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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-07 · Heft 36 (7.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 36. Allgemeine Kerlin» 7. September 1894. ettmgöesAu-enchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav K arpeles. Begründet von Nabbincr 2*°- Ludwig Philippsou-Äonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der ,Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Der Verband jüdischer Religionslchrer. — Die Woche. — Waisenvflege. Von Leopold Katz. — Die Juden in Finnland. Von Dr. M. Merk in- — Eine Reliquie aus der Censurzeit. — Die Sabbatbarier. Von S. Hammerschlag. — Feuilleton: DerJudenjunae. Eine Erzählung ans Ost- Galizien von Wilhelm Feldmann (Forts.). — Die Todtengebete des Rabbi. Von I. Zangwill. — Der bessere Glaube. Von Gabriel Bach. — Literarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Ans der Provinz Polen, Aus Schlesien. Hamburg. Hannover, Dresden, Gießen, Wien, Bielitz. New-Iork. — Bon Nah und Kern. — Geschäftliche Notizen. Der Verband pidischrr Ueligionslehrrr. Berlin, 4. September. us einer kleinen schlesische» Gemeinde wird n»s folgender Vorfall berichtet: Der Religionslehrer und Kultusbeamte erhielt eines schöne» Tages seine Kündigung seitens der Vorstandskommission, obwohl eine Gemeindeversammlung kurz vorher diese» Antrag mit großer Majorität abgelehnt hatte. Unter den Motiven für diese Kündigung waren auch die beiden folgenden: 1. habe sich der Religionslehrer bei einer Anzahl von Gemeindemitgliedern mißliebig gemacht und verstehe es nicht, die Gemeinde nach außen hin zu repräsentireu, 2. habe er eine so große Anzahl von Kindern, daß er Schulden mache, was ein Beweis dafür sei, daß er mit seinem Einkommen nicht ausreiche. Infolge dessen wurde dem Lehrer zum 1. Juli gekündigt. Diese kleine Geschichte ist wohl der wirksamste Prolog zu einer Betrachtung über den „Deutschen Reichsverband jüdischer Religionslehrer". der jüngst in Breslau gegründet wurde und, wie wir hören, überall lebhaften Anklang findet. Auch wir begrüßen die Gründung eines solchen Verbandes mit aufrichtiger Freude. In der That, es war höchste Zeit, daß auf diesem Gebiete etwas geschehe. Das Beispiel der kleinen schlesischen Gemeinde steht nicht vereinzelt da; wir erhalten aus allen Theilen Deutschlands sehr oft derartige Mittheilungen nnd Klagen. Hier, bietet sich ein reiches Feld für ernste Arbeit. Vor Allem aber wird der neue Reichsverband sein Augenmerk auf drei sehr wichtige Punkte zu lenken haben. Der erste und wichtigste ist natürlich der Religionsunterricht selbst. Wir halten es nun allerdings nicht gerade für ein erstrebenswerthes Ziel, eine einheitliche Gestaltung des gesammten Religionsunterrichtes anzubahnen, und wir können es uns auch ersparen, die Gründe hierfür aufznzählen; wohl aber wäre es möglich nnd wünschenswerth, daß Länder oder Provinzen, deren Gemeinden durchschnittlich auf dem gleichen religiösen unb Bildungsstandpunkt stehen, sich über einen einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht einigten. Dieses Ziel zu erreichen, würde dem Verbände gar nicht einmal so schwer fallen. Viel wichtiger erscheint aber der zweite Punkt, nämlich, daß überhaupt Religionsunterricht ertheilt werde und daß diesem die gebührende Stellung und Würde in der Gemeinde wie in der Schule verschafft und erhalten werde. Wir freuen uns, daß der Verband diesen Punkt als ersten in seine Statuten ausgenommen hat. Er ist in der That auch der wichtigste und es ließe sich viel darüber sagen. Freilich, das Meiste ist schon oft und eindringlich genug gesagt worden — leider aber ohne großen Erfolg. Im erste» Moment ruft die Mittheilung, daß so und so viele Kinder ohne jeden Religionsunterricht aufwachsen, gewöhnlich allgenieines Entsetzen hervor, sodann wird feierlich beschloffen, energische Abhilfe zu leiste», hierauf werden einige mehr oder minder hohe Beiträge für diesen Zweck gezeichnet, und schließlich — verläuft die Sache wieder im Sande. Es ist eine seltsanie, aber verbürgte Thatsache, daß die Verhältnisse in dieser Beziehung in den kleinen Gemeinden wesentlich besser liegen als in den großen. Hier wird der neue Verband vor Allem Wandel zu schaffen haben. Und nicht blos, daß Religionsunterricht ertheilt werde, sondern daß er auch von würdigen Männern und in pädagogischer Weise ertheilt werde, muß eine Hauptsorge der betheiligien Kreise bleiben. Damit hängt nun freilich der dritte Punkt zusammen, der nicht minder wichtig ist. Sollen wir gute Religionslehrer haben, so müssen wir ihnen eine angemessene Stellung bieten. Mit Recht hat der Verband als eines seiner Hauptziele erkannt, „die geistige und materielle Wohlfahrt der jüdischen Religionslehrer zu pflegen und ihre Interessen wahrzunehmen". Gerade dieses Ziel wird er am ehesten erreichen können, wenn er mit vollem Eifer an die Sache herantritt und mit Energie dieselbe durchzuführen bestrebt ist. Das sind die drei Hauptpunkte. Es ist aber außerdem noch mancherlei, was sehr wichtig und wünschenswerth wäre. Zunächst die Frage der Vorbildung und Fortbildung der jüdischen Religionslehrer (von ersterer ist in den Statuten gar nicht die Rede), sodann die Anstellung von Wanderlehrern, die Begründung eines Lehrerheims für alte und arbeitsunfähige Lehrer, die Versicherung gegen Stellenlosigkeit, die Errichtung eines Stellennachweisnnd Vermittelungsdüreaus u. s. w. Wie man sieht, ist es ein überreiches Arbeitsprogramm, das sich der neue Verband gestellt hat. Berge von Schwierigkeiten thürmen sich vor uns auf, wenn wir der Erledigung dieser Fragen näher treten wollen. Aber sie dürfen uns nicht schrecken. „Die Berge werden zur Ebene werden", wenn der Gottesgeist der Einigkeit und Kraft alle Diejenigen beseelt, die an das große Werk herantreten.

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