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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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vertreten. Der Leiche voran schritt der Kriegerverein mit verhüllter Fahne und den Traueremblemen. Die Repräsentanten der Synagogen- Gemeinde gingen zur Seite des Leichenwagens, die Geschäfte unserer Glaubensgenossen, an denen der Zug vorüberführte, waren fast sämmtlich geschlossen. Die Liedertafel sang an der offenen Gruft ihm zwei seiner Lieblingslieder. Unser Rabbiner, Herr Dr. Rosenberg, entrollte in tief ergreifenden Worten das Lebensbild des Verblichenen nach allen Richtungen, anknüpfend an den Vers der dieswöchentlichen Sidra: „Gesegnet bist du von allem Volke." Wir schließen mit den talmudischen Worten: „Wehe um die Dahingegangenen, die nicht so leicht ersetzt werden können." Sein Andenken bleibt zum Segen! Kp. Aus der Provinz Posen, im August. Eine interessante Verhandlung fand am 16. August er. vor der Strafkammer in Jnowrazlaw statt. Am 31. Oktober v. Js. ging der Arbeiter Chodzinski daselbst in das Gasthaus eines gewissen Götz, der den Eintretenden mit den Worten: „Du bist auch ein Antisemit, Du hast Dich nach der Leußschsn Versammlung geprügelt" u. s. w. begrüßte. Beide geriethen alsbald in ein hitziges Wortgefecht, das mit den beiderseits gleichlautend gethanen Aeußerungen endete: „Dein Glaube ist Mist." Zur Anklage gebracht, wurde der Jude Götz, weil er den Streit hervorgerufen hat und überdies schon vorbestraft ist, mit 4 Wochen, Chodzinski mit 3 Tagen Gefängniß bestraft und zwar wegen Beschimpfung der Kirche und Synagoge. Gegen das Erkenntniß hatte Götz beim Reichsgericht Revision eingelegt, welches die ganze Angelegenheit zur nochmaligen Verhandlung der Strafkammer in Jnowrazlaw überwies, da die Beschimpfung des persönlichen Glaubens Einzelner nicht gleichbedeutend mit Beschimpfung der Kirche oder Synagoge sei, und da erst festgestellt werden müsse, ob die Kirche oder Synagoge in dem Wortflreit wirklich gebraucht worden wären. Dies konnte nun in der Verhandlung nicht mehr festgestellt werden, und so wurden denn beide Gegner freigesprochen. — Der Schulkassenetat der israelitischen Gemeinde in Wreschen beträgt für das Jahr 1894/95 3743 Mark. Das Jahressoll der Einkommensteuer für die israelitischen Hausväter ist auf 6335 Mark festgesetzt, und es sind an direkten Schulbeiträgen 50 Prozent der Staatssteuern aufzubringen. — Einen plötzlichen Tod fand am 15. d. Mts. in Schivelbein der jüdische Fleischermeister Moritz Neumann. Am Vormittag verkaufte er noch Fleisch auf dem Markte und Nachmittags war er auf dem Felde beschäftigt. Zu Hause angekommen, klagte er über Unwohlsein, und bald darauf starb er am Herzschlag. Der Verstorbene war Vorstandsmitglied des Kriegervereins und ein geachteter Bürger. — Am 15. August hielt in Schneidemühl der Deutsch-soziale Reformverein eine Generalversammlung ab. Der Verein beabsichtigte, am 1. Juli er. im Schützenhause daselbst ein großes Sommerfest abzuhalten, doch wurde, wie vor Kurzem in diesem Blatte bereits berichtet, von der Polizeiverwaltung die Abhaltung des Festes verboten. Nachdem der Vorsitzende des Vereins wegen der polizeilichen Verfügung erfolglos bei dem Herrn Regierungspräsidenten in Bromberg vorstellig geworden war, erläuterte die Polizeiverwaltung ihre Verfügung dahin, daß sich das Verbot nur auf die Theilnahme von Frauen, Lehrlingen und Schülern erstrecke. Nun wandte sich der Vorsitzende an den Minister des Innern, erhielt aber den Bescheid, daß dem Verein gegen den in dieser Angelegenheit ergangenen Bescheid des Regierungspräsidenten das Rechtsmittel der Klage bei dem Oberverwaltungsgerichte zugestanden hätte. In dieser Angelegenheit von Aufsichtswegen einzuschreiten, könne der Minister sich nicht veranlaßt sehen. Auf Grund dieses Bescheids beschloß nunmehr die Versammlung, für den 26. August das schon zum 1. Juli geplant gewesene Familien-Sommerfest in Aussicht zu nehmen. X Jannowitz, 24. 'August. Die in den siebziger Jahren gegründete paritätische Volks schule wird von ca. 50 jüdischen Kindern besucht. Bei Auflösung der jüdischen Schule und Einrichtung der paritätischen wurde der jüdischen Gemeinde ausdrücklich versprochen und in einem Sitzungsprotokoll vermerkt, daß, im Falle ein vierter Lehrer hier angestellt werden sollte, so soll ein jüdischer Lehrer dazu erwählt sein. Trotzdem von Seiten der Schulbehörde, vor nicht sehr langer Zeit, zwei neue Lehrkräfte angestellt wurden, ist man dem Versprochen der jüdischen Gemeinde gegenüber nicht nachgekommen; dieselbe ist sogar beim Minister vorstellig geworden, jedoch ohne Erfolg. Die jüdischen Kinder erhalten natürlich seit Auflösung der Schule keinen geregelten jüdischen Religionsunterricht. 1 Oa. Aus Schlesien, 27. August. Einen interessanten Belag für die Zähigkeit der Antisemiten bildet die dieser Tage durch die Blätter gegangene Nachricht, daß die antisemitischen Vereine von Strehlen und Münsterberg ihr diesjähriges Sommersest am 12. d. Mts. von früh 7 Uhr bis in die Nacht hinein feierten. — Dem Vorstand des israelitischen Frauenvereins in Tarnowitz ist vom Oberpräsidenten die Genehmigung ertheilt worden, im Monat Oktober d. Js. eine Berloosung von verschiedenen Gegenständen zu wohlthätigen Zwecken veranstalten zu dürfen. Es können 1000 Loose ä 50 Pfennige innerhalb des Regierungsbezirks Oppeln ausgegeben werden. - Der Direktor des Gymnasiums zu Waldenburg veranlaßte kürzlich einen Schülerspaziergang und wählte hierfür einen Freitag. Aus Rücksicht auf die jüdischen Schüler wurde wegen der Speisen Vorsorge getroffen, wie es recht und billig ist; dies geschah nur wegen der größeren Frequenz der Anstalt von Seiten der jüdischen Schüler, während dem katholischen Religionslehrer, welcher mit Rücksicht auf die katholischen Schüler einen Tag zu wählen bat, vom Direktor bedeutet wurde, daß er sich nur von dem Interesse der Anstalt leiten lasse und daher auf die geringe Zahl der katholischen Schüler (38) nicht Rücksicht nehmen könnte. Ein katholisches Provinzialblatt protestirt dagegen; bei etwaiger Nichtbeachtung der Juden schweigt aber Jeder. — Die silberne Hochzeit feierten jüngst Kaufmann H. Wachsner und Frau in Ratibor. Aus diesem Anlaß beschenkte der Jubilar eine große Anzahl dortiger Armen ohne Unterschied der Konfession mit Nahrungs- und Genußmitteln. — Am 21. d. Mts. wurde auf dem jüdischen Friedhofe zu Gogolin unter großer Theilnahme der 72jührige Moritz Löwy zur letzten Ruhe gebracht, der 40 Jahre lang als Arbeiter und später als Aufseher und Inspektor in den dortigen Kalkwerken angestellt war und wegen seiner seltenen Pflichttreue und Bescheidenheit bei seinen Vorgesetzten und Arbeitern allgemeine Achtung genoß. An der Beisetzung betheiligten sich u. A. der Direktor der Kalkwerke mit seinem Beamtenpersonal, eine Arbeiterdeputation und der Kriegerverein, sowie vüle Bürger aus Gogolin. Rabbiner Dr. Blnmenthal aus Ratibor sprach am Grabe. — Aus Anlaß seiner Uebersiedelung nach Leipzig fand am 19. d. Mts. Abends im Saale des Beuthnerschen Hotels in Beuthen (Oberschl.) für Oberkantor Finkelstein ein Fest statt. Dasselbe, von der dortigen Mamrehloge angeregt, war nicht allein von den Mitgliedern derselben, sondern auch von den in corpore erschienenen Vorstands- und Repräsentantenkollegien der Synagogengemeinde, dem Lehrerkollegium der israelitischen Stadtschule, sowie von Freunden und Gönnern des Scheidenden besucht. In warmen Worten gedachte der derzeitige Logenpräsident, Dr. Huppert, des Interesses, welches der Scheidende im Vereinsleben stets bekundet. Amtsgerichtsrath Levy, als Präses des Synagogenvorstandes, feierte des Scheidenden verdienstvolle Thätigkeit um die Hebung des Gottesdienstes, seinen unermüdlichen, treuen Pflichteifer. In begeisterten Worten gedachte Rabbiner Dr. Kopfstein der allezeit liebenswürdigen und herzlichen Antheilnahme des Scheidenden und seiner hochverehrten Gattin an der Gemeinde Leid und Freude. Den braven und wackeren Kollegen als Gesangslehrer an der israelitischen Stadtschule und sein Verdienst um die Pflege des Gesanges feierte Herr Hauptlehrer Rosenbaum. In bewegten Worten dankte Herr Finkelstein für die zahlreichen Beweise liebevollster Anerkennung. x. Wiesbaden, 27. August. Die hiesige israelitische Kultusgemeinde beging am 18. d. Mts. Schabbos Nachmu das 25jährige Jubiläum der Synagogen'Einweihung. Jeder, der schon einmal in Wiesbaden war, ließ sich gewiß unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt auch die Synagoge zeigen, ein Prachtbau, der unter dem Oberbaurath Hoffmann aufgeführt wurde. An diesem Tage war die Synagoge aufs Herrlichste mit Blattpflanzen und Guirlanden geschmückt. Die Hauptfeier fand am Freitag Abend statt. Eröffnet wurde diese durch ein vom Organisten der Synagoge komponirten „Mah towu“. Mit voller Spannung warteten jedoch Alle auf den Mittelpunkt der Feier, auf die Festpredigt des Herrn Stadt- und Bezirks-Rabbiners Dr. Lilberstein. Wir müssen bekennen, daß wir gewohnt sind, von ihm Predigten zu hören, die dem Inhalte nach mustergiltig. Die hiesigen Zeitungen sprechen daher mit Recht von der sehr eindrucksvollen Predigt mit gedankenreichem Inhalt. Mit Bezug auf die trefflichen Leistungen des Synagogen - Gesangvereins wäre es dringend zu wünschen, daß derselbe sich auch mehr mit den Kompositionen der hebräischen Liturgie bekannt machte und dadurch mehr den echten Charakter eines jüdischen Gottesdienstes wahre und hebe. Am Abend

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