Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 418

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228076--51080-3273924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

418 m tiMQMIi rTTmuBTimTr . -AlU .- w _t tmmmm 1 1 FEUILLETON ü B Jf W!sumn vii. MuUWiT — 1— 1 —1 mTOwnrass — Der Iu-enzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) n diesem Tage öffnete Jizchak keines der niitgebrachten Bücher. Am zweiten Tage fand er sich wieder im Walde, ebenso am dritten und vierten. Stundenlang irrte er hier herum, sich an den neuen Eindrücken, Ansichten und den entstehenden Träumen berauschend. Einmal kam er sehr weit, bis an eine kleine, am Waldesrande liegende Ansiedlung. Hier blieb er wie eingewurzelt stehen. Vor ihm lag ein ganz gewöhnliches von einem Zaune umgebenes, mit andern Wirthschaftsgebänden zusammenhängendes Bauernhaus. Daran war denn nichts. Außerordentliches, aber überirdisch erschienen ihm die Stimmen, die aus dem Innern der Hütte an sein Ohr drangen. Die erste, ein heller breiter Sopran, tönte so klar, so iveich und silbern wie kein anderer Waldessänger, die zweite, ein tiefer kräftiger Bariton, verschmolz harmonisch mit der ersten, und diese beiden Stimmen vereinigten sich zn einem wundersamen Liede ... so ernst und feierlich, wie die heiligsten Gesänge am Versöhnungstage, so süß und ergreifend wie jenes Vogelkonzert, welches Jizchak Abend für Abend gehört hatte. Und mit diesen Tönen verschmolz eine Musik, mit mächtigen Klängen durch das stille Waldesweben ziehend, und ein tausendfaches Echo in der Umgebung und in der Seele des betäubten Jünglings weckend. Zeit seines Lebens hatte er »och nichts Aehnliches gesehen. „Was ist das?" fragte er. „Es sind dies die Stimmen einer Frau und eines Mannes, gewiß, aber woher — wer sind sie?" Er, der nie einen Franengesang vernommen, der nie ein anderes Tonstück als jüdische Hochzeitsmusik, nie anderes Singen als das der Chassidim gehört hatte, er zitterte am ganzen Leibe, bebte mit jeder Fiber seiner erweckten Seele und haschte gierig mit seine» Ohren die ihm unverständliche Fortsetzung des Textes mit Clavierbegleitnng. Die Singenden in der Hütte waren von dem begeisterten Choral offenbar durchdrungen; und Jizchak stand vor dem Zaune versteinert, erregt, mit wild klopfendem Herzen. Nicht lange ivührte dies. Aus dem Häuschen sprang eine Gestalt. . . . Jizchak wußte nicht, wie er sie im Geiste benennen sollte. ... Es war dies eine zauberische Erscheinung. Er vermochte nicht zn athmen, Funken stoben vor seinen Augen, als er auf diese Gestalt blickte, welche leicht aus dem Hause gehüpft kam, von der Schwelle in den Hofraui», und von dort auf die Hausbank sprang und durchs Fenster in die Stube guckte. Plötzlich brach aber die Erscheinung in ein lautes, ausgelaffenes Gelächter aus, welches süßer tönte als die schönste Melodie, und von der Bank springend eilte sie raschen Laufes dem, hinter den Wirthschaftsgebänden gelegenen Garten zn. Im selben Augenblicke war ein Herr aus der Stube gestürzt und eilte lachend und mit dem Finger drohend der Flüchtigen nach. Beide waren verschwunden, Jizchak aber blieb regungslos stehen, den Blick »ach dem Garten gerichtet. „Irgend eine Herrschaft," sagte er nach langem vergeblichen Warten und entfernte sich trügen Schrittes. Und es war ihm heute so wonnig ums Herz wie immer, wenn er aus dem Walde zurückkehrte, doch hatte eine tiefe Sehnsucht und Träumerei sein Herz umfangen. Er dachte daran, wie schön das Lied gewesen, wie wundervoll jene Sänger es gesungen hatten. Namentlich die Stimme jener .... Gestalt, sie bebte in ihm mit ergreifenden Tönen nach, und ihr Lachen klang so süß, so sonderbar.... Lässigen Schrittes und gesenkten Hauptes ging Jizchak weiter, und wieder und immer wieder gab er sich von den erlebten Eindrücken Rechenschaft, wobei er sich zum ersten Mal im Leben über einer sowohl den Talmudisten, als auch den modernen Reformatoren gewiß ganz fremden Frage ertappte: ob ihr flüchtig erschautes Kleid blau wie die Blümlein am Bache oder rosenfarben gewesen sei? Eines von Beiden sicherlich! Wie er so alle Einzelnheiten aus dem Gedächtniß zu Hilfe rief, überraschte ihn unversehens ein verworrenes Stimmengewirr und ein großer, sehr verdächtig aussehender Menschenhaufe. Er erkannte seine Stlidiengenoffen aus der Klaus. Sie umringten ihn. „Wie denn," begann Einer mit komischer Würde, „Reb Jizchak? Seid Ihr einer von den sechsunddreißig heiligsten Zaddikim geivorde», welche abseits nur dem Herrn und der Thora leben?" „Nun, Reb Jizchak," frng ein Zweiter, „gedenkst Du gleich dem Reb Schimon ben Jochai Dich in einer Höhle einzuschließen und einen zweiten „Sohar" zu schreiben?" „Was heißt das, Reb Jizchak," warf ein Dritter ein, „um all' diese großen Chochmes auszuführe», lüssest Du uns Arme allein ohne Erbarmen, ohne Herz. ..." „Ohne zu ahnen, daß wir vor Sehnsucht nach Dir vergehen und Dir bis hierher folgen." „Uni aus dem Borne Deines Wissens zu trinken, vom Honig Deiner Frömmigkeit zu saugen," fügte ein Anderer hinzu, während die Uebrigen einen immer enger werdenden Kreis um den verblüfften Jüngling schlossen und ihn mit Rippenstößen, Nasenstübern mib Kniffen unter höhnischem Lacheil überschütteten. „Was wollt Ihr von mir? Was ist wieder geschehen?" vermochte endlich Jizchak, sich erholend, zn rufen. „ülvrejuu we’rabenu (der Titel des Rabbi) hat nicht geruht, uns zu hören," — sprach der erste und längste Buchur. „Wiederholen wir es, aber mit anderen Worten. Nun. Burschen, nehmt diesem Schalk das trete pusel (verbotene Buch) und seine Papiere aus der Tasche." In diesem Augenblicke wurde Jizchak von einer Anzahl von Fäusten zu Boden geworfen, welche nunmehr in seinen Taschen versanken. Ein heilloser Schreck bemächtigte sich seiner. Er wußte sehr gut, daß er sämmtlichen Kollegen schon längst ein Dorn im Auge war, und daß, wenn sie ihn einmal in flagranti ertappen könnten, sie es gewiß nicht unterlassen ivürden, alle Bande, die ihn an ihre Welt fesselten, mit einem Schlage zu zerreißen. Wer weiß, vielleicht würde noch Schlimmeres erfolgen. Er begann, sich mit der ganzen Kraft der Verzweiflung zur Wehr zu setzen. Durch die znsammeugepreßten Zähne rann ihm der Speichel und drangen leise zischend Ausdrücke der Verachtung hervor, aber keine Klage, keinen Hilferuf, keine Bitte ließ er vernehmen. Jene hatten ihn inzwischen bemeistert. Zwei saßen auf seinen Händen, Zwei ans ben Füßen, Andere hielten ihn an den Seitenlöckchen fest, so daß ihm jede Bewegung des Kopfes einen rasenden Schmerz bereitete. Jetzt begannen sie gemächlich ihre Untersuchung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.