Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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419 Sie steckten die Hände in die Tiefe seiner Rocktasche». Schon sah sich Aizchak von den Eltern verstoßen, von Allen gehaßt und verachtet, ohne Zufluchtsort und Stütze — als sie die Hände leer hervorzogcn, tim bald auch ihre Nachforschungen aufzugeben. Enttäuscht ständen sie da. Einige beschämt, die Andern wüthend, bis sich der Erste, ihr Anführer, an sie wendete: „Ist es nicht heute, wird es ein anderes Mal sein, ich bin überzeugt, daß der Schames die Wahrheit gesprochen hat." „Uebrigens, soll er sich taufen, was geht das uns an?" fügte er hinzu. „Kommen wir." Jizchak war noch mehr erstaunt als seine Verfolger. Wo konnte sich das Buch befinden? Er hatte es in der That nicht bei sich. Er kehrte nach Hanse zurück. Sich zur Ruhe begebend, stellte er noch Betrachtungen an. „Wie schön haben sie gesungen!" „Dieses Lied, dieses Lied! Aber wie war es doch, blau oder rosenfarben?" XIII. Am nächsten Morgen machte er sich wieder nach dem Walde auf. Er überlegte ganz logisch: Vor allem ist es schade um die Fibel. Dann, es war nicht anders möglich, er hatte sie gewiß fallen lassen, als er im Anstarren des Häuschens verloren war, man muß demnach hingehen und aufmerksam auf dieses ... Kleidchen blicken. So ging er denn und lauschte, am Zaun stehend, aber vergeblich. Er suchte am Boden, jedoch ganz erfolglos. Und doch, behauptete er, habe ich das Buch nur hier verloren. Vielleicht hat es Jemand gefunden und zu sich genommen, vielleicht Einer aus dieser Hütte? Ohne zu überlegen, öffnete er die Thür. Ich will fragen. In diesem Momente sprang ein riesiger Hund aus dem Hausflur hervor, ergriff ihn ohne viele Umstände beim Rockschoß, durch ein entsetzliches Gebell noch drohendere Absichten verrathend. Der Nachkomme der Makkabäer hatte den Muth und den Stolz, den er gestern angesichts seiner zahlreichen Angreifer bekundete, eingebüßt und begann mit zitternder Stimme zu schreien: »Aj, oj, — weh, — marsch!" Es mußte in diesem Rufen ein arger Mißton klingen, denn aus der Thür sprang plötzlich jene Gestalt hervor. Sie blieb stehen, wandte Jizchak strahlende Augen und ein entzückendes von unterdrücktem Lachen zuckendes Gesichtchen zu, und rief eilig: „Kruczek (kleiner Rabe) zu mir." Der Hund ließ seine Beute los und näherte sich der- Herrin; sie streichelte ihn und betrachtete den Jüngling, der in der fadenscheinigen Bekesche vor ihr stand. Unter dem breitrandigen Sammthute blickte ein längliches, blaffes Antlitz hervor, dazu ein erschrockenes Augenpaar, zierlich gedrehte Seitenlöckchen und der Kragen so wie auch Vordertheil eines, sich durch keine besondere Reinheit auszeichnenden Hemdes. Der Besitzer dieser schätzenswerthen Eigenthümlichkeiten hatte nichts Besseres zu thun, als den Hut abzunehmen und in seiner fettigen Kappe, offenen Mundes stehn zu bleiben. Und „jene Gestalt" blickte auf, die Mundwinkel zuckten noch heftiger, und sie rannte in die Hütte zurück, aus welcher sofort die Tonleiter ihres silbernen nicht mehr zurttckgedrängten mit einer sehr lebhaften Erzählung verbundenen Lachens erklang. Jizchak verharrte in seiner früheren Stellung; er begriff die Bedeutung dieses Gelächters, ward verlegen und blutroth; er wußte nicht, wie es geschah, aber er empfand jetzt einen viel herberen Schmerz, als bei dem gestrigen gegen ihn beobachteten Verfahren seiner Kollegen. Aus der Hütte trat jener Mann, der gestern wahrscheinlich den Bariton gesungen hatte. Groß und ebenmäßig gebaut, mit einem rosigen, hübschen Gesicht, blondem Schnurrbärtchen und blauen Augen, blieb der Herr vor ihm stehe» und frug: „Was wünschen Sie?" Jizchak verstand die Frage. Aber als er sich vor einer Stunde auf den Weg gemacht hatte, vergaß er, sich eine Antwort im Kopfe zurechtzulegen. Dann war er gegenwärtig ans zweierlei Gründen äußerst befangen. Erstens hatte er noch nie einen Menschen gesprochen, der elegante, kurze Kleidung trug und sich einer anderen Sprache als des Jargons bediente; zweitens, weil es ihm in diesem Moment schwante, als ob er diesen jungen Herrn schon einmal in nächster Nähe gesehen hätte. Auf die an ihn gerichtete Frage begann er nun im Jargon zu stottern und zu murmeln. „Suchet Ihr Etwas zu kaufen?" frug der junge Herr, durch dieses seltsame Verhalten befremdet. „Nein, Herr," entgegnete Jizchak muthiger, in seiner Mundart. „Ich habe nur fragen wollen, ob Ihr nicht ein polnisches Buch gefunden habt, welches mir, nicht tveit von hier, verloren ging?" „Vielleicht eine polnische Fibel?" »Ja, ja, Herr." Der junge Herr eilte ins Hänschen. Jizchak war inzwischen zu sich gekommen und erinnerte sich nunmehr genau, diesen Herrn bei der Besichtigung seiner Mutter durch den Arzt) in dessen Gesellschaft gesehen zu haben. Jetzt beschlich ihn wieder ein ängstlicher Gedanke. „Da ist das Verlorene," rief der Herr, das Buch aus der Stube bringend, und musterte aufmerksam den Eigenthümer. „Aber wie kommt es zu Euch?" „Ich lerne daraus." „Ihr lernet Polnisch?" »Ja. Herr!" „Seit wann? Wozu?" „Seitdem ich erkannt habe, daß der Talmud und die mir gewordene Erziehung keinen verständigen und nützlichen Menschen aus mir machen werden." Er drückte sich sehr schwerfällig alis und bediente sich der gemeinen Mundart, aber der Inhalt seiner zitternden Rede erregte das Interesse des jungen Herrn. Inzwischen hatte Jizchak sein Buch und den Hut ergriffen. „Ich danke Euch, Herr. Aber ich habe noch eine Bitte." „Nun?" „Geht Ihr nicht manchmal mit dem Doktor ans unserer Stadt?" „Ja!" „Vielleicht kommt Ihr mit ihm zu uns, zu Mendel Graf, und Ihr sehet mich dort, so thuet so. als wenn Ihr mich nicht kennen würdet. Saget Niemandem, daß ich ein Buch habe." „Warum das?" „Darum, Herr, weil . . . weil ich im Geheimen lerne; und wenn sie erfahren würden, was ich thue, wären sie sehr böse." Der junge Herr blickte forschend auf ihn. „Habe ich Euch nicht gestern im Walde gesehen?" „Ich war gestern hier; ich lerne hier, denn anderswo darf ich nicht." „So — aber ich denke, dort an der Biegung des Weges, ich sah gestern, wie dort einige Juden Einen überfielen und würgten. Ich war nicht weit, wollte zu Hilfe eilen; ich mußte aber meine erschrockene Schwester beruhigen, inzwischen gingen sie ruhig ihrer Wege." „Mich haben eben meine Kollegen gestern überfallen." „Aus welchem Grunde?"