Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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~ 'z*'T** e',r' '^r^-^UF'fWyam Städtchen und ernähren sich dabei in einer Weise, daß sie auch allen kulturellen Ansprüchen in einer Ausdehnung und Reichhaltigkeit Rechnung tragen können, wie wir es hier in Deutschland nur von den Juden der Großstädte zu hören bekommen. Und alles dies bei dem politischen Druck, der jede größere und freiere Bewegung hemmen^muß. In der Mitte von 4000 Juden leben 500 Christen, und die letztem fühlen sich wohl dabei, denn noch niemals sind von ihnen Klagen über jüdischen Terrorismus hörbar geworden und am allerwenigsten Befürchtungen der Judaisirung des Städtchens zu Tage getreten. Sachsen und Hessen mit ihrer Haudvoll Juden können den Antisemiten Gelegenheit geben, die Juden als eine Weltmacht zu bezeichnen, gegen welche alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, wenn anders nicht alle Völker der Erde ihnen dienstbar und tributpflichtig werden sollen; Rußland mit seiner so überreichen jüdischen Bevölkerung würde, wenn seine religiöse Intoleranz nicht gegen dieselben wäre, nicht die geringste Ursache haben, seine wirthschaftlichen Interessen ihnen gegenüber in Schutz zu nehmen; es hat sich im Gegentheil herausgestellt, daß an Orte», an welchen sie verdrängt, ihre Abwesenheit wirthschaftlich sich fühlbar gemacht hat. Me aus jenem Bericht zu ersehen war, liegt, was bei der überwiegend jüdischen Bevölkerung ganz natürlich ist, die städtische Verwaltung in Plunjan ganz in den Händen der Juden, und indem wir von den Vorkehrungen hörten, die sonst der Feuersgefahr gegenüber getroffen und nur von der außerordentlichen Gewalt des letzten Brandunglücks ohnmächtig gemacht werden konnten, müffen wir sagen, daß sie auch in dieser Beziehung ihre Schuldigkeit gethan haben. Und solcher Städtchen mit 4000 jüdischen Seelen giebt es in Rußland eine ganze Menge. Wenn auch sonst von der äußern Welt hinsichtlich der Kulturforderungen ziemlich abgeschlosien, so wisien sie doch dem, was die Humanität heischt, in den besten und zartesten Formen Rechnung zu tragen. Man denke blos-an die in Plunjan niedergebrannie Pfandleihanstalt, durch welche es den ärmeren Glaubensgenossen möglich ist, ein kleines Kapital zinslos immer in Händen zu haben und sich damit zu ernähren. Solche Einrichtungen trifft man fast in allen jüdischen Gemeinden in Rußland an. Sie lasten sich nicht angeben, all' die Wege, auf welchen man dort der Hilfsbedürftigkeit entgegcnkommt. Wenn Gott dem jüdischen Volke auf seine tausendjährige Wanderung weiter nichts mitgegeben hätte als diesen Sinn für Ion so würde es schon hingereicht haben, es unvergänglich zu machen und seine Mission zu allen Zeiten und in allen Orten als eine göttliche zu legitimiren. Dieser Gedanke wird uns durch Folgendes noch bestärkt: In Eydtkuhnen hat die dortige jüdische Gemeinde eine Leichenhalle errichten lassen, die allen Ansprüchen der Neuzeit vollkommen Rechnung trägt. Der lebhafte Grenzverkehr, der dort herrscht, und die daraus hervorgehenden Möglichkeiten gaben Veranlaffung zur Errichtung dieser Anstalt. Der Kostenaufwand dabei war ein größerer, als wie er von einer kleinen Gemeinde bestritten werden kann, wenn nicht von Seiten derselben die größtmöglichsten Opfer gebracht werde». In dieser Beziehung ist jedenfalls von dieser Endstation der deutschen Judenheit nur Rühmenswerthes zu berichten. Mögen auch die religiösen Zustände dort sein, wie sie wollen, und die Zusammensetzung der Gemeinde der Verschiedenartigkeit das größte Volumen verleihen — in der Ausübung von Mild- und Wohlthätigkeit ist sie ein Ganzes, das in seiner Großartigkeit mitunter beispielgebend für Andere werden kann. Denn hier an der Grenze hat das Unglück seine eigenen Farben, in welchen es sich zeichnet; grau in grau malt es seine Bilder und fordert jedes fühlende sys*»., 412 -— Gemüth zu Gegenwirkung heraus. Hier zeigt sich die Noth in Gestalten, die andern Orts niemals gesehen, hier offenbart sich das Elend in einer Mannigfaltigkeit, gegen welche keine Voraussicht und Berechnung aufkommt; darum wird auch hier die jüdische Wohlthätigkeit Tag und Nacht in Anspruch genommen. Bald sehen wir einen Unglücklichen, den die Misere des sozialjüdischen Lebens über die Grenze gebracht, um in Begleitung einer zahlreichen Familie im Auslande — gewöhnlich England oder Amerika — eine Quelle für deren Ernährung zu suchen, dessen Reisegeld aber nur bis an den Schlagbaum gereicht, der Rußland von Deutschland trennt — er sieht sich nach Hilfe um und sucht und findet sie in der Eydtkuhner Gemeinde. Ein Grenzkomitee zur Unterstützung solcher Unglücklichen existirt nicht mehr. An einem aildern Tage ist es ein körperlich schwer leidender Mann, der die Heilanstalten Königsbergs aufsuchen will, in welchen er aber nur Aufnahme durch Vermittelung der Grenzgemeinde findet; wiederum wird dieselbe in Anspruch genommen und thut, was sie thun kann. Und endlich geschieht es nicht selten, daß Frauen in höchst reduzirtem Zustand von jenseit des Ozeans, wo sie vergebens ihre Männer gesucht, heimkehren, um arm und mittellos das frühere elende Leben in Rußland wieder fortzusetzen. Sie müffen über die Grenze geschafft werden, wozu es unter allen Umständen des Geldes bedarf, das die Eydtkuhner Gemeinde hergeben muß. — „Bis aufs Messer," — möchte man fast sagen, werden die Juden jenseits der Grenze in ihrer freien Bewegung beengt und beschränkt. Wir meinen das Schächtmesser. Daffelbe hat nach einer polizeilichen Verfügung beim Szemski (Polizeidiener) zu liegen und muß zu einem jedesmaligen Gebrauch von dort abgeholt werden. In erster Reihe wird wohl der Grund dieser polizeilichen Ueberwachung des Chalif in dem Umstande zu suchen sein, daß die Polizei sich versichern will, daß kein ungesundes Vieh geschlachtet werde, und daß ihr daher eine Bescheinigung über den Gesundheitszustand derselben vorzulegen, wobei ihr noch 20 Kopeken für ihre Bemühungen zu zahlen sind. Wenn indeß nur Letzteres geschieht, wird von dem Ersteren meist abgesehen. Jüngst war in dem Grenzstädtchen Wirballen daher dieser Einrichtung wegen große Noth. Der Fleischer geht zum Schächter, um ein Rind schlachten zu lassen. Dieser geht zum Polizeidiener, um das Meffer zu holen; allein er findet ihn nicht zu Hause und die Frau des Beamten fühlt sich nicht befugt, das Messer herauszugeben. Aber sie macht sich auf und geht nach der Schankwirthschaft, der Heimstätte der russischen Hermandad. Umsonst, sie findet ihren Mann nicht hier oder sonst noch, wo dem Bacchus gehuldigt wird. Vergebens hat der Schächter seine zwanzig Kopeken auf den Tisch gezählt und bittet um das Schächtmeffer. Das russische Gewiffen kann auch unbeugsam werden. Der Szemski war ohne Wiffen seiner Frau verreist, kam erst am andern Tage nach Hause und die Wirballer Gemeinde mußte bis dahin hungern. — In jedem Jahre und ziemlich in derselben Zeit geht uns hier ein Monatsschriftchen „Dibre Emeth“ von einem Herrn Pfarrer Becker, früher in Breslau jetzt in Berlin-Friedenau, zu: Wir erkennen die Festigkeit, womit dieser Herr uns im Gedächtniffe behält, vollständig an, aber wir begreifen nicht, was derselbe mit seiner Zusendung an uns bezwecken will. Wie man indeß so viele „Zuschickungen" über sich ergehen laffen muß, so nahmen wir auch bisher diese hin, ohne zu grübeln, ohne zu untersuchen, in wieweit sich der Titel Dibre Emeth mit dem Inhalt dieses Blättchens deckt, und ließen es ruhig den Weg alles Papiers wandeln. Als nun aber wieder jüngst die Dibre Emeth bei uns eintrafen und unser Blick auf die Unterschrift des Leitartikels „Der