Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
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426 UM ihr gehässiges Vorgehen zu rechtfertigen, sie als „Judenzer" hinstellten und ihnen Sätze unterschoben, gegen die sie vergeblich proestirten, müßte es allerdings allmählich dahinkommen, daß die geheimen Anhänger dieser Richtung sich immer mehr von ihrem christlichen Ausgangspunkt entfernten und dem Judenthum näherten, zumal da aus Furcht vor den grausamen Verfolgungen die weitere Fortentwickelung nur im Geheimen vor sich gehen konnte und die rektifizirende Oeffentlichkeit ausgeschlossen war. In dem sogenannten alten Sabbatharierbuchetfinden sich Bruchstücke von Uebersetzunge» des jüdischen Gebetbuches, ferner Zusammenstellungen der biblischen Gesetze, z. B. vom Genüsse des Blutes, der verbotenen Fettstücke, vom Essen des von selbst verendeten Viehes rc. rc. In einem andern Fragmente wird der Nachweis geführt, daß das von Gott dem Moses gegebene Gesetz seinem ganzen Umfange nach beizubehalten sei, und daß die Sendung Jesu nichts daran geändert habe. Bezeichnender Weise trägt auch das alte sabbatharische Psalmennnd Gesangbuch an seiner Spitze gewissermaßen als Motto die Worte Jesu aus dem Evangelium Matthäi: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz aufznlösen. Ich bin nicht gekommen es aufznlösen, sondern es zu erfüllen." Dieses Gesangbuch enthält eine Reihe von Liedern für den Sabbath, ferner Gesänge für den Neumondtag, sowie für sämmtliche im Pentateuch vorgeschriebenen Feiertage, die sie alle festlich begingen. Ganz besonders feierten sie den Sabbath, und später gingen sie darin theilweise so weit, daß sie, wie die Karäer, sich an diesem Tage nicht aus ihren Häusern entfernten, kein Feuer anzündeten rc. Zu seiner höchsten Entfaltung gelangte das Sabbatharierthum durch Simon Pechi, der als Reichskanzler von Siebenbürgen eine hervorragende politische Stellung einnahm. Daß er schon während seiner Amtsthätigkeit sich dieser Richtung zugeneigt hatte, beweisen zwei Lieder für den Neumond und das Passahsest, die aus dieser Zeit stammen, sowie ein Armeebefehl, in welchem er mit ausdrücklicher Beziehung auf einen „Spruch der alten Weisen" die Stelle aus den Sprüchen der Väter V. 17 paraphrasirt. Nach seinem Sturze widmete er sich ganz der Fortentwickelung des Sabbatharierthums, worin es wesentlich gefördert wurde durch die im Jahre 1623 aus der Türkei eingewanderten Biarannen lind sephardischen Juden, denen ein Privilegium des Fürsten nicht nur freie Religionsübung, sondern auch die Befreiung von allen beschämenden äußeren Abzeichen zugestchert hatte. Bon ihnen erhielt Pechi, dem schon früher das jüdische Schriftthum nicht fremd gewesen war, Bücher und weitgehende Belehrung und entwickelte von da ab eine großartige schriftstellerische Thätigkeit. Er versah die von ihm verfaßte ungarische Psalmenübersetzung mit einem ausführlichen Kommentar, in welchem er den Midrasch Schocher tob, die rabbinischen Kommentare, insbesondere den Kimchi's, stark benutzte. Er übersetzte ferner ins Ungarische den Traktat Aboth mit dem Kommentar Chajuns, Mille d'aboth, Gabirols Mibchar Ha-Peninim und einige Kapitel aus dem Menorat-Ha maor. Er verfaßte endlich auch einen Auszug aus dem großen Ritualbuche des Moses aus Concy (Semag) und eine Uebersetzung des Pentateuchs, die er nach Sabbathlektione» (Sidras) eintheilte und mit umfangreichen, den Targumim und Midraschim entnommenen Anmerkungen versah. Von besonderer Bedentung aber für die Fortentwickelung des Sabbatharierthums war das von ihm verfaßte „Gebet- und Ritualienbuch", durch welches er seiner Gemeinde erst einen festen Boden gesichert hat. Dieses Buch enthält zunächst eine Uebersetzung des sephardischen Sidurs, dem er dann die wichtigsten Stücke aus dem Machsor, sowie die für die Bußtage bestimmten Selichoth in ungarischer Uebertragung anfügte. Alle diese Gebete sind mit mehr oder minder ausführlichen Ailmerkungen und Anweisungen iiber ihren Gebrauch, die Festhymnen überdies mit Anführung der an den einzelnen Feiertagen im Hause und im Tempel zu beobachtenden Ceremonien versehen. Aber auch über andere Satzungen, so z. B. über das Schlachten, finden sich dort eingehende Belehrungen. Dieses Buch wurde sofort von Pechis Anhängern eifrig kopirt, da die Verfolgungen, welche die Sabbatharier von da ab unausgesetzt zu erdulden hatten, die Veröffentlichung durch den Druck nicht gestatteten, überhaupt für die ganze sabbatharische Litteratur nur handschriftliche Verbreitung zuließen. Denn die Blüthezeit, deren sich das Sabbatharierthum unter Pechis Leitung erfreute, war nur von sehr kurzer Dauer. Rakoczy ging mit schonungsloser Härte gegen ihn und seine im ganzen Lande verbreiteten Anhänger vor. In Dees traten auf seinen Befehl im Jahre 1638 die von ihm ernannten Richter zusammen, die die grausamsten Strafen über sie verhängten und ihre Güter konfiszirten. Von dieser letzterwähnten Maßregel, — dieses bezeichnende Faktum verdient hervorgehoben zu werden, — wurden selbst Jene nicht ausgenommen, die, wie Pechi, äußerlich das Sabbatharierthum abschwuren und scheinbar zum Calvinismus übertraten. Ihre Güter blieben konfiszirt. Die Leiden, welche die Sabbatharier, die hu Geheimen noch immer ihre religiösen Bräuche beibehielten, von da ab zu erdulden hatten, lichteten ihre Reihen, — man hatte sie in der Blüthezeit auf mehr als 15,000 geschätzt — immer mehr und inehr. Die meisten wandelten nach der Türkei aus lind gingen dort ganz zum Judenthum über, so daß um die Mitte unseres Jahrhunderts nur noch in einem kleinen entlegenen Orte in der Nähe der rumänischen Grenze eine winzige, circa 40 Familien zähleirde Gemeinde existirte, die sich im Geheimen zum Sabbatharierthum bekannte und, soweit dies möglich war, die jüdischen Gesetze beobachtete. — Als aber zu Beginn der neuen Aera dem ungarischen Landtag ein Gesetzentwurf zur Regelung der konfessionellen Verhältnisse vorgelegt.wurde, da gab es für die Sabbatharier kein Halten mehr. Die Männer erklärten ihren Austritt aus den christlichen Kirchen, denen sie bis dahin äußerlich angehört hatten, und ließen ohne Rücksicht auf ihr. vorgeschrittenes Alter die rituelle Beschneidung an sich vornehmen. Allerdings waren sie dabei zu rasch vorgegangen und hatten die Genehmigung des Gesetzentwurfs anticipirt, die in Wirklichkeit damals nicht erfolgte. Aber die Gefahren, die daraus für sie entstanden, wurden durch das humane Eingreifen des damaligen Kultusniinisters Eötvös von ihnen abgewendet, der an die unterstehenden Behörden reskribirte, daß „in religiösen Fragen die Anwendung von Zwangsmaßregeln mit den Interessen sowohl der Religion als des Staates in Widerspruch stehe, und daß faktisch keinerlei Zwangsmaßregel angewendet werden solle, um die Ausgetretenen zum Christenthum zurückzuführen." Sofort konstituirten sich die Sabbatharier als „israelitische Proselytengemeinde von Bözöd-Ujfalu", welchen Titel sie bis auf den heutigen Tag beibehalten haben, obwohl gegenwärtig bereits einige Familien von geborenen Juden zu ihnen gehören. Die materielle Lage der neuen Judengemeinde war Anfangs sehr traurig, da ihre neuen Glaubensgenossen bei der traditionellen Gleichgiltigkeit, welche die Juden den Proselyten und der Proselytenmacherei entgegenbringen, sich nur blutwenig um sie bekümmerten, bis endlich der Bukarester Rabbiner Dr. Moriz Beck, ein geborener Ungar, in einer ungarisch-jüdischen Zeitschrift die Aufmerksamkeit auf die neue Gemeinde lenkte. Von verschiedenen Seiten flössen ihr jetzt reichliche Unterstützungen zu, darunter auch von der Wiener