Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
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- 427 -- Allianz, so daß der Bestand der rituellen Einrichtungen gesichert und für den-Religionsunterricht der Jugend gesorgt ist. Von den alten Sabbathariern, die nicht zum Judenthum übergegangen sind, existiren nnr noch 5 Familien, welche, da sie mit Christen keine Ehe eingehen und die Inden sich nicht mit ihnen verschwägern, wohl in absehbarer Zeit ganz verschwunden sein werden. e. . IIHUIWflilallt M imuiinnia: IlitWUiu“ m i 1 FEUILLETON 8 1 ggziimmwiiunii iWIMUtlMl! — ■ .—... I —-i .iiuiimnmingg? liMMMlLLs Wer Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) XIV. anz unverhofft sah sich Jizchak im Innern des ärmlich aussehenden Häuschens, welches von einer reichen Lemberger Familie, die ihre Ferienruhe hier zu genießen beabsichtigte, bewohnt wurde. Das erste Stübchen war klein, niedrig, und durch die Fenster guckten Rosenbüsche und Päonien, Duft und Farbenpracht ergießend. An den weißen, nicht sehr ebenmäßig gekalkten Wänden hingen mehrere große Bilder, deren Anblick Jizchaks Seele mit Entrüstung erfüllte; waren doch etwas zu tief dekolletirte Frauen darauf dargestellt, was mit der ethischen Würde eines Talmudisten keineswegs übereinstimmt. Am Fenster saß eine Dame in mittleren Jahren, ein Buch auf der Brüstung haltend. Sie wandte sich an die Eintretenden; Jizchak erblickte ein regelmäßiges und trotz der leicht gefalteten Stirn und den Silberfäden im Haar noch rosiges Gesicht. „Was bedeutet dies, Ludwig?" fragte sie halblaut. Der Sohn antwortete mit einigen leise gesprochenen Worten und ging mit seinem Gaste in den Alkoven. „Lola," sagte er. „Ich bitte Dich auf ein Weilchen." Von ihrem Sitze am Klavier sprang das Mädchen auf, daffelbe, welches Jizchak zweimal gesehen hatte. Ludwig bot dem Gaste einen Stuhl an, neben dem dieser stehen blieb, ohne sich zu setzen, und flüsterte seiner Schwester zu: „Erinnerst Du Dich an Ezofowicz?" „Wie konnte ich vergessen! Aber was soll dieser... Denkst Du aber noch der Eindrücke und Gedanken beim Lesen?" „Natürlich." „Nun, bei solch' einem windigen Fräulein ist dies just nicht sehr natürlich." „Schon wieder!" drohte Lola dem Bruder, doch dieser sprach weiter: „Dieser da, siehst Du, ist auch einer jener zahlreichen, nach Licht und Leben ringenden Ezofowicze." Lola wandte sich nach dem stehenden Jüngling um, der sie auch diese ganze Zeit mit eindringlicher Aufmerksamkeit beobachtet hatte. Jetzt erschien er ihr als ein völlig anderer Mensch. „Weißt Du, wo ich ihm begegnet bin?" fuhr der Bruder fort. -„Ihn eben verfolgte der finstere Schwarm gestern im Walde (ein zweiter strahlender Blick aus Fräulein Lolas Augen heftete sich auf Jizchak), ihm gehört das Buch, welches Du gestern gefunden, denn trotz seines vorgerückten Alters und der erduldeten Anfeindungen lernt er und arbeitet weiter." (Hier erbebte Jizchak wieder unter einem beredten Blicke des Mädchens.) „Und nun?" „Nun? Ist es denn nicht unsere Pflicht, unsere Aufgabe, ihin die Hand zu reichen und seine Wanderung zu erleichtern? Ist doch jetzt die geeignetste Zeit zur Verkörperung all' jener Ideen, welche seit so lange in uns leben und die wir als heilig und heilsam betrachten!" rief Ludwig mit Begeisterung. „Du hast Recht, Ludwig." bestätigte sie und besah Jizchak mit einem langen Blicke, als wollte sie schon an die Ausführung jenes Programms schreiten. „Weißt Du, Ludwig," flüsterte sie nach einer Weile, „dieser Dein Ezofowicz hat sehr schöne Augen." „Du bist unverbesserlich," rief der Bruder ungeduldig. „Aber, mein Herr Hitzkopf, was soll ich denn eigentlich thun?" „Was thnn? Das wollen wir eben überlegen." „Er wartet inzwischen." „Richtig. Weißt Du, jetzt will ich mit ihm sprechen, und dann entwerfen wir den Feldzugsplan." „Gegen diese langweiligen Ferien." Sie setzte sich ans Klavier zurück und begann Illustrationen zu durchblättern, Ludwig aber ergriff Jizchaks Hand. „Ich verstehe vollkommen Euer Streben und Wünschen," sagte er in deutscher Sprache. „Ich bin in Lemberg unter gebildeten, frei denkenden Menschen erzogen. Die Welt, aus der Ihr kommt, kenne ich nicht, aber ich habe Gefühl und Verständniß für Eure Ideen und den festen Willen, dieselben zu entwickeln, zu fördern." Von diesen warmen Worten verstand Jizchak nur wenig, denn Sprache und Ton waren ihm nicht zugänglich; eS überkam ihn aber eine Empfindung der Sympathie für den schönen jungen Herrn, der ihn jetzt auf das Sopha zog und hinzufügte: „Wie ist Euer Name?" „Jizchak Graf." „Ich heiße Ludwig Bauer. Wir verbringen hier die Sommermonate, sonst leben wir in Lemberg. Ich absolvire die Medizin in Krakau und begleite von Zeit zu Zeit den hiesigen Arzt zu seinen Kranken. Deshalb habt Ihr mich mit ihm gesehen." „Die Medizin muß eine schöne Wissenschaft sein," flüsterte Jizchak, welcher inzwischen mit seiner ungewöhnlichen Lage vertraut geworden war und mit den Augen bald Ludwig, bald dessen Schwester verschlang. „Oh ja!" rief Ludwig, „was gäbe es auch Schöneres als den ärztliche Beruf! Die Medizin entreißt der Natur ihre Geheimnisse, sie bekämpft, besiegt sie mit ihren eigenen Waffen; sie bringt Gesundheit und Arbeitskraft, giebt Glück der Familie und der Gesellschaft. Ein guter Arzt hat nach meiner Ansicht auch eine große, soziale Aufgabe; er ist Diener und Apostel der Menschenliebe, er verbreitet die gedeihlichen Früchte seiner Arbeit unter der Menge, er lehrt, wie man Krankheiten verhütet, entwickelt den Körper und die Ruhe des Volkes. Ein guter Mediziner hat auch meines Erachtens einen philosophischen Zweck vor sich. Denn einerseits soll er der unermüdliche, in ihre geheimnißvollen Tiefen hinadsteigende Erforscher der Natur sein, um die Schütze des Wissens zu erschließen; andererseits muß er der Verbreiter seiner Wissenschaft und deren Konsequenzen werden, welche sich in der Erkenntniß vereinigen, daß 'wir es immer und überall mit den in einer eisernen Kette von Ursachen und Wirkungen verflochtenen Erscheinungen der Kraft und des Stoffes, nicht aber mit übernatürlichen Gewalten zu thun haben." i