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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 rr*/rrnz4*~r jpmachte. Darin lag also keinesfalls ein Gefühl der „Auserwähltheit", sondern eine sehr natürliche Zurückhaltung. Auch heute findet der Bekehrungseifer der Inden in Gesetz nndSitte manche Schranke. Das ungarischeRecht haterst indenjetzigen Rezeptionsgesetzen beit Uebertritt zum Judenthum gestattet, im österreichischen Strafgesetz galt noch bis znm Gesetz vom 25. Mai 1868 (!) die Verleitung zum Uebertritt als strafbar. Auch nach dem Fortfall der Gesetze ist der Uebertritt mit Unannehmlichkeiten verbunden. So meldeten noch vor einigen Tagen jüdische Blätter aus Krakau, eine in der Kindheit zuin Christenthuin übergetretene Jüdin habe einen jüdischen Musiker in Bukarest heirathen und deshalb Jüdin werden wollen. Der Magistrat von Krakau habe daraufhin ihren Geisteszustand untersuchen lassen, und als dieser normal befunden worden sei, habe er gleichwohl ihr Austrittsgesuch ablehnend beschieden, denn: die Bittstellerin sei hochgradig verliebt, in Folge deffen habe sie das Selbstbestimmungsrecht verloren. ... Jude zu sein ist auch heute keine Sinekure, und deshalb ist es auch heute noch nicht mehr als billig, Konvertiten auf das Ernste ihres Schrittes aufmerksam zu machen. Hierzu kommt, daß nach der jüdischen Dogmatik der Konvertit mit dem Uebertritt zum Judenthum nichts gewinnt. Das Judenthum steht den Angelpunkt der Religion nicht in bestimmten Glaubensformeln, sondern einem gerechten Lebenswandel. Nicht der Glaube macht selig, sondern gerecht und liebreich zu sein, nicht der Glaube, sondern die That. Das Jridenthum hat dem Konvertiten also nichts zu bieten als vermehrte Pflichten, die Gerechten aller Völker, jeden Glaubens, ziehen zur ewigen Seligkeit ein (z B. Tosifta Sauhedrin XIII, 2). In dein Fehlen des Konvertirnngseifers auf jüdischer Seite drückt sich deshalb nicht eine Idee jüdischer Auserwähltheit, sondern, gerade im Gegentheil, die Idee der Gleichberechtigung der Religionen aus. Aus dem gleichen Gesichtspunkt kommt Gladstone zur Abweisung der Konvertirungsbestrebungen. Sein Zeugnis; ist deshalb besonders werthvoll, weil er sicherlich von allen lebenden Staatsmännern der bibelgläubigste ist. Er schreibt in einer der letzten Nummern von XIX Century: „Wahrheit ist sicherlich der köstlichste Besitz für das Menschenherz. Wenn ich so glücklich bin, die Wahrheit zu besitzen . . . soll ich thatenlos zusehen, wie mein Nachbar mangels ihrer zu Grunde geht. . .? Aber gehen wir der Sache etwas auf den Grund. Was beweist, daß deine Wahrheit, auf die du baust, andere Zeugen hat, als das Zeugniß deines eigenen Geistes?.. Deshalb sollte der Bekehrungseifrige etwas mehr von der Achtung für fremde Ueberzeugungen übrig haben, die er in so hohem Maße seinen eigenen entgegenbringt. . ." Er findet, daß der „krankhafte Bekehrungseifer nur zu häufig auf übertriebenem Selbstvertrauen und maßloser Eigenliebe bertkht." Wenn ein russisches Blatt daneben der russischen Politik — Nächstenliebe gegen Juden nachrühmt, denn sie gönne ihnen ihr Bestes, „ihre alleinseligmachende Religion", so finden Gladstones Worte in diesen Ausführungen eine, allerdings ungewollte, Bestätigung. Der christliche Missiouseifer hat sotvohl auf Juden wie auf Christen schädlich gewirkt. Regierung und Missionäre, die durch irdische Vortheile den Glauben von Juden zu erschüttern suchen, züchten Heuchlers) 0 Vor Kurzem führte ein Prediger Seydel (unseres Wissens ein Anhänger Stöckers) Klage über die „unverschämten verschämten Armen, die zum Abendmahl gehen, um sich angenehm zu machen", an manchen „Das erste Streben des Missionärs," sagt Gladstone, „gehe dahin, den Glauben zu erschüttern, der, gut oder schlecht, den sittlichen Halt der zu Bekehrenden ausmacht: Er will niederreißen, die Trümmer entfernen und dann etwas Neues aufbauen . . . sein Endziel ist, aufzubauen, aber zunächst muß er zerstören. Er weiß kaum, wie leicht das Eine ist und wie schwer das Andere." Daß so häufig gerade unter den Juden, die durch Missionäre getauft sind, Gesinnungslosigkeit sich breit macht, daß solche Leute, wie ein Guttmann oder Nehemias Tischmann, mit gewerbsmäßigem Taufen oder der Thatsache ihres Uebertritts sich einen Lebensunterhalt machen/) oder wie Aron Briman und Paulus Meyer sich anderweit traurigen Ruhm erwerben, liegt deshalb nicht an den Juden, sondern den Misiionären. Sollten sie nicht Veranlassung zum Nachdenken haben, weshalb sie gerade auf zweifelhafte Existenzen unter den Juden eine besonders große Anziehungskraft ausüben? Bestrebungen, die solche Früchte zeitigen, müffen eben ungesund sein. Hierzu kommt, daß die Mittel, deren man sich von Seite der Missionen bedient, nicht immer die reinlichsten sind. Als harmlose Geschmacklosigkeit mag man es ansehen, daß eine Missionszeitschrist, um leichter Eingang zu finden, im Mauscheljargon erscheint. (Siehe „Allg. Zeitung des Judenthums S. 383). Tadelnswerther war es schon, daß den aus Rußland flüchtenden Unglücklichen sich auf dem Bahnhof Charlottenburg der Missionär an die Fersen heftete — in Gestalt von Paulus Meyer. Am tadelnswerthesteu im Missionswesen aber ist die nackte Bestechung. Sei es dadurch, daß Amts- oder Profefforenstellen Stück für Stück als Bezahlung für eine Taufe verliehen werden, sei es durch die Misstonsanstalte», die den vom Schicksal hin und hergeworfenen Juden eine Sicherung der Lebenshaltung in Aussicht stellen können, deren sie sonst entbehren. Ganz besonders ist dies in England der Fall, wo eine einzige Gesellschaft für Bekehrung von etwa 12 Juden jährlich im Durchschnitt etwa 700,000 Mark ausgiebt.') Da ist es dann allerdings ein noch glänzenderes Geschäft, Missionär als Konvertit zu sein. Gab doch, wie Bischof Amon auf der diesjährigen Maiversammlung der englischen Missions-Gesellschaften mittheilte, eine einzige Gesellschaft für Heidenmission 44,000 Pfd. (--- 900,000 Mark!) für das Einsammeln ihrer Jahresbeiträge aus. (!) Die Wahrheit gebietet, zu bekennen, daß wir unter den Freunden des Misstonswesens einige Freunde gefunden haben. So Professor Strack und Pastor Faber in Tschirma, die gegen Rohling und andere Verläumder wiederholt ihre Stimme erhoben haben. Sie haben es schmerzlich enipfunden, daß gerade die heutige Zeit, in welcher die Juden von allen Seiten angefeindet werden, daß nanientlich die Idee des Rasienantisemitismus ihren Bestrebungen ein unübersteigliches Hinderniß entgegenstellen muß. Pastor Faber empfahl denn auch als geeignetes Feld für die Missionsbestrebungen Persien, wo gegenüber der Unterdrückungssucht der Muhammedaner der Christ dem Tagen in mehreren Kirchen hintereinander. Es ist das ein Beweis, daß auch unter den Christen Heuchelei gefördert wird, wenn man mit der äußeren Beobachtung kirchlicher Formen sich angenehm macht. Analoges gilt von den Bekehrten; Leute, denen man sich durch Rcnegatenthum angenehm macht, üben auf Lumpen die stärkste Anziehungskraft aus oder machen schwache Menschen zu Lumpen. >) S. „Allg. Ztg. d. Judenth." vom 22. Juni 1894. 2) Das ist etwa ebensoviel, wie das Jahresbudget der „weltbeherrschenden" „Alliance israelite universelle“. Die großen Einkünfte rühren zum Theil allerdings aus älteren Stiftungen.

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