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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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417 „Das Schimpfen muß überhaupt bei uns ein Ende nehmen, es ist die höchste Zeit dazu. Das Schimpfen über die Juden, aber auch das Schimpfen auf die christliche Religion und ihre Diener; nicht weniger das Schimpfen und Hetzen gegen die besitzenden Stände, diese gefährlichste von allen Hetzen Sonst wird die schwer und tief erschütterte Gesundheit unseres Staatskörpers, unseres vielgeliebten Oesterreichs nicht wiederkehren. Nimmt das widerliche unausgesetzte Belfern, Anschwärzen, Verläumden und Denunziren nicht bald ein Ende, dann werden wir im allergünstigsten Falle bald wieder dort angelangt se»n, von wo wir ausgegangen stnd, im alten absoluten Polizeistaat, und uns in ihm noch glücklich preisen Ich wünsche nie den Tag zu sehen, an dem ich daran erinnern könnte, daß ich es prophezeit habe. Auch ein Volk, ein Staat, ist ein lebendiger Organismus gleich dem Menschenleibe; für jeden Leib gilt das Gesetz, welches das Buch der Büchcr mit den Worten ausdrückt: „Wenn ein Glied leidet, leiden auch die übrigen." Dem ärgsten Sklaven, wenn er verwundet, krank darniederliegt, man gönnt ihni Ruhe, Jeder, der in seine Nähe tritt, thut stch Zwang an, um Alles zu vermeiden, was die Ruhe stört. Und wollen wir uns keinen Zwang anthun und nicht das kleinste Opfer bringen für das Valerland, für den heiligen Boden, der uns geboren und wie au Mutterbrust ernährt, erzogen hat, den unsere Väter durch ein Jahrtausend fast vertheidigt haben gegen die andringende Barbarei und Despotie des Ostens, bis der letzte Tropfen Blutes aus ihren tapferen, treuen Männerherzen rann?! Hat Keiner mehr ein Herz für Oesterreich „an Ehren und an Siegen reich"?! — Ja, auch ein Volk, ein Staat, sie sind ein Leib, ein Organismus wie der Menschenleib, und Alle, die da leben im Staate und Volke, find Glieder dieses Leibes, durch unzählige, wenn auch dem Auge oft unsichtbare, hochheilige Bande mit ihm verbunden. Was aber der Gesundheit des Leibes am allermeisten Schaden bringt, ihn in seinen innersten und zartesten Geweben zerstört und unfehlbar zerrüttet, das brauchen wir nicht erst in gelehrten medizinischen Werken mühsam nachzulesen, das steht klar geschrieben und gedruckt in jedem Katechismus, wo beim fünften Gebote: „Du sollst nicht tobten'" die Erklärung lautet: „Durch das fünfte Gebot werden auch Zorn, Haß, Aergerniß, Neid und alle Beleidigungen des Nächsten verboten." — Wer aber unser Nächster ist, das brauchen wir Christen auch nicht erst zu lernen. Christus hat es uns gesagt, so klar und deutlich, daß Keiner, der es einmal nur gehört, es je vergessen kann. Unser Nächster ist jeder Mensch, Freund oder Feind. Amen." Im Jahre 1878 habilitirte sich unser Freund an der Innsbrucker Universität als Dozent der Philosophie. Es hielt ihn jedoch nicht lange in der Hauptstadt Tirols, da ihm das dortige Klima nicht zuträglich war. Nach Wien zurückgekehrt, ward er Bibliothekar des Schottenstiftes und provisorischer Novizemneister an demselben. Eine Berufung als Professor der Philosophie schlug der herrliche Priester, in dessen Busen ein goldenes Herz pochte, zu Gunsten eines Mitbewerbers aus, der als Protestant geringere Aussichten hatte als er. Er war überhaupt ein rasfinirter Lebenskünstler int Sinne der Schrift, welch das Geben für seliger denn das Nehmen erklärt. Bor sechs Jahren wendete er sich wieder seiner alten Liebe, dem akademischen Lehramte, an der Wiener alma mater zu. Die akademische Jugend war eben sein Augapfel; ihr, „der Zierde und Freude des Menschengeschlechtes, der Hüterin der Ideale, der Bringerin einer glücklicheren Zukunft", wie die hochsinnige Widmung lautet, welche sein 1879 erschienenes Buch: „William Shakespeare, der Philosoph der sittlichen Weltordnung", trägt, weihte er aus dem tiefsten Grunde seiner die gesammte Menschheit umschlingenden Seele in dankbarer Liebe und Verehrung mit sichtbar wachsendem Erfolge seine hervorragende wissenschaftliche und litterarische Wirksamkeit. Wie als Seelsorger, so hat sich Knauer als akademischer Lehrer und Schriftsteller stets an die Weisung des Weisen von Stagira gehalten, welcher es in der Nikomachischen Ethik als Pflicht und Schuldigkeit erklärte, wenn auch beide Männer uns lieb sind, dem Banner der Wahrheit unbedingte Heeresfolge zu leisten. Ob ihm auch seine freisinnige Geistesrichtung und sein unabhängiger Charakter wiederholt heftige Anfeindungen ultramontaner Heißsporne zugezogen, ja hier und da, wie er mir im Vertrauen mittheilte, den Unmuth seiner kirchlichen Oberen heraufbeschworen hatten, so blieb er doch jederzeit seiner Ueberzeugung treu; ein Ritter ohne Furcht und Tadel, trug er immerdar seine freimüthige Gesinnung zur Schau, denn höher als alle anderen Interessen stand ihin das Interesse der Philosophie, der Königin der Wissenschaften. „Jeden, der offen und mit wissenschaftlichen Gründen gegen mich auftritt," donnerte er seinen Alles breit ins Schlechte führenden Angreifern entgegen, „werde ich nicht als Gegner, sondern als Gleichgesinnten begrüßen und ihm mit aller Freude und Freundschaft Rede stehen; persönlich verdächtigende und noch obendrein anonyme Angriffe jedoch berücksichtige ich entweder gar nicht, oder ich kenne gegen sie keine Rücksicht." Um keinen Preis konnte er sich dazu entschließen, einer „gewissen Sorte von Kritik" den Gefallen zu thun, „etwa eine» Spinoza, Goethe, Kant, Herbart, Günther und Darwin in unwürdiger Weise zu behandeln"; denn er war durchdrungen, „daß der guten Sache, der man damit zu dienen meint oder vorgiebt, durch das Fälschen, Verdrehen und Herabziehen alles deffen, was nicht mit gewissen Parteiführern durch Dick und Dünn will, der schlechteste Dienst erwiesen wird". Im vollsten Einklänge mit diesem mannesmuthigen Programm erklärte er jener selbstsüchtigen, zelotischen, Herz- und geistlosen Starrheit, welche dem ewig sich verjiingenden und veredelnden Dasein die Fortbildung zu stets höheren und reicheren Formen mißgönnt und verleidet, rückhaltlos den Krieg auf Leben und Tod. In dem schon erwähnten prächtigen Buche über Shakespeare brach Knauer eine Lanze für die Ulizertreiinlichkeit der Dichtung und Wahrheit, indem er mit einer von milder Weisheit und tiefer Menschenkenntniß durchglühten Beredtsamkeit aus den Dramen des britischen Altmeisters eine in sich vollkommen abgeschloffene und selbstständige Lebens- und Weltanschauung herauskrystallisirte, welche sich mit jedem philosophischen Lehrgebäude sehr wohl meffen kann. Diese ungemein werthvolle Bereicherung der Philosophie gelang ihin dadurch, daß er sich des Ballastes aller herkömmliche», besonders aus Büchern geschöpften Vorurtheile entschlug. So sine ira et studio an die Sichtung seines Stoffes gehend, sah er in Shy lock den ohne persönliches Verschulden aus der Gesellschaft gestoßenen, der Menschenrechte frevelhaft beraubten und abseits Zorn und Rache brütenden Mann. „Ich glaube," sagte er mit bitterem Ernste, „vorsichtshalber vorausschicken zu müssen, daß ich selbst weder Jude von Geburt, noch überhaupt semitischer Abstammung bin, wenn ich auszusprechen wage, daß Shylock auf mich, fast könnte ich sagen von meiner Kindheit her, viel eher den Eindruck einer Apologie des geächteten und mißhandelten Judenthums seinerZeit macht, als den einer beab sich tigtenVerurthei lung desselben." Daß es Shakespeare im „Kaufmann von Venedig" auf eine Verdammung des jüdischen Stammes nicht abgesehen hatte, zeigte ihm schon zur Genüge die unvergleichlich erquickende Zeichnung der Jessica, dieser holden Wunderblume aus dem Morgenlande, welche „unter den Judenmädchen so gewiß ein stehender Typus ist, als jene Rebecca in Walter Scott's Jvanhoe, von der ein geistvoller Kritiker mit Recht sagt: „Es war Sir Walter Scott aufbehalten, das großartigste Bild eines vollkommenen und selbstlosen Weibes zu Stande zu bringen, welches die Litteratur kennt."

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