Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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428 Während Ludwig so redete, folgte ihm Jizchak mit angestrengter Aufmerksamkeit, seine Pupillen erweiterten, seine Stirn faltete sich. Er schien des Fräuleins vergessen zu haben, welches in seiner Nähe saß und aus lazurblauen Augen unter langen, seidenen Wimpern Blitze hervorschoß. Als der Mediziner geendigt hatte, ließ Jizchak traurig den Kopf hängen. „Herr," sprach er, „ich will Euch die Wahrheit sagen. Von dem, was Ihr da gesprochen, habe ich sehr wenig verstanden. Ich möchte gern jedes Wort verschlingen, aber ich kann nicht Deutsch." Ludwig fühlte sich beschämt. Er griff sich beim Kopfe. „Welch ein guter Agitator ich bin," dachte er. „Ich rede zu den Einfältigen in der Sprache der Bücher und Salons." Noch einmal streckte er Jizchak die Hand entgegen. „Ich begreife dies," sagte er. „Ich will mich bemühen, diesen Fehler gut zu machen. Ich will es vom Herzen und wünsche aufrichtig, mit meinem Wissen die Dürftigen zu betheilen und so ein nützlicher Mensch zu werden und zu beweisen, chaß, wenngleich ich auch andere Kleider trage, mein Herz unverändert blieb ... ich bin Euer Bruder." Diese Worte verstand Jizchak schon ganz genau; erstaunt blickte er auf den Sprecher. »Ihr, Herr?" „Ich, was ist denn Großes daran? Sind wir nicht gleiche Menschen? Leuchtet uns nicht dieselbe Sonne, nährt uns nicht dieselbe Erde?" „Und Beide sind wir jüdische Kinder", fügte Jizchak schüchtern hinzu. „Ja," bestätigte Ludwig; „wer weiß, ob unsere Urahnen nicht auf demselben Scheiterhaufen für einen und denselben Gedanken ihr Leben Hingaben? Nur sind die Zeiten jetzt anders, und der Zufall hat mich in eine günstigere Lage gesetzt." Diese Worte hatten für Jizchak solch eineu Reiz der Neuheit und rührten ihn so tief tvie die eigenen, unter der Einwirkung langer Spaziergänge im Walde entstandenen Gedanken, oder wie die gestrige Musik. „Und von dieser vortheilhaften Stellung wollt Ihr niedersteigen, Herr, zu denen, die arm sind und blind?" „Dieses Ziel habe ich meinem Leben gesteckt." Jizchak sah voll Verehrung auf ihn. „Ach, ich denke nianchuial, wenn ich höher stehen würde, ich möchte Jedem die Hand reichen, welche in der Tiefe versinken oder im Schlamm stecken . .. aber vorläufig vermag ich mich selbst nicht dem Abgrund zu entreißen. Und oft sehne ich mich, dürste ich so und rufe mit Thränen: wird denn Keiner kommen, der mich retten und erleuchten könnte?" „Ich werde derjenige sein, mein Freund," rief Ludwig etwas pathetisch. Der angehende Doktor der Medizin und der der Schule entlaufene Bachur drückten sich die Hände, Fräulein Lola aber blickte feuchten Auges auf sie, erhob sich und küßte schweigend ihren Bruder auf die Stirn. Jizchak erhob die schwarzen, träumerischen Augen zu ihr, dann senkte er sie schnell und begann seinem neuen Freunde die Geschichte seiner geistigen Entwickelung und seiner Seelenkämpfe zu erzählen. Ludwig hörte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zu, aber Fräulein Lola fühlte sich von de» talinudischen Erörterungen nicht angesprochen. Sie verließ die Stube, und Jizchak fuhr i» seinen Klagen fort und entwarf ein Bild des geistigen Ringens und der Seelenqualeu so vieler Schweigenden oder fruchtlos Verzweifelnden. Dies dauerte lang. Durch das geöffnete Fenster drangen die hellen Sonnenstrahlen und bildeten über ihren Häuptern "gleichsam aus silbernen Stäubchen gewobene Streifen. In der Stube vernahm man das Summen der Mücken, das Rauschen der Bäume Lolas leises Singen. Die zwei einsamen Jünglinge, erhitzt und erregt, holten die Sterne vom Himmelsgewölbe und formten neue Welten. XV. Seit jener Zeit kam Jizchak täglich in die Wohnung der Sommerfrischler. Ludwig uud Lola hatten sich ein gemeinschaftliches Programm für ihre Arbeit auf diesem vernachlässigten, aber dankbaren Felde zurechtgelegt. Die Mutter blickte mit dem Lächeln der Nachsicht und Befriedigung auf die Bemühungen der „Kinder". Ludwig hatte die Beichte mit herzlicher Theiluahme angehört und sich für Jizchak begeistert. Er sollte das erste Kind der Wünsche und Bestrebungen des jungen Kämpen für die Aufklärung und Assimilation der Juden sein; Fräulein Lola hingegen... Dieses bezaubernde, sechzehnjährige Geschöpfchen befand sich gerade unter dem unmittelbaren Eindruck der Andriollischen Illustrationen zur Erzählung „Meir Ezofowicz" von Elise Orzeszko. Mit der ganzen Empfänglichkeit ihres warmen Temperaments ward sie von der Theiluahme für Ezofowicz ergriffen, träumte sie von deffen Idylle, seiner Großmuth und Verfolgung — ihre Phantasie hatte die Gestalten der gelesenen Erzählung mit solch glühenden Farben umgeben, daß sie jetzt beim Anblick des leibhaftigen Meir den Beweis zu erbringen beschloß, daß sie etwas Anderes sei, als ein gewöhnliches, leichtköpfiges und dabei herziges Schulmädchen, daß sie sich zu der Geisteshöhe ihrer Brüder emporzuschwingen vermöge und für „die Idee" zu handeln im Stande sei. „Für die Idee!" So sagten sich die beiden Geschwister und gingen an die Arbeit. Das Fräulein beharrte dabei, ihrem Ezofowicz Unterricht im Polnischen zu ertheilen, und Ludwig beschloß, sich der Entwickelung seines Geistes zu widmen. Jizchak war es, als hätten ihn Engel plötzlich in ein paradiesisches Land geleitet, solch wonnige, entzückende Tage begannen jetzt für ihn. In dem üppigen Garten, unter schattigen Bäumen saß auf weichem, duftigem Rasen die sanfte, freundliche Frau Bauer, und in einiger Entfernung am Tischchen der schlanke Jüngling, in deffen bleichem, wohlgeformtem Antlitz die brennenden Augen glühten, deffen Anzug mit jedem Tage reinlicher und die Bewegungen immer angemessener oder zuweilen noch ungeschickter und verlegener wurden. Es geschah dies besonders dann, wenn Fräulein Lola den Unterricht begann. Noch vor einem Augenblick war sie eine ganz Andere gewesen. Ihre Augen spielten in Regenbogenstrahlen und sandten nntcr den langen Wimpern Blitze hervor oder sprühten von Muthwillen und Frohsinn. Ein rosiges Gesichtchen mit anmuthigen, aber unregelmäßigen Zügen und reizenden Grübchen, üppiges, goldiges Haar, immer im Winde flatternd oder das Köpfchen diademartig umgebend, eine elastische und wohlgeformte Gestalt vereinigten sich, um sie zu einer ungewöhnlich liebreizenden Erscheinung zu machen. Neckisch und lebhaft gleich einem Eichhörnchen, erhärtete sie die Mutter und zog sie oft mit Gewalt in de» Wirbel ihrer Tänze auf den Rasen fort; sie erheiterte den Bruder, den sie den „Gelehrten" und den „Vivisektor" nannte, Jizchak aber war von ihrem strahlenden, lachenden Wesen geblendet. Noch nie hatte er solch' eine Gestalt vor Augen gehabt. Sie bezauberte ihn mit ihrer Weiblichkeit. (Fortsetzung folgt.)