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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-07 · Heft 36 (7.9.1894) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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-— 431 - erst nach seiner Staatsprüfung fragen muß. Thut man es aber, dann darf man sich nicht wundern, wenn man zahlreiche Elemente vor den Kopf stößt. Dr. Louis Neustadt, Breslau, 24. August. z. Z. Präs, d deutschen Reichsverbandes jüd. Religionslehrer. * Sehr geehrter Herr Redakteur! teber die Bedeutung des Wortes „rea" im 3. B. Mos., 19.18 hatte sich in Ihrem Blatt eine Diskussion entsponnen. Ich hatte mir in einer Zuschrift die Bemerkung erlaubt, daß es überflüssig ist, sich in philosophische Erörterungen über diese Stelle einzulassen, da die Bibel an vielen Stellen die Fremdenliebe deutlich genug vorschreibt, daraus gehe ihre Priorität in Bezug auf die Forderung der Nächstenliebe hervor. Nachträglich nahm Herr Dr. Caspari in Brüssow das Wort, was mich veranlaßt, auf die Angelegenheit zurückzukommen. — Meine Antwort erfolgt zwar etwas verspätet. Sie werden ihr, wie ich hoffe, bei der Wichtigkeit der Frage dennoch Raum gewähren. Von christlicher Seite wird häufig der Versuch gemacht, die Moral des alten Testaments zu der des neuen Testaments in Gegensatz zu bringen?) Ein solcher Gegensatz ist logisch undenkbar. Entweder betrachtet man, wie es das Christenthum thut, beide Religionen als geoffenbart, dann ist der Gott des alten Testaments auch der Gott des neuen, und ich kann mir einen Gott nicht gut denken, der einmal die Rache befehlen soll und ein anderes Mal die Feindesliebe. Oder ich betrachte beide Religionen nicht transcendental, sondern wissenschaftlich als geschichtliche Erscheinungen. Dann ist das Christenthum erst recht nicht der Gegensatz des Judenthums, sondern ein Zweig desselben. Die Ähnlichkeit des neuen Testaments mit dem gleichzeitigen jüdischen Schrijtthum, der Anhang, den das Christenthum unter den Juden gefunden hat, das gute Verhältniß, das im Allgemeinen in den ersten Jahrhunderten zwischen Juden und Christen bestand?) beweist, daß es sich nicht um Gegensätze, sondern Verwandtes handelte. Ob wir also den Offenbarungsstandpunkt oder den geschichtlichen Standpunkt einnehmen, in keinem der beiden, allein denkbaren, Fälle ist ein Gegensatz zwischen jüdischer und christlicher Moral möglich, soweit man unter christlicher Moral die Lehren der Evangelien meint. Indessen haben die Christen als Sieger die Geschichte geschrieben, und wer die Geschichte schreibt, behält immer Recht. So sehr Recht, daß selbst ein großer Theil der Juden mit den Augen der Christen sieht. Ein Beispiel hierfür bietet Herr Dr. Caspari. Es handelt sich demgegenüber nicht darum, zu beweisen, sondern zu überzeugen. Für Jeden, der mit Berständniß die Bibel liest, ist ja die Beweisfrage einfach. Wo es z. B. nicht nur 3. Mos. 19, 34 heißt: „Gleich einem Eingeborenen soll euch der Fremdling sein, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten", sondern wo an einem Dutzend Stellen die Liebe zum Fremdling unter dem sinnigen Hinweis auf das ägyptische Exil gefordert wird, wo der Fremdling wie die Wittwe und Waise das Anrecht auf Nachlese und verlassene Garbe besitzt, ist, wie bemerkt, ein philologischer Streit über den Begriff rea für die Beweisfrage überflüssig, denn die Fremdenliebe begreift die Nächstenliebe in sich. Aber überzeugen ist schwierig, denn mit Berständniß wird die Bibel nur von Wenigen ge¬ 1) Es wird hier besonders auf 2. Mos. 21, 24 u. 25 (Aug' um Auge, Zahn um Zahn) im Gegensatz zur „Feindesliebe" des neuen Testaments hingewiesen. Thatsächlich befiehlt das alte Testament die Feindesliebe an vielen Stellen (s. Antisemitenspiegel S. 220/1.), hier dagegen handelt es sich, wie aus den folgenden Versen (2. Mos. 21,26 u. 27) hervorgeht, um eine Rechtsfrage. Kann denn der Mörder bei uns seine Freisprechung verlangen, weil das Christenthum die-Feindesliebe vorschreibt? 2) Hat doch die Kirche den Christen das Feiern der jüdischen Feste verbieten müssen, und wurden doch der Sonnabend auf den Sonntag, die Feste auf andere Tage verlegt, um den Gegensatz zu schaffen, der ursprünglich nicht vorhanden war. lesen — wie wären sonst die erwähnten Stellen der Aufmerksamkeit entgangen? Dem gegenüber mache ich Ihnen einen praktischen Vorschlag. Die Wahrheit muß oft wiederholt werden, um gegen die Vorurtheile von Jahrhunderten fich Bahn zu brechen. Drucken Sie in jeder Nummer Ihres Blattes die Stellen 3. M. 19, 34, 5. M. 14, 16, 29y im Wortlaut und unter Citirung dieser und der Parallelstellen* 2) ab. Ferner einige maßgebende Stellen aus Talmud und späterem Schriftthum. Zum Beispiel Sanhedrin 105 a und Tosifta Sanhedrin XIII, 2, die dogmatische Lehre, daß die Frommen der Völker Theil an der ewigen Seligkeit haben, wie die schöne Erzählung, Gott habe alle Menschen von einem Stammvater abstammen lassen, damit keiner über den andern sich erhaben dünke. Wenn Sie diese Stellen in jeder Ihrer Nummern als Eingangsworte, gewissermaßen als Motto, drucken, so werden unsere Juden vielleicht allmählich lernen, daß sie zu ihrer Vergangenheit und zu ihrem Schriftthum nicht herab-, sondern heraufzusehen haben. In der Hoffnung, daß Sie diesen praktischen Vorschlag ausführen, mache ich inzwischen unsere Glaubensgenossen, die durch fremde Brillen sehen, auf den ersten der Sprüche der Väter aufmerksam (Pirke Aboth I, 1): „Sei behutsam im Urtheil." Soll heißen, wenn man von der Bibel so wenig weiß, daß man nicht einmal ihr Fremdenrecht kennt, dann soll man sie erst kennen lernen, bevor man über sie urtheilt. Am besten hält man es schon mit dem Rezept aus Lessings Nathan; so lange indessen das Religionsprotzenthum uns die Nächstenliebe fortzudisputiren sucht (ein Beweis, daß es selbst diese Tugend nicht besitzt), so lange sind wir zu unserer Vertheidigung gezwungen, unsere Prioritätsrechte nachdrücklich geltend zu machen. Berlin, 3. September. Hochachtend Dr. Cohn. * Hochgeehrter Herr Redakteur! tenn es auch nach den Regeln der Strategik gerathener zu sein scheint, den Kampf auf das Gebiet des Feindes hinüberzutragen und ihn da zur Waffenstreckung zu zwingen, so erfordert doch vor Allem die Taktik, sich mit tüchtigen, weit überlegenen Angriffsmitteln auszurüsten; die Angriffsmittel jedoch, mit denen Herr Dr. M. Stern gegen unsere Widersacher zu Felde zieht, scheinen nicht geeignet zu sein, den begonnenen Kamps zum Siege zu führen. Herr Dr. Stern sagt: „Hätte ihn nun Jemand gefragt: woher hast du das? so würde er ohne Zweifel der Wahrheit die Ehre gegeben haben u. s. w." Hat er denn dies nicht gethan? Sagt er denn nicht in der Bergpredigt (Math. 5, 43) ausdrücklich: Ihr habt gehört, daß es hieß: Liebe deinen Nächsten, und Haffe deinen Feind?" — Nachdem nun dies Gebot hier in der Bergpredigt, nach der individuellen Auffassung des Stifters der christlichen Religion, die Auslegung erhielt: Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind, so bleibt ja diese Auffassung und diese Bedeutung des mosaischen Gebotes (Levit. 19,18) auch nachher (Math. 22, 39) immer dieselbe. Und wenn er auch dem Pharisäer das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" als das zweitgrößte oder gar dem ersten gleich hinstellt, so darf nicht übersehen werden, daß er diese Antwort dem Pharisäer gab, der die Frage an ihn richtete: „Lehrer, welches ist im Gesetzbuch das größte Gebot?" ohne eingestehen zu müssen, daß in diesem Gesetze, nämlich nach dem Geistessinn des alten Gesetzes, die allgemeine Menschenliebe, auch die den Feind umfassende Liebe enthalten sei. Es werden daher unsere Gegner immer noch dabei beharren, daß es doch nur Christus ist, der zuerst diese Liebe zum sittlichen Prinzip erhoben hat. Und dann, Herr Dr. Stern will das ganze Schwergewicht des Beweises, daß das Gebot der Nächstenliebe alle Menschen ohne Ausnahme umfaßt, auf den nachfolgenden Vers 34 legen, weil es dort heißt: „Wie der Einheimische unter euch, soll auch der Fremde sein!" Wie aber, wenn von vielen christlichen Gelehrten zugegeben wird, daß der Nächste im Allgemeinen der Volksgenosse und allenfalls auch der unter Jsrae wohnende Fremdling ist, wie es dort ausdrücklich heißt: Die Verzehntung für den Fremdling, wie für Wittwe und Waisen. 2) Zur ersteren Stelle wären z. B. noch zu citireu: 3. M. 24, 22, 2. M. 12, 49, 4. M. 15, 16. Zur zweiten z. B.: 5. M. 16, 14, 3. M. 19, 9 und 10, 3. M. 23- 22, 5. M. 24, 19, 2. M. 20, 10 re.

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