Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228077--51096-3273941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
429 Are Todtengebete des Uabbr. Aus „King of the Schnorrers.“ Von I. Zangivill. n einer ausblühenden, binncnländischen Handelsstadt, in deren schmutzigen, dunklen Vorstadtgassen Armuth und Frömmigkeit hausten, eilte kurz vor Mitternacht ein Mann in einem weichen Filzhut und mH einer weißen Kravatte einer Brücke zu, die über den trüben Fluß führte; augenscheinlich wollte er möglichst schnell nach Hanse kommen. Den Omnibus hatte er verfehlt, und zu so später Stunde mochte er auf der Straße nicht mehr gesehen werden. Plötzlich fühlte er sich an einem seiner langen Rockjchöße festgehalten. Halb beunruhigt und halb geärgert, drehte er sich um. Da stand ein athemloser, armselig gekleideter Mann mit rauhen Gesichtszügen vor ihm, der nun seine Hand von dem Kleide des Andern löste. „Verzeihung, Herr — aber ich bin so gelaufen, —" keuchte er. „Was giebt's? Was wollt Ihr?" fragte der Angehaltene ungeduldig. „Mein Weib liegt im Sterben!" stieß der Mann hervor. „Thut mir leid," eutgegnete der Andere, ein wenig ungläubig; „ich bin kein Arzt." „Weiß ich, Herr. Such' auch keinen. Der Arzt ist bei ihr und giebt ihr nur noch zehn Minuten zu leben. Kommen Sie sofort mit mir, ich beschwöre Sie!" „Mit Euch kommen? Aber was kann ich denn helfen?" „Sie sind Geistlicher?" Der Träger der weißen Kravatte schien verlegen. „I—a," stotterte er; „das heißt — ich bin keiner von den Geistlichen, nach denen Euer Weib verlangt. Ich bin ein jüdischer Prediger." „Thut nichts, Herr," unterbrach ihn der Mann, „wenn Sie nur nicht katholisch find. Oh, gehen Sie jetzt nicht davon, Herr!" Seine Stimme schwankte. „Gehen Sie nicht davon jetzt, nachdem ich fünf Minuten lang hinter Ihnen hergejagt bin. Ich sah Ihren Rock und Hut aus der Ferne, gerade als ich aus dem Hause trat. Kommen Sie doch zurück mit mir," bat er inständig, als er bemerkte, daß der Jude zögerte. Der Mann sprach so eindringlich, seine Angst schien so ehrlich, daß des Predigers Menschenfreundlichkeit der Aufforderung nicht mehr widerstehen konnte. „Weshalb holt Ihr denn nicht Euren eigenen Seelsorger?" „Ich habe keinen," eutgegnete der Mann, gewiffermaßen sich entschuldigend. „Ich selbst glaube an gar nichts. Aber sie wissen wohl, wie es mit den Weibern ist. Betsy geht fast jeden Sonntag in die Kirche. Oft ist sie des Morgens schon wieder zurück, ehe ich noch aufgestanden bin, und so lange ich mein Frühstück pünktlich bekomme, kümmere ich mich um nichts weiter. Ich frage sie nicht, und dafür quält sie mich nicht mit Bekehrungsversuchen, wenigstens nicht seit den letzten zehn Jahren, seitdem sie die Kleinen hat, die sie zum Beten anhalten kann. Wir kommen Alle miteinander ganz gut dabei aus, die Frau und ich und die Kinder. Aber jetzt ist ja nun doch Alles zu Ende," schluchzte er auf. „Ja, mein lieber Mann." meinte der Prediger, „ich sagte Ihnen schon, Sie sind da im Jrrthum. Sie verstehen nichts von Religion; Ihre Frau wünscht Jemanden, der ihr von Jesus spricht, oder der ihr das Sakrament geben oder ihr die Beichte abnehmen kan», oder dergleichen; aber ich muß gestehen, ich bin nicht sehr vertraut mit den verschiedenen Bräuchen der christlichen Lehre." „Aber Sie glauben doch an Etwas!" fragte der Mann eindringlich. „Hm — ja, freilich, aber es ist doch nicht dasselbe, an das Euer Weib glaubt." „Sie glauben doch an Gott, nicht wahr?" Der Geistliche wurde ein wenig ärgerlich über dieses Katechisiren. Es erschien ihm gar zu seltsam, wie er da auf offener Straße von einem ihm wildfremden Menschen ausgefragt wurde über die Grundlage seiner Religion. „Natürlich!" cntgignete er ungeduldig. „Sehen Sie, ich wußt' es ja," rief der Mann triumphirend. „Keiner von uns in der Fabrik glaubt an ihn; aber bei Geistlichen ist das natürlich etwas Anderes. Wenn Sie nur an Gott glauben, so genügt das schon, nicht wahr? Hier sind wir am Hause." Der Prediger kämpfte den letzten Rest von Mißtrauen nieder und schaute vorsichtig umher, um sich zu überzeugen, daß er unbeobachtet sei. Duldsamkeit war nicht die stärkste Seite seiner Heerde Und wenn selbst die Leute den ganzen Hergang erfuhren, jo war er doch nicht sicher, ob sie nicht sein Beten bei einer sterbenden Christin für Gotteslästerung halten würden. Immerhin war es ein Zeichen von Muth, daß er jene dunkle, übelriechende, endlose Treppe hinaufkletterte. Endlich sah er sich in einem düstern Dachstübchen das nur spärlich durch eine Oellampe erhellt wurde. Ein abgezehrtes Weib lag mit geschlossenen Augen auf einer eisernen Bettstelle; ihre fiebernden Finger umklammerten die Hände zweier Kinder, eines Knaben von zehn und eines Mädchens von sieben Jahren, die in ihren Nachtkitteln weinend da standen. Der Arzt lehnte am Kopfende des Bettes. Er war ein gescheidter, gutherziger Irländer, ein ß Katholik. r! „Noch ist es nicht zu spät," sprach er leise. l „Gott sei Dank!" meinte der Atheist. „Betsy, Alte, hier ist ein rj Seelsorger!" ßi Wie ein Wolkenschleier hob es sich von dem schon halb erstarrten | Antlitz, das nun ein ersterbender Sonnenstrahl zu überfliegen schien; langsam öffneten sich die Augen, die Händen lösten sich aus denen j.J der Kinder und falteten sich zum Gebet. „Jesus Christus-," | begannen die Lippen mechanisch. | Den Prediger überlief es ganz heiß vor Verwirrung, er zitterte | fast vor Erregung, denn er wußte ja nicht, was er jetzt sagen sollte.?! Halb niechanisch zog er ein hebräisches Gebetbuch aus der Tasche und begann daraus das Todtengebet, das in englischer Uebersetzung - neben den hebräischen Text gedruckt war, vorzulesen. „Ich glaube an dich, Herr mein Gott und Gott meiner Väter, mein Leben und mein Sterben ist in deiner Hand . .." Während er las, bewegten sich die Lippen der Sterbenden, die Worte leise nachsprechend. Wie oft mochten jene blassen Lippen gebetet haben, daß die steifnackigen Juden Gnade finden und von ewiger Verdammung gerettet werden mögen! Das Gebet dauerte fort und tönte einsörmig durch die heiße, dicke mit Oeldämpfen angefüllte Luft der Dachstube; die weinenden Kinder waren verstummt. Der Atheist stand von Ehrfurcht ergriffen dabei; die widerstreitendsten Emfindungen erfüllten ihn. Er war froh, daß er dem armen sterbenden Weibe den letzten Wunsch erfüllt hatte, und doch beschlich ihn die Angst, sie könnte ihr volles Bewußtsein wiedererlangen und die Täuschung bemerken. In feinem übervollen Herzen war in diesem Augenblick kein Raum für seine persönliche Bekümmerniß. „Lehre mich erkennen den Pfad des Lebens; bei dir ist ewige Freude." Ein exlatischer Ausdruck verklärte das grobe, vergrämte Antlitz; sie streckte die Arme aus, als wollte sie eine den Anderen unsichtbare Gestalt umfangen. „Ja, Herr Jesus, ich komme —," murmelte sie. Die Hände fielen schwer auf die Brust herab, die Züge wurden starr, die Augen schlossen sich. Unwillkürlich hatte der Prediger die Hand der Sterbenden ergriffen, indem er zu lesen fortfuhr: „In deine Hanv befehle ich 8 meine Seele, du hast inich erlöset, o Gott der Gerechtigkeit! Amen— ff