeit die Parole im Lager der Liberalen hüben und drüben. Liberale Professoren der Theologie thun fich zusammen, um dieses Buch als ein Produkt plumper Fälschungen und Ueberarbeitungen darzustellen. Mit einem Eifer und einem Fleiß, der einer bessern Sache würdig gewesen wäre, sucht ein „christlicher Theologe" in einer bei Grunow in Leipzig erschienenen Schrift: „Das Judenchristenthum in der religiösen Volkserziehung des deutschen Protestantismus", es der deutschen Christenheit klarzulegen, daß es höchste Zeit sei, das Alte Testament als ein Inden-Märchen- und Fabelbuch aus dem christlichen Religionsunterricht zu entfernen. Und in der „Christlichen Welt" überbieten sich dieser Verfasser und sein Gegner in ihren Ausfällen gegen das altehrwürdige Gotteswort, das man fast erschrecken möchte. (Vergl. Nr. 18, 22 und 25 d. Chr. Welt.) Wenn so Professoren und Theologen gegen das Alte Testament zu Felde ziehen, so ist nicht zu verwundern, wenn auch in den Kreisen liberaler Volksschullehrer der Widerspruch gegen dasselbe stch mehr und mehr zu regen beginnt. Daß dies geschieht, davon lieferte die vom 25. bis zum 27. Juli zu Tondern tagende allgemeine schleswig-holsteinische Lehrer-Versammlung einen beachtenswerthen Beweis." Es wird dann weiter hervorgehoben, daß es in der Versammlung drei Lehrer unternommen hätten, dem Referenten zu widersprechen, und es folgen hierauf christlich-dogmatische Auffassungen, die uns hier nicht interessiren, denn sie zeugen ebenfalls von einem xklusiven Standpunkt, den wir nicht theilen können. Da urtheilt doch der bekannte Pädagoge Schulrath Kehr in seiner „Praxis der Volksschule" ganz anders. Seite 77 daselbst nennt er das Volk Israel „das klassische Volk der Religivn", zeigt, „daß das Volk Israel das Gottesbewußtsein in einer Stärke und Lebendigkeit hatte, wie kein anderes Volk." Von der Bibel selbst sagt er ibick. S. 78: „Sie erzählt Alles so schlicht, so einfach, ungekünstelt und anschaulich, daß man das, was vor uralten Zeiten sich begeben hat, gleichsam wie in der Gegenwart geschehen vor sich sieht; dazu kommt ferner eine Vertraulichkeit und Herzlichkeit desTones, daß man sich unwillkürlich bei ihr wohlfühlt." Auch Luther sage: „Es ist ein köstlich Ding um die heiligen Historien." Aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, welcher Verkennung im Allgemeinen die jüdische Religion von allen Seiten ausgesetzt ist und wie selbst Männer, die sonst im Leben der antisemitischen Bewegung abhold sind, durch Unkenntniß die gehässigen Bestrebungen konfessioneller Hetzer unterstützen. 3. ij Lazarus. Von Dr. Bernhard Münz. orgen wird sich zum siebzigsten Mal der Tag jühren, an welchem ein echter deutscher Mann, ein treuer und freier Denker, Moriz Lazarus, das Licht der Welt erblickt hat. Was er seinem Freunde Berthold Auerbach in seinem Abschiedsgruß zugerufen, — die Worte: „Ein deutscher Dichter hat nur eine Geburtsstätte, dann einen Wohnort, aber — keine Heimath, keine Stätte und keine Gemeinde, mit der er verwachsen, in der er festgewurzelt ist. Er kann den Wohnort wechseln; er gehört keiner Stadt, keinem Stamm; er gehört dem Volke als Ganzes" werden am 15. September an dem deutschen Philosophen Lazarus zur Wahrheit werden. Allenthalben, so weit die deutsche Zunge reicht, schicken sich die Besten au, dem reich verdienten Jubilar, deffen Lebensbaum reife und anmuthige Aepfel der Erlcnntniß getragen, zu huldigen. In der vordersten Reihe der Glückwünschenden werden wir deutsche Israeliten stehen; denn „der Stein, den die Bauleute verworfen hatten, ist zum Eckstein geworden". Lazarus ist kein Mann, welcher kurzsichtig darauf ausgeht, seiner Zeit zu gefallen und ihrem kurzlebigen Geschmack zu fröhnen; er jagt beileibe lücht dem blendenden und verführerischen Schimmer der Volksthümlichkeit nach, sondern sucht seine Befriedigung vielmehr darin, aus dem Grunde des Ewigen, Unendlichen und Heiligen zu schöpfen, an die Blüthe der Nation und au das Ganze der Menschheit zu denken. Er ist ganz und gar davon durchdrungen, daß die Idee und die Idealität der Gesinnung Quelle und Ziel zugleich des Menschlichen Handelns sein müffen. Nichtsdestoweniger ist er kein einseitiger, verknöcherter Idealist. Wie ihm auf rein theoretischem Gebiete ein Ideal-Realismus als letztes und höchstes Ziel der Forschung vorschwebt, so verlangt er für die Praxis die Durchdringung des Lebens mit realen Energien und idealen Antrieben. Demgemäß weiß er es zu würdigen, daß der intuitive Geist der klassischen Periode des Dichtens und Denkens in unserer Zeit durch einen unaufhaltsam vorwärts stürmende» Thatendrang abgelöst wurde. Der Weise läßt sich jedoch durch alle Gährungen nicht aus dem Geleise bringen, er läßt nicht muthlos die Hände in den Schooß sinken, er verliert über den Auswüchsen nicht das Gleichgewicht, sondern sieht in ihnen einen „Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", und forscht von der