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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-14 · Heft 37 (14.9.1894) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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- 434 —— Nie Woche. f Berlin, 12. September. ie Königsberger Ka iserrede hat in dieser Woche alle anderen Interessen und Erörterungen weit zurückgedrängt. Sie wird einen freudigen Widerhall finden weit über die Grenzen des Landes hinaus, in dem sie gehalten worden. Die Botschaft: „Der Kaiser hat ein warmes Herz für jeden seiner Untertanen" klingt aus dieser Rede glanzreich hervor und darf auch uns mit freudiger Hoffnung beleben, die wir uns dessen aufrichtig bewußt sind, daß wir zu den treuesten Söhnen des Vaterlandes gehören. Es war nicht unbekannt, daß der Kaiser schon seit geraumer Zeit das Treiben der konservativ-antisemitischen Tivoli-Agrarier mit großem Mißfallen betrachtet hat. Wenn Kaiser Wilhelm II. den Kampf gegen die Uinsturzparteien so stark als wünschenswerth und nöthig betont hat, so hat ihn dabei auch wohl die Ansicht geleitet, daß das Treiben des Bundes der Landwirthe durch andaliernde Verhetzungen und Erregung von Unzufriedenheit nur dahin wirken kann, der Sozialdemokratie auch auf solchen Gebieten den Weg zu ebnen, die sich ihr bisher verschlossen hatten. 4 Herr Stöcker suhlt das Bedürfniß, wieder einmal von sich reden zu machen. Aus seinem Sominer - Tivoli wendet er sich in einem Brief an seine Getrelie» gegen alle Ausnahmegesetze. Aber auch diese Regel hat ihre Ausnahme, und so räth denn „Präsident Stöcker": „Will man Ausnahmegesetze, so mache man solche gegen die Juden welche eine Ausnahmestellung einnehmen. Aber man denke nicht an Ausnahmegesetze oder Verfassungsveränderungen, die das ganze Volk aufregen müssen. Die Erfahrungen, welche wir mit den Maigesetzen und dem Sozialistengesetz gemacht habe», sollten vor jeder Wiederholung dieser Politik abschrecken." Zum Schluffe seiner Botschaft an die ©«treuen in Berlin stößt er noch einen kräftigen Fluch gegen die parteilosen Blätter aus: „Da will ein Unternehmen (Die Bolksrundschau) dem Mittelstand Helsen, das Judenthum bekämpfen, aber ohne Partei. Hat man je von solcher Unklugheit gehört? Wer soll denn anders Hilfe schaffen, als eine große Partei? Mit Unparteilichkeit kann man wohl Gimpel und Abonnenten fangen, aber nicht dem Vaterlande helfen. Im alten Athen verlor der, der nicht Partei ergriff, sein Bürgerrecht. So sollte es unter uns auch sein. Die Gründer aber des neuen Unternehmens sind so parteilos, daß sie in dem Mutterblatt das Christenthum bekämpfen, in dem Tochterblatt sogar den christlichen Staat vertheidigen, um Pastoren und fromme Leute zu gewinnen. Die Mutter hält es mit den Freigeistern, die Tochter mit den Frommen; so abonniren, denkt man, beide." In diesem Punkte dürfte Herr Stöcker wohl ausnahmsweise dqs Rechte getroffen haben. Aber er vergißt, daß diese „Autisemitische Volksrundschau" einfach mit seinem Kalbe pflügt. Das ist es, was er sich hütet, einzugestehen. * Trübe Nachrichten kommen, wie so oft schon, aus Marokko. Während der Herd der Unruhen in Marokko bisher um Mazagan an der Westküste zu suchen war, haben jetzt, wie dem „Bür. Reuter" aus Tanger gemeldet wird, die Kabylen in der Nähe von Demnat, nordöstlich von der Landeshauptstadt Marakesch, sich empört, plündern Demnat, Mella und andere Orte, tödten die Juden und zerstören ihre Synagogen und Wohnhäuser. Die Kabylen von Erhamma, Zeman und Witanan belagern Marakesch; man befürchtet, daß die Stadt zu schwach sei, um Widerstand zu leisten. Diese kurze Meldung läßt die eigentliche Ursache des Aufstandes nicht erkennen. Vielleicht darf man aus der Bemerkung, daß die Juden getödtet werden schließen, daß der nationale Fanatismus der großen Massen unter dem Eindruck der Ernennung eines englischen und eines französischen Konsuls in Fez aufgestachelt wurde und, irregeleitet, sich gegen die Juden wendet. Eine „freisinnige" Lehrer-Versammlung und eine „antisemitische" Lehrer-Zeitung. s ist eine erfreuliche Erscheinung, daß in den alljährlich stattfindenden Provinzialversammlungen preußischer Volksschullehrer durchweg; ein liberaler Geist herrscht; es ist das um so erfreulicher, als die Lehrer den wesentlichste» Einfluß auf die gedeihliche erziehliche Entwickelung der ihnen anvertrauten Jugend auszuüben im Staude sind. Daß aber auch bei diesen freisinnigen Bestrebungen Verkehrtheiten hervortreten, die Andersgläubige unangenehm berühren, lvollen wir in Folgendem zeige». In Tond eru tagte vom 25. bis 27. Juli d. I. die 18. allgenieine schleswig-holsteinische Lehrerversammlung, in welcher Herr Rektor Schmarje-Altona einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über: „Zwei dringliche Reformen auf dem Gebiete des biblischen Geschichtsunterrichts" hielt. Der Redner führte aus, daß es wünschenswerth erscheine, die im Elternhause begonnene sittlichreligiöse Erziehung des Kindes in der Schule lückenlos fortzusetzen, Seither geschah dies im Anschluß an die biblische Geschichte, welche oft schon im Unterricht der ersten Schulwoche auftritt. Neben der Kirche finden auch Schulmänner, wie Wangemann, Grube und Dörpfeld, diese» Standpunkt für gerechtfertigt, während Pädagogen, wie Karl Richter, Schindler und die Anhänger der Herbart- Zillerschen Schule, nicht aus Haß gegen die Kirche, sondern aus Liebe zur Religion und den Kindern, meinen, in Rücksicht auf den Entwickelnngsgrad der Kinder und die Form der Geschichten müffe die biblische Geschichte erst später auftreten. Aufmerksame Lehrer wissen, daß der Vorstellungskreis des in die Schule eintretenden Kindes sehr eng ist und über die einfachsten Begriffe des es täglich umgebenden Lebens nicht hinausgeht. Auch das Sprechvermögen der Kleinen ist außerordentlich mangelhaft ausgebildet, so daß es schwer fällt, die biblischen Geschichten dazu zu verwenden, um sittlichreligiöse Vorstellungen und Empfindungen im Kinde zu wecken. Wie de mann und Andere haben versucht, eine kindliche Form zu finden, die der Kinderstube angepaßt sein mag. deni Bibelwort aber den poetischen Duft und klassischen Werth nimmt. An Stelle der biblischen Geschichten setze man deshalb im ersten Schuljahre Volksmärchen, Fabeln und Erzählungen, durch deren Behandlung, im Verein mit dem obigen Schulunterricht, das Kind für das zweite Schuljahr fähig wird zur Aufnahme des nun beginnenden eigentlichen Religionsunterrichts. — Gegen diese Argumentationen wird man vom pädagogischen Standpunkt aus schwerlich Einwendungen machen köunen. Anders gestalten sich die folgenden Auslassungen des Altonaer Rektors, die allerdings wesentlich dogmatischer Natur sind, und an denen wir keine Kritik üben würden, wenn sie nicht thatsächliche Unrichtigkeiten enthielten. Der Redner setzte nämlich des Weiteren auseinander, daß bisher der unterrichtlichen Behandlung der biblischen Geschichten des alten Testaments genau dieselbe Zeit zugewandt werde, wie der Unterweisung in neutestamentlichen Geschichten, obwohl die absolute Nothwendigkeit des alten Testaments zur Heilsgewinnung nicht nachtveis-

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