Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228077--51089-3273934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
422 Und es sind tüchtige, zielbewnßte Männer, die die Ausführung desselben unternehmen wollen. Hoffen wir, daß sie überall die Unterstützung und Theilnahme finden werden, deren sie bedürfen und die sie verdienen. Gelingt es ihnen, auch nur einen einzigen Punkt ihres großen Programms glücklich durchzuführen, so werde» sie sich den unauslöschlichen Dank ihrer Glaubensgenoffen erwerben. Täuschen wir uns nicht, so ist die Zeit für die Begründung eines solchen Verbandes nicht ungünstig. Die Erkenntniß, daß es so nicht weiter gehen kann und darf, ist eine allgemeine, und von dieser Erkenntniß führt eine Brücke zu energischer That. Diese Brücke aber muß der neue Verband errichten. Unsere besten Segenswünsche werden ihn bei diesem Werke begleiten. Nie Woche. Berlin, 4 September. toei große Parteien haben in der abgelaufenen Woche den Grundsatz der Parität, der Gleichberechtigung aller Konfejsionen, feierlich von Neuem proklamirt. Es ist leider wichtig, dies unter den heutigen ZeitverhälLnissen zu konstatiren. Die eine Partei ist das Centrum, die andere die freisinnige Volkspartei. Auf dem Katholikentag in Köln wurde darüber geklagt, daß der Grundsatz der Parität gegen die Katholiken nicht augewendet werde. Auch sonst ist dort noch manches Wort gefallen, das besonders hervorgehoben zu werden verdient. So sagte der Vorsitzende Dr. Orterer in der ersten öffentlichen Versammlung u. A.: . . . „Unsere Religion verbietet uns, irgend einen Menschen zu hassen, im Gegentheil, sie befiehlt uns. Alle zu lieben. Daher sind wir in der glücklichen Lage, unsere andersdenkenden Mitmenschen nicht blos zu dulden, sondern zu achten und zu lieben. . . . Sind wir Katholiken es vielleicht, die andersgläubigen Mitbürgern ihre bürgerliche Gleichberechtigung mißgönnen? Das wäre gegen unser Gewissen und gegen unsere katholischen Grundsätze. Bei uns ist es Gewissenspflicht, die bürgerliche Gleichberechtigung der Konfessionen, wie sie historisch geworden ist, voll anzuerkennen. Und thäten wir es nicht, so würden wir von unferm Papst Leo XIIL zur Ordnung gerufen werden." Freiherr von Schorlemer-Alst gab seiner Stellung gegen den Antisemitismus in folgenden Worten Ausdruck: „Wir verwerfen den Sturm der Sozialdemokratie gegen Besitz und Eigenthum ebenso wie die Bestrebungen der Pfadfinder der Sozialdemokratie, die die Ausräubung des Judenthums empfehlen. Was deren Achtung für das Christenthnm betrifft, so können Sie das im „Bundschuh" lesen, sie stehen viel niedriger als die Sozialdemokraten." Das Programm der freisinnigen Volkspartei enthält folgenden Passus: „Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen des Standes, der Partei und des Glaubens, keine Bevorzugung des Adels im öffentlichen Dienst, keine Zurücksetzung wegen religiöser oder politischer Ueberzeugung, volle Gewissens- oder Religionsfreiheit, gleiches Recht für alle Bekenntnisse, keine Begünstigung bestimmter Kirchen." * Ein seltsames und nach vielen Richtungen lehrreiches Schauspiel konnten übrigens die zahlreichen Theilnehmer des Kölner Katholikentages in dem dortigen Justizpalast erleben. In Köln hatte bekanntlich jüngst ein Mann dadurch Aergerniß erregt, daß er den Vorraum der St. Georgskirche in schamloser Weise verunreinigte. Die Kölner Antisemiten waren damals sofort bei der Hand, diesen Fall in ihrem Interesse zu einer Haupt- und Staatsaktion aufzubauschen, indem sie diesen Menschen zum Juden stempelten. Dagegen ergab bei seiner Verhaftung die Feststellung seiner Personalien, daß es ein Katholik gewesen. Nun hat die Kölnische Strafkammer diesen pöbelhaften Exzeß mit sechs Monaten Gefängniß und einer Woche Haft geahndet. Außerdem ist aber auch gegen die Vorstandsmitglieder des antisemitischen Vereins zu Köln jetzt wegen der Plakate über die Verunreinigung der Vorhalle , der St. Georgskirche durch den von ihnen fälschlich zum Juden gestempelten Handelsmann Spanier Anklage wegen groben Unfugs und Uebertretung des Preßgesetzes erhoben worden. $ Der Leipziger konservative Verein hatte in einer Erklärung gefordert, daß der Verruf unter Strafe gestellt wird. Gegen diesen Vorschlag wendet sich das konservative „Volk", indem es ausführt: „Heute können, um nur einen Fall herauszugreifen, die landwirthschaftlichen Vereinigungen für ihre Standesgenossen die Parole ausgeben die und die landwirthschaftsfeindlichen Judenzeitungen abzuschaffen. Alles Derartige fiele unter ein Boykottverbot Vor Allem aber würde davon betroffen die Losung: „Kauft nicht bei Juden!", das wirksamste Feldgeschrei des. praktischen Antisemitismus. Und der Leipziger konservative Verein erinnert sich vielleicht, daß selbst so zahme Konservative, wie sie in dem Konservativen Handbuch zumeist zu Worte kommen, es für angebracht gehalten haben, diese antisemitische Losung, wenn auch in vorsichtiger Form, in der zweiten Auflage aufzunehmen. Und da wir wünschen, daß die Waffen in dem leider nun einmal bestehenden wirthschaftlichen Kampfe auf beiden Seiten von Gesetzes wegen „gut und gleich" seien, so erklären wir uns gegen ein Verbot des öffentlichen Boykotts." Maiftnpstrge. mich auslassen zu wollen. Ich will mich auch nicht über die eigentliche körperliche wie geistige Pflege verbreiten; das ist eine Angelegenheit, die gewöhnlich vor der Oeffentlichkeit nicht besprochen wird. )|)C7’eine Thätigkeit als Leiter eines Waisenhauses ist eine so kurze, daß es vermeffen wäre, obiges Thema erschöpfend beleuchten, beziehungsweise über den Kern des Vorwurfs Der Zweck meiner Zeilen ist, die Frage zur Erörterung zu stellen, ob der Pflege der Waisen in der Familie oder in der Anstalt der Vorzug zu geben sei. Die Veranlassung hierzu bietet mir ein jüngst in Oberschlesien geführter Meinungskampf über diesen Gegenstand. Dabei gelangte man bedauerlicherweise zu der Wahrnehmung, daß selbst gewiffe Wohlthäter, die als solche bekannt sind, sich von ihrer Ansicht, oder besser: von ihrem Vorurtheil so weit hinreißen laffen, daß sie einem solchen Werke edler Menschenliebe ihre Theilnahme mit einer ans Unverständliche grenzenden Beharrlichkeit versagen. Wenn meine kleine Parallele und die sich — hoffentlich — an diese knüpfenden Besprechungen dazu beitragen, das Vorurtheil manches harten Kopfes auch nur in etwas zu zerstreuen, so wäre damit der Waisenpflege nicht nur in Oberschlesien, sondern auch im weiteren Gebiete der Judenheit ein Dienst erwiesen. Und diesen nur möchte ich ihr leisten. Bereits im Jahre 1779 hatteder patriotische Verein in Hamburg die gleiche Frage angeregt und dadurch zahlreiche Arbeiten zu Tage gefördert. Ein entscheidendes Wort ist indeß nicht gefallen. Am 1. Dezeinber 1885 gab es nach amtlichen Erhebungen — unter 396 Waisenhäusern 14 jüdische. Heute ist diese Zahl auf 25 gestiegen. „Zahlen beweisen", und diese Zahl spricht nicht allein dafür, daß die Zahl der Waisen sich erhöht hat, vielmehr dafür, daß auch