Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228076--51075-3273919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-- 413 neunte Aw der Juden" fiel, konnten wir doch der Neugierde nicht widerstehen, zu erfahren, was denn der christliche Pfarrer mit diesem Trauertag der Juden eigentlich angefangen habe. „Vielleicht weint und trauert er mit ihnen, vielleicht betet er mit ihnen für die Wiedererbauung Jerusalems", dachten wir und griffen nach dem Schriftche». Jndeß war die Täuschung, die wir erfahren sollten, eine gewaltige. Der Herr hatte nichts Anderes zu thun gehabt, als den Lesern des Artikels darzulegen, wie die Zerstörung Jerusalems und alle die fpätern Leiden, welche die Juden ereilt, nur die Strafe für die Ermordung des Heilands seien, und er stellt ihnen weitere blutige Verfolgungen in Aussicht, die da fortdauern sollen, bis die Juden sich zum Christenthum bekehrt haben werden. Fürwahr, wenn das von Seiten eines Pfarrers — wir wollen gar nicht sagen fromni — aber doch wenigstens menschlich gedacht ist, so dürfen wir uns wahrlich gar nicht darüber wundern, daß die Anarchisten dem Morde in ihrem Programm eine Berechtigung geben. Wir gestehen zu, daß das Martyrium des jüdischen Volkes sich noch nicht erschöpft, und daß daffelbe sich darauf gefaßt machen muß, noch lange Zeit seine Glaubenstreue mit dem Verlust vieler vaterländischen Rechte bezahlen zu müssen; allein es wird ausharren, deß darf der bekehrungssüchtige Herr Becker schon versichert sein, die schwerste Prüfungszeit liegt schließlich doch hinter ihm. Es hat den' Namen Gottes durch eine Standhaftigkeit geheiligt, die beispiellos in der Welt dasteht.' Und an diesen Idealismus wagt sich der Mann mit Geschichtchen heran, die den puren Unsinn an der Stirn trage»: Er erzählt z. B., daß in Polen ein jüdischer Greis ein Bein gebrochen habe, weil er ein Packet Schriften des Neuen Testaments verbrannt. Huldigten wir derselben Weltanschauung, so wären wir wohl berechtigt zu fragen: wie viel Beinbrüche hätten erfolgen müssen, als man den Talmud in Paris zu Tausenden von Exemplaren verbrannt hatte? 6.Jahresversammlung der israelitischen Fehrer- Konferen; Hessens;ir Marburg am 2. Juli. auc^ Versammlung, welche im Cafe Quentin stattfand, (hauptsächlich infolge des nicht besonders günstig gelegenen Konferenzortes nicht so zahlreich besucht wie in manchen früheren Jahren - die Präsenzliste weist ungefähr 60 Teilnehmer nach — so hatte sie dennoch einen recht anregenden Charakter und nahm einen allgemein befriedigenden Verlauf. Dieselbe begann um 10 Uhr durch Abstngung eines von Herrn Gutkind «Kassel geleiteten Chorals; alsdann folgte die Eröffnungsrede des Vorsitzenden, Herrn Dr. Stein- Kassel. In schwungvoller Sprache versuchte er die Frage zu beantworten, ob auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts ein konstanter Fortschritt nachzuweisen sei. Diese Frage müsse leider verneint werden, meint der Redner, da gerade in der Gegenwart eine geistige Unaufgeklärtheit und sittliche Verrohung herrsche, obgleich man von Lessing gelernt habe und bei Pestalozzi in die Schule gegangen sei. Mit dem Wunsche, daß das zweite Bierteljahrhundert unserer Jahresversammlungen „an Kämpfen leicht, an Siegen reich, an Rückschritten gering, an Fortschritten groß" sein möge, schloß die gedankenreiche Eröffnungsrede. Nach derselben begrüßte der Vorsitzende die erschienenen Konferenz- Mitglieder und Gäste mit warmen Worten. Als Gäste hatten die Versammlung beehrt die Herren Landrabbiner Dr. Prager-Kassel, Provinzialrabbiner Dr. Munk-Marburg und Dr. Koref-Hanau und Rabbiner Dr. Horwitz-Frankfurt a. M., Herr Provinzialvorsteher Eichelberg-M. Die Herren Gemeindeältesten Strauß und Rosenbusch-M, Herr Justizrath Hirsch-Kassel, im Namen des Ausschusses des „Hessischen Lehrervereins" Herr Lehrer Brede-Kassel, Herr Gymnasiallehrer Dr. Vogt-M und einige Lehrer aus den "angrenzenden Landestheilen. Die Herren Provinzialrabbiner Dr. Cahn-Fulda, Hauptlehrer Andorn-Krefeld (ein früheres Konferenzmitglied), sowie mehrere Kollegen hatten ihr Fernbleiben, das bei vielen leider durch Krankheit begründet war, entschuldigen lassen; Herr Müller-Frankershausen hatte die Versammlung telegraphisch begrüßt. — Hierauf hieß Herr Dr. Munk die Versammlung Namens der Synagogengemeinde Marburg herzlich willkommen und theilte ihr mit, daß denjenigen Konferenzbesuchern, welche über Nacht in Marburg bleiben wollten, seitens der dortigen Israeliten bereitwilligst Freiguartiere zur Verfügung gestellt seien, um deren Benutzung er bat. — Nachdem der Vorsitzende dem Herrn Redner für seine herzliche Begrüßung und der Gemeinde Marburg für ihr liebenswürdiges Anerbieten Worte des Dankes gesagt, und nachdem mitgetheilt worden war, daß der D. I. G. B. zu den Kosten der Versammlung einen Zuschuß von 150 M. bewilligt habe, wurde das Büreau gebildet, indem Herr Gutkind zum stellvertretenden Vorsitzenden und der Unterzeichnete zum Schriftführer ernannt wurden. — Der nunmehr durch den Vorsitzenden zur Vorlesung gelangende Jahresbericht des Ausschusses enthielt die Mittheilung von der bei der Königl. Regierung nachgesuchten und auch erwirkten Abänderung der Ferienordnung, so daß jetzt die Sommerferien anstatt 14 Tage 3 Wochen dauern und die seitherigen Chanukaferien in die Weihnachtszeit verlegt sind. Nachdem Herrn Gutkind im Anschlüsse an den von ihm vorgetragenen Kassenbericht Entlastung ertheilt worden war, trat man in die eigentliche Tagesordnung ein, indem Herr Kollege Amram-Borken das Wort zu seinem Vortrage: „Die Vorbildung der israelitischen Lehrer" erhielt. In Erwägung, daß die Bestrebungen der gesammten deutschen Lehrerschaft, zu der auch die Mitglieder unserer Konferenz gehören, in Bezug auf Umgestaltung des Lehrerbildungswesens auch von den israelitischen Volksschullehrern getheilt werden, und daß die in kleineren und größeren Lehrerversammlungen angenommenen diesbezüglichen Beschlüsse bezw. Leitsätze auch von dem israelitischen Lehrer, soweit sie im Allgemeinen Lehrgegenstände betreffen, unterschrieben werden können und müssen, hatte der Herr Referent seinen Ausführungen die von dem Hessischen Volksschullehrerverein vor einigen Jahren auf seiner Jahresversammlung zu Ziegenhain angenommenen Leitsätze zu Grunde gelegt und diese nur in so weit modifizirt, als dies die eigenartigen Verhältnisse des israelitischen Lehrerstandes erheischen. Die Versammlung lauschte dem interessanten Vortrage bis zum Schluffe mit gespannter Aufmerksamkeit; da die nachfolgenden Leitsätze ein klares und treues Bild des Vortrages ergeben, kann auf dessen Inhaltsangabe Verzicht geleistet werden. In Vertretung des durch Krankheit am Besuche der Konferenz verhinderten Korreferenten Herrn Blach-Gudensberg wurde das von demselben eingesandte Korreferat von dem Unterzeichneten verlesen; daffelbe war in sehr schöner Sprache und edler Begeisterung für die in Frage stehende Angelegenheit ausgearbeitet, ergänzte in einigen Punkten die Ausführungen des Referenten und vertrat in wieder anderen Punkten, z. B. bei Leitsatz 2, einen entgegengesetzten Standpunkt als dieser. Nach einer viertelstündigen Pause wurde in die Debatte über die gehörten Vorträge eingetreten, die durch ihre Lebhaftigkeit das Interesse bekundete, das dem Berathungsgegenstande entgegegengebracht wurde. Während die Leitsätze 1, 3, 5 und 6 debattelos angenommen wurden, riefen Nr. 2 und 4 einen die Frage klärenden, längeren Meinungsaustausch hervor, an dem sich die Herren Dr. Prager, Koref, Munk, Ehrenreich-Wehrda, Heiser-Niedenstein, Löwenstein-Fulda, Oppenheim-Barchfeld, Perlstein-Zwesten, Stahl-Falkenberg, Steinweg-Laasphe, Strauß-Gelnhausen und der Referent betheiligten. Das Ergebniß der Debatte war die unveränderte Annahme der von dem Referenten ausgestellten Leitsätze, nur bei Leitsatz 4 wurde der Wortlaut etwas geändert, sodaß dieselben folgendermaßen lauten: 1. Der erhöhten Bedeutung der Volksschule, den sich steigernden Anforderungen an die Volksschullehrer und der diesen gebührenden sozialen Stellung entsprechend, ist das Lehrerbildungswesen zeitgemäßer zu gestalten. 2. Die private Vorbereitung für das Seminar ist zu verwerfen Dagegen ist thunlichst bei jedem Seminar eine Präparanden-Anstalt zu errichten, die in dreijährigem Kursus das allgemeine Wissen etwa in dem Umfange wie die siebenstufige Realschule zu vermitteln hat. Erstrebenswerth wäre allerdings die Vorbildung durch die Realschule. 3. Das Seminar soll vornehmlich Fachanstalt sein und in dreijährigem Kursus die Seminaristen in die Pädagogik und ihre Hilfs-