Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432 - — — wie wäre sonach eine allgemeine Menschenliebe erwiesen? — Franzs Delitzsch schreibt in seinem „Jesus und Hillel" S. 27: „Das Gesetzsagt zwar auch schon: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich, selbst, aber es gestattet dem Fremden gegenüber (nicht dem 33, sondern^ dem *H33), was es dem Volksgenossen verbietet, 5 B. Mos. 23, 21," Daß unser Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" uv Math. 5, 43 die individuelle Auffassung erkennen läßt, muß jeder Unbefangene zugeben. Wir lesen dort: Ihr habt gehört, daß es heißt: Liebe deinen Nächsten und hasse Deinen Feind! Jeder, der nur einiger maßen vertraut ist mit der heiligen Schrift, fragt sich verwundert, wo in aller Welt lehrt denn die Thora oder die Bibel den Feind zu hassen? Man zeige uns doch die Stelle in der heiligen Schrift! Läßt sich doch an unzähligen Stellen Nachweisen, daß die Bibel die reinste edelste Menschenliebe lehrt und Menschenfreundlichkeit selbst dem Feinde gegenüber, und selbst dem Viehe des Feindes gegenüber Güte und Milde einschärft; Es sei hier von den vielen diesbezüglichen Geboten nur auf das eine hingewiesen: Aegypten hat Jahrhunderte unsere Väter gepeinigt, dieselben grausam und mit unmenschlicher Härte bedrückt und mißhandelt,, und dennoch heißt es (Deut. 23, 8): „Du sollst den Aegypter nicht gering schätzen," d. h. ihm nicht mit Haß und Lieblosigkeit begegnen. Di6 Kinder der Aegypter sollen schon im dritten Gliede in die Gemeine des Ewigen kommen, was h.ißt dies anders, als thut Gutes Denen, die' euch hassen! Es bleibt daher nur die einzige Annahme übrig, daß der Stifter der christlichen Religion unter reu verstanden hat Einen, der durch Ver-, bindung und Beziehung uns der Nächste ist, ein Verwandter, ein Angehöriger, ein Freund, ein Nachbar, was auch gewissermaßen das xbr] ■a/jjotoi' (jov des Urtextes andeutet; sonach war die Folgerung, der Schluß gerechtfertigt, wenn man blos den Freund lieben soll, so darf, man wohl den Feind hassen Gegen diese Argumentation sowohl wie, gegen die Auffassung der Bedeutung rea überhaupt müssen wir nach-, drücklichst protestiren. Fr au st a dt, 12. August. Rabbiner Groß Geehrte Redaktion! errn Religionslehrer Buxbaum diene als Erwiederung auf seine Bemerkung in Nr. 35 Der „Allgem. Zeitung des Judenthums", daß mit dem Schlußsatz im zweiten ,.w’hu 1’ wad au elauhenu hojo, hauwe w'jih’jeh wohl eine strikte Negation der Trinität für alle Zeiten ausgesprochen werden sollte und sonach zur Integrität des zweiten gehört. Hschachtend und ergebenst Breslau, 31. August. Simon Gradenwitz, Lehrer. * CR\ie Klagen des Herrn Finkelstein, Polzin, über den Vorfall der Cb „Jüdischkeit" und die Abstumpfung des jüdischen Geistes in den kleinen Gemeinden dürfen denn doch nicht unwidersprochen bleiben Wohl ist es wahr, daß der Jndifferentismus in religiösen und wissenschaftlichen Sachen des Judenthums sowohl in größeren als kleineren Gemeinden in erschrecklicher Weise zugenommen hatte, doch ist gerade durch den Antisemitismus in den letzten Jahren hierin eine Wandlung zum Bessern eingetreten. Mit einem Schlage kann sich das natürlich nicht Alles ändern; Herr Finkelstein übersieht, daß es in großen Gemeinden auch nur ein Bruchtheil der Juden ist, welche sich mit Eifer dem Studium unserer Geschichte und den neueren Erzeugnissen unserer Litteratur widmen; und wie diese es sich angelegen sein lassen werden, die gleichgiltigen Elemente heranzuziehen, so werden auch die überall neu erstandenenr Litteratur-Vereine nach ihrer eigenen Festigung es sich zur Aufgabe - machen müssen, die benachbarten kleinen Gemeinden mit Zeitschriften und geeigneten Büchern aus ihrer Bibliothek zu versorgen. Von einer Centralstelle aus, wie das von christlicher Seite geschieht, kann dies bei: uns nicht geschehen, denn diese Stelle fehlt uns noch, und die noth-- wendigen Mittel zu diesem Zwecke sind nicht vorhanden. Das geistigregere Leben innerhalb der größeren Gemeinden ist doch auch erst in der letzten Zeit eingetreten, und so wird sich auch eine Wendung in den kleineren Gemeinden einstellen, selbstverständlich bedarf es dazu nur einer Anregung; die Lehrer oder Beamten müssen sich an die benachbarten größeren Gemeinden wenden, welche ihnen gern mit Rath und That an die Hand gehen werden. Der gesunde Kern des Judenthums ist nicht so leicht zu ertödten, und wird es mit Gottes Hilfe so arg nicht werden, wie Herr Finkelstein befürchtet. Die Liebe zum Judenthum erkaltet wohl zu Zeiten bei gleichgiltigen Menschen, sie kehrt aber auch doppelt warm wieder zurück, sogar bei denjenigen, welche ihr Judenthum längst abgestreift hatten. Beweise hierfür sind genügend vorhanden. Schneidemühl, im August. H. B. ❖ Homburg, im August, in mir befreundeter, eben hier in unserem Badestädtchen weilender Kurgast hat mir folgenden Briefwechsel zur Verfügung gestellt und überlasse es Ihnen, ob Sie in einer der nächsten Nummern davon Gebrauch machen wollen, da Sie ja schon einmal Aehnliches gebracht haben. An die wohllöbl. Badekommijsion des Nordseebades Borkum. Ich bin Ihnen sehr dankbar für mir gesandten Prospekt und erlaube mir nachstehende Anfrage. Schon seit Jahren besuche ich Seebäder, würde auch längst Borkum besucht haben. Da ich aber schon verschiedene Male habe hören müssen, daß die dortigen Hotels keine Juden in Logis nehmen, so erbitte mir hierüber Ihre gefl. Rückantwort, um mich danach richten zu können, da ich selbst Jude bin Ihrer gefl. Rückantwort sehe gerne entgegen und zeichne mit Hochachtung. (Folgendes hat oben ein Bild vom Herrenbadestrand auf Borkum.) Sehr geehrter Herr! Antwortlich Ihres sehr geehrten Schreibens theile Ihnen mit, daß die hiesigen Einwohner sich wenig darum kümmern, welcher Religion die Kurgäste angehören und nehmen gerne Juden auf. Nicht unerwähnt darf ich aber lassen, daß im Sommer öfters sehr viele Antisemiten hier wohnen, welche den Israeliten durch allerlei Wühlereien den Aufenthalt hier unangenehm machen. Sollten Sie sich entschließen, unseren Badeort zu besuchen, dann möchte ich in Ihrem Interesse rathen, lieber eine kleinere Privatwohnung zu nehmen, als im Hotel zu wohnen. Borkum, 22. Mai. Hochachtungsvoll Wilhelm Bahker, Vorsitzender der Badekommission. Herrn Wilh. Bahker, Wohlgb. Nordseebad Borkum. Antwortlich Ihres sehr Werthen vom 22. er. danke Ihnen verbindlichst für mir ertheilte Auskunft, bedaure jedoch unter den obwaltenden Umständen Ihr Seebad nicht besuchen zu können, bin deshalb gezwungen, mit meiner Familie Norderney wieder aufzusuchen. — Ich bin stets gewohnt, in besseren Hotels zu wohnen und möchte keine kleine Privatwohnung beziehen. — Wiederholten Dank für Ihr gefälliges Entgegenkommen. . . . Nachbemerkung des Einsenders. Man kann doch nicht sagen, daß dort Polen, ungebildete und fanatisch austretende Juden das Rischus hervorgerufen haben, da doch meistens reiche und gebildete Leute hingehen, und nicht einmal eine Synagoge und koschere Restauration Veranlassung giebt, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. * CKNtc Urheber der Agitation gegen das „Rheinische Sensen-Versandt- <32 haus, A. Württemberg Sc Comp." (s. „Zeitung des Judenthums" Nr. 33, S. 396) haben bereits ihren Lohn erhalten. Das „Wochenblatt für die Landwirthschaft" (Stuttgart) Nr. 32 theilt im Fragekasten mit: „Zu der Anfrage über die Karpathen-Sensen von Münzer & Comp, in Wien theilt uns ein Leser mit: „Auch hierher kam eine Empfehlung, und da ich schon sogenannte galizische Sensen gesehen habe, die sehr gut waren, so dachte ich die Sache zu probiren, weil ich sehr hartes Gras habe Da ich den Wiener Schwindel kenne, sandte ich die erhaltene Empfehlungskarte an einen dortigen Freund mit der Bitte um Auskunft und erhielt die Antwort: Mainzer Sc Comp, ist eine jüdische Schwindelflrma par exeellenee. Ferner lag ein Ausschnitt vom „Deutschen Volksblatt", Wien, 22. Juni 1894, bei, der dasselbe sagt." Sapienti sat! Buchau B. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.