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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-31 · Heft 35 (31.8.1894) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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411 der Brust Israels zu ersticken. Haben es etwa später die flauuuenden Scheiterhaufen vermocht, die die Bekenner der Religion, welche in eben demselben Jerusalem, in eben demselben Tempel zu Zion ihren Ursprung hat, für Israel angeblich „zur größeren Ehre Gottes" in Spanien, Deutschland und anderen Ländern des zivilisirten Europas angezündet? Und diese lodernden Holzstöße d's Glaubensfanatismus waren für den Bestand Israels weit verhängnißvoller als der Brand Jerusalems und des Zionstempels. Denn das Unterliegen Israels unter den chaldäischen Heere» des Ncbukadnezar und den Legionen des Titus konnte in den unglücklichen äußeren und inneren politischen Verhältnissen seinen natürlichen Erklärungsgrnnd finden, dahingegen mußte es bei dem Jahrhunderte lang währenden schandcrvollen Glaubensgericht, welches die Kirche im Mittelalter über Israel gehalten, scheinen, als ob es ein Gottesgericht selbst wäre, das der Himmel über Israel und seinen Glauben hält, als ob die Sterne aus ihren Bahnen gegen Israel und seinen Glauben kämpften. Und doch ließ Israel von dem Schein, als ob seine religiöse Ueberzeugung gegen Gottes Willen und Bestimmung, sozusagen wider Sternenlauf und Schicksal wäre, sich nicht beirre». Die Stimme seines Genius erhob sich immer wieder von Neuem in seiner Brust: „Bahnet in der Welt des wüsten Aberglaubens, in der Welt der Verblendung und Sittenverderbtheit eine Straße unserm Gotte, daß sich enthülle die Herrlichkeit des Ewigen." Sie hat sich aber auch glänzend über Israel enthüllt, die Herrlichkeit des Elvigen! Denn Israel zeigte sich stärker als sein Schicksal, das ihm von Menschenhänden bereitet wurde. Es sollte — und das war ja seine Bestimmung, — es sollte im laugen. Laufe seiner Geschichte sich des Ehrennamens „Israel" verdient machen, mit dem sein alter Erzvater vorbildlich für seine späteren Geschlechter belegt worden, des Ehrennamens „Israel", der einen siegreichen Kämpfer bedeutet gegen Menschentücke und widrige Schicksalsmächte. Israels Stamm ist ja nicht von heute lind gestern; seine Wurzel reicht in die Jahrtausende zurück, und sein geistiger Nährboden ist die wechselvollste geschichtliche Erfahrung, die jemals ein Volksstamm erlebt. In dieser Erfahrung besitzt Israel einen reichen Schatz von Weisheit und Erkenntniß, und es liegt nur in unserer Hand, von deniselben zu geeigneter Zeit den rechten Gebrauch zu machen. Welche Zeit ist aber mehr geeignet, zu erkennen, daß durch die lange Kette unserer Erfahrungen der Geist der göttlichen Vorsehung webt, als die gegenwärtige? Die göttliche Vorsehung ist der Grnndzug, ja das Grundgesetz in unserem Geschichtsgange, und wenn je zu einer Zeit, so tritt sie in der Gegenwart bei uns deutlich in die Erscheinung. War man in früheren Zeiten darauf ausgegangen, unsere Religion von der dogmatischen Seite ans zu unterdrücken, so richtet sich heute in unfern Tagen der Angriff hauptsächlich auf die Satzungen und Vorschriften für das jüdisch-religwse Leben. Den Angreifern ist es jedoch durchaus nicht m» Abstellung dieser Satzungen zu thun, die ja längst als gut und zweckmäßig anerkannt sind, als vielmehr darum, diese als Handhabe zu ihren politischen Umtrieben zu gebrauchen. Aber es ist ein merkwürdiges Schauspiel, das sich uns dabei darbietet. Die Sache verläuft immer so: Zunächst wird der Angriff in frivoler Weise gewagt, dieser weckt die Geister in weiten Kreise» zum Nachdenken, zum Prüfen und Ueberlegen auf; darauf erhebt sich ein wohlbegründeter, wiffenschaftlich beleuchteter Widerspruch, schließlich werden, und zwar oft gerade nichtjüdische maßgebende Stimmen laut, welche die als trefflich bewährte jüdische Methode zur allgemeinen Einführung empfehlen. Genau so wurden auch inimer die erlogenen Vorwürfe und unbegründeten Anklagen gegen die politische und soziale Qualität der Juden in ihr gerades Geaentheil gekehrt. Das Gerechtigkeitsgefühl, das niemals unter den Meuscheu ausgestorben, hat gerade aus Anlaß dieser Angriffe die Erfahrungen, die man zu allen Zeiten und in allen Staaten in Bezug auf die politischen und sozialen Tugenden der Juden gemacht, ans Licht gezogen, öffentlich zur Sprache gebracht, und so wurde der alte geschichtliche Nimbus des ältesten Stammes von seiner vielbewährten, treuen Hingebung an alle edlen Menschenintereffen, von seiner aus Herz und Religion erfließenden Liebe und Treue zu König und Vaterland, wie in der alten, so in der neuen Heimath, glänzend wiederhergestellt. In all diesen Erscheinungen zeigt es sich, wie genau und richtig die alten Talmudweisen den Pulsschlag unseres geschichtlichen Lebens in dem emsigwaltenden Geiste der göttlichen Vorsehung erkannt, indeni sie bald nach der Allgemeinheit hin, bald mit besonderem Bezug auf die Geschichte Israels den Erfahrungssatz aussprechen: ,-oa^ HKIS") CHplS ."D"pn „Gott bereitet schon das Heilmittel, »och ehe das Leiden eintritt." Wenn die göttliche Vorsehung in früheren Zeiten für Menschen, die ihres Glaubens wegen verfolgt, vertrieben, verjagt worden, in der Mitte anderer Länder und Völker eine sichere Zufluchtsstätte und freundliche Ausnahme bereitet, so verschafft sie diese jetzt den ungerecht Gekränkten in dem Gerechtigkeitsgefühl aller wohlgesinnten Menschen, welches in dem Maße sich immer mehr ausbreitet und vertieft, als diese an vielen Füllen die Ungerechtigkeit der Angriffe auf Juden und Judenthum, die Nichiigkeit und Hohlheit jener sophistischen Argumente einsehen lernen. Wir erlebe» hierbei das wunderbare Schauspiel, welches bereits unsere Vorfahren in alten Zeiten mit Bileam erfahren, indem sein beabsichtigter Fluch über Israel wider seinen Willen im eigenen Munde sich zu Segenswünschen umgewandelt, daß die von Seiten unserer Feinde angegriffenen Einrichtungen des lüdisch-religiösen Lebens gerade als enipfehlenswerthe Vorzüge, und die politische und soziale Ehre der Juden gerade durch Verunglimpfung dieser Ehre, von billig denkenden, maßgebenden Seiten volle Würdigung erfährt. Der Spruch des Propheten von der über den Sternen waltenden Vorsehung mit besonderem Bezug auf Israel findet daher ganz besonders auch aus unseren gegenwärtigen Verhältnissen seine volle Bewahrheitung. „Schauet zur Höhe empor, wer hat diese Alle geschaffen? Ihm, dem Allmächtigen und Allwaltenden entgeht keines derselben." Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. eber das Brandunglück voll Ptunjau »vnrde Jhnew aus Memel schon ausführlich berichtet. Wir möchten es aber doch noch einmal versuchen, das Jntereffe der Leser für die Betroffelien zu gewinnen, für deren Unterstützung bereits ein Aufruf in die Oeffentlichkeit gelangt ist. Die Gelegenheit, Mildthätigkeit zu üben, hat wohl niemals in beredter Sprache gesprochen als hier, wo es gilt, denen helfend entgegenkonimen zu können, über welche sich so urplötzlich und mit so entsetzlicher Gewalt das Unglück entladen hat. Gar Malicher würde durch eine zeitige Aushilfe in de>t Stand gesetzt werden, den früher betriebenen Erwerb wieder aufzunehmen und die erschütterte Existenz wieder zll befestigen. Außerdem giebt aber auch noch das traurige Ereigniß einen Einblick in die Verhältniffe, wie sie bei imsern Glaubensgenossen jenseits der Grenze vorhanden sind. 400t) jüdische Seelen leben in einem kleinen, kanm von der Welt gekannten und genannten

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