Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
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416 - Ttr**»! ^JT-S* '^-‘ Juden als Retter erscheine. Es war dies ungewollt eine scharfe Satire auf die europäischen Missionsbestrebungen. Von der Taufe der Juden erwarten Manche das goldene Zeitalter. Manche haben weniger transcendentale Anschauungen und wünschen unfern Uebertritt aus Staatsraison, weil wir doch nun einmal eine Minorität sind.') Wenn die Transcendentalen auch nicht uninteressirt sind, so verlangen sie im Gegensatz zu den Majoritätsmännern doch nur ein Bekenntniß, an das sie selbst glauben. Bei den Ungläubigen, die von den Juden ein Bekenntniß zum Christenthum fordern, zeigt sich deshalb am deutlichsten die Richtigkeit der Gladstoneschen Bemerkung, daß im Konvertirungseifer häufig nur Eigenliebe steckt. Für unfern angeblichen Utilitarismus ist es aber ein eigenthümlicher Kommentar, daß wir uns taufen lassen sollen — weil wir keinen Erfolg gehabt haben. Da das Christenthum in verschiedenen Staaten verschiedene Formen angenommen hat, hat der Bekehrungseifer innerhalb der verschiedenen christlichen Richtungen Feld für feine Thätigkeit gefunden. Die Verschiedenheit der christlichen Religionen führt die „Staatsraison" der Glaubenseinheit ad absurdum. Vor zweihundert Jahren mag der Satz cujus regio ejus religio den Zeitgenossen ganz wohlgefällig in den Ohren geklungen haben, wir halten es damit, daß Jeder nach seiner Fa?on selig werden soll. Oder wie der Vikar der Citykirche von St. Botolph vor einigen Jahren sagte: Er sehe keinen Vortheil darin, aus schlechten Juden schlechte Christen zu machen, aber er würde beglückt sein, wenn jeder Christ seiner Parochie ein guter Christ und jeder Jude ein guter Jude würde. Wie Gladstone in dem erwähnten Aufsatz bemerkt, wäre es bester, das Gemeinsame als das Trennende zu betonen. H. C. Erinnerungen an einen Wiener Priester. Von Dr. Bernhard Münz. m 22. Juli hat einer meiner wackersten und edelsten Freunde in der Nekropole zu Breitenlee im Marchfelde, wo die Priester des altehrwürdigen Wiener Schottenstiftes begraben werden, seine letzte Ruhestätte gefunden. Sein Tod war kein sensationelles Ereigniß, das die Residenz in Aufregung versetzt hätte; war er doch zeitlebens ein stiller Mann. Aber diejenigen, welche das Glück hatten ihm nahe zu stehen, werden ihm eine treue, sorgsame Erinnerung über das Grab hinaus bewahren. Der Benediktinerpriester Dr. Viucenz Knauer, — dies der Name des Verstorbenen — war eine offene, freie harmonisch ausgestattete und dem sonnigen Lichte zugekehrte Natur. Er war ein Geistesritter in jedem Betracht. Sein Leben und Wirken trug auf Schritt und Tritt das strahlende Gepräge des idealen Schwunges und der beflügelnden Lebensfreudigkeit. Seine ganze Individualität war die sinnige Verkörperung der würdigen Traditionen des Ordens, welchem er angehört hat. Knauer war ein echtes Wiener Kind von, ich möchte sagen, altwienerischer Gemüthlichkeit, der Sohn des Wirthes „beim Jägerhorn" in der Kanalgaste. Er trat 1850 in den Orden und wurde 1853 zum Priester geweiht. In welcher Stimmung der Neugeweihte, um- Das war beispielsweise der Standpunkt Mommsens in der bekannten, 1881 veröffentlichten Schrift. ringt von dem Geleite der Freunde, den Kranz am Arme, im Festornat zum Altar schritt, hat er spätem in einer seiner duftigen, stimmungsvollen Gedichte also geschildert: Mit leuchtendem Blicke voll Jugendglanz, Und doch mit bangenden Schritten, Gebeugt in Demuth, versunken ganz In Dank und kindliche Bitten. „Du hast auf des Jünglings Schulter gelegt O Herr! die heilige Bürde, Die selbst ein Engel, von Furcht bewegt. Zu tragen erschaudern würde. Das Heiligste hast du mir anvertraut. Der Menschen unsterbliche Seelen; Ich habe auf dich, o Herr! gebaut. Daß Kraft mir und Gnade nicht fehlen. O laß mich hüten voll treuer Lieb Die Heerde, die du mir gegeben. Und keinen andern Lohn mir gieb. Als Dir und der Menschheit zu leben." So flehte der Jüngling im Festesschntuck, er brachte bewegt und beklommen sein erstes Meßopfer dar; doch was er in Demuth gebetet hat, der Himmel hat es vernommen. In reinstem heiligen Gottesfrieden floß sein Leben erbaulich dahin, und Himmelssegen begleitete ihn auf heiteren und düsteren Wegen. Er entfaltete als Seelsorger im Gefaugenhause und in der Gumpendorfer Pfarre eine außerordentlich ersprießliche Thätigkeit, welcher die Vertiefung in philosophische Studien die Krone aufsetzte. Die Beschäftigung mit diesen hat leuchtende Spuren in seinen Predigten zurückgelasten, bleibenden Werth und nachhaltigen Eindruck ihnen gewährleistet und ihm den Ruf eines gedankenreichen, anregenden, gediegenen Kanzelredners verschafft. Die Fäden, welche er auf der Kanzel spann, bewegten sich vornehmlich um das diesseitige Leben, die irdische Glückseligkeit. Seine andächtigen Zuhörer aus den Klauen des berüchtigten, den Wienern unaufhörlich zum Vorwurfe gemachten Phäakeuthums zu befreien, sie der verweichlichenden, entnervenden und lähmenden Nachgiebigkeit gegeir die unfreien Gelüste und Triebe zu entwinden, sie zu selbstständigen, besonnenen und ihrer geistigen Freiheit sich bewußten Menschen zu erziehen und hierdurch ihr Selbstgefühl, ihre Lust am Leben, ihren Lebensmuth und nicht zuletzt die Kraft, Dauer und ungekünstelte Schönheit ihres Körpers zu erhöhen, war sein heißes Bemühen. Im Zusammenhänge damit lagen ihm praktische Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage sehr am Herzen, wobei er, wie nach dem Gesagten wohl nicht erst ausdrücklich betont zu werden brauchte, mit der gegenwärtig im Schwange befindlichen Methode der christlich-sozialen Volksbeglücker nicht im mindesten geliebäugelt hat. Er verwahrte sich vielmehr aufs Entschiedenste und Unzweideutigste gegen jedwede Gemeinschaft mit den Duukelmänneru, welche in Wort und Schrift die jesuitische Ansicht vertreten, daß im Parteileben mit allen Mitteln gxkämpft werden darf und muß, daß im Parteileben Moral und Gerechtigkeit in die Schanze geschlagen werden dürfen und müssen, daß im Parteileben der Wahrheit nicht die Ehre gegeben werden darf, daß gelogen und verläumdet werden muß, und er brachte den vermeintlich Klugen, welche mitleidig achselzuckend meinen, in so schweren Zeiten könne man es mit der Wahrheit so genau nicht nehmen, des alten Shakespeare schlagenden Ausspruch: „There is no time so miserable, but a man may be true!“ in Erinnerung. Ein wahrer und vorbildlicher Priester der christlichen Nächstenliebe, schloß er eine in der Gumpendorfer Kirche gehaltene Rede: „Mehr Licht und Luft" mit den denkwürdigen evangelischen Worten: