Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Vor ihm erglänzte ein schmales, silbernes Band, sich in Schlangenwindungen in die Ferne ziehend. Die niedrigen, von Vergißmeinnicht umsäumten Ufer waren mit Gräsern, Baumwurzeln und Schilf bedeckt. Gegenüber aber lagen unermeßliche Felder, auf welchen die grünende Saat gleich einer Wafferfläche im Winde wogte. In den glänzenden Bächlein spiegelten sich die schwankenden Wipfel der Bäume und der Habicht, der hoch oben kreiste. Von Zeit zu Zeit ließ sich ein Plätschern oder Rauschen vernehmen, dort ertönte das Klappern des Storches oder das eintönige Lärmen einer entfernten Mühle, hier tauchte ein Frosch vor der herannahenden Gefahr rasch ins Wasser unter. Jizchak setzte sich. Er horchte — blickte um sich, unbekannte Töne erklangen in seinem Innern, es war ihm, als redeten die stummen Blumen zu ihm, die entzückenden Formen und Düfte erfüllten ihn mit einer weichen, ungeahnten Wonne. Er versank in Gedanken, hingerissen versenkte er seine Blicke in diese durchsichtigen, in unbekannte Fernen eilenden Wellen. (Forts, folgt.) & „Antisemitisch." Von Josef Victor Widmann. dSNer Name selbst ist nicht von Lüge frei, i Steckt prahlerisch zu weit des Hasses Grenzen. „Semiten!" — Sind denn Völker nicht dabei. Die hell in Eurer Phantasie auch glänzen? Am Abend, wenn am fernen Himmelssaum Des Halbmonds Krummschwert blinkt, das scharf gezückte. Wacht da nicht auf in Euch des Orientes Traum, Der Eure Jugend einst doch auch beglückte? Die schöne Wolkenstadt muß Bagdad sein, Bagdad mit seinen Palmen, Minareten, Wo Ihr als Knaben ginget aus und ein Und schwüret: „Bei dem Barte des Propheten." Wie köstlich war -er Karawane Rast Im braunen Zelt des freien Beduinen. Daß bei semitischen Männern Ihr zu Gast, Hält' Euch damals verfinstert nicht die Mienen. O! Du arabisch Volk der Märchenpracht, Das einst, wie Vögel ziehn im Wanderfluge, Bis in die Länder drang der Mitternacht Auf seinem wunderbaren Siegeszuge! Das der Alhambra Löwensaal gebaut Und treue Krieger gab dem Hohenstaufen, Der sich am liebsten denen anvertraut, ' Die ihm der Papst nicht taufen könnt', noch kaufen! Semiten waren das, semitisch war Der afrikan'sche Held, der überwunden Zuerst der Alpen schreckende Gefahr, Dem pun'schen Volk den Weg nach Rom gefunden. Am Traflmener See der Nebel spinnt Ein Leichenhemd den Römern, dort erschlagen. Wenn Die „antisemitisch" einst gesinnt, War's ehrlich. Schwert ward gegen Schwert getragen Doch Euer Kampf-! Allein es schafft Verdruß, Zu Ohren sprechen, die nicht wollen hören. So komm' ich denn zu ungeahntem Schluß: Recht habt Ihr, Euch und Andre zu bethören Mit solchem falschen Wort der Unvernunft, Das halb verhüllt den häßlichen Gedanken. ' Es ist die letzte Scham noch Eurer Zunft, Die Welt der guten Sitte muß Euch's danken. Sprechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! k^urch den Halberstädter Brief in Ihrer letzten Nummer ist der Einzelfall erledigt, der Herrn Eichenberz aus Kiel zu seiner in Nr. 31 Ihres Blattes abgedruckten Zuschrift Veranlassung bietet. Es entsteht aber überhaupt die Frage, wie weit sollen die Juden von der Waffe des Boykott Gebrauch machen? Die Frage läßt sich aus Zweckmäßigkeits- und ideellen Gründen verschieden beantworten. Ueber die Zweckmäßigkeitsgründe ist man an Ort und Stelle meist am besten unterrichtet- Die Zweckmäßigkeit ist auch quaestio facti und eignet sich schon deshalb nicht zu allgemeiner Beurtheilung. Anders die grundsätzliche Frage. Enthält ein Boykott etwas Unberechtigtes? Sicherlich nicht! Ihr Blatt empfiehlt einen solchen sogar im Leitartikel der Nr. 32 (Weidlingau!). Man hat durchaus nicht die Absicht oder Meinung, den Gegner mundtodt zu machen, der Boykott ist vielmehr eine Frage der Selbstachtung. Will Jemand durch Leute, die mich beschimpfen, ein Geschäft machen, indem er ihren Inseraten und Reden Raum gewährt, so ist das sein Recht. Aber mein Recht ist es dann andrerseits, daß ich ihm meine Kundschaft entziehe. Wird die Zeitung, wie Herr Eichenberg befürchtet, dadurch antisemitisch, so hatte das Blatt ja ohnehin aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht. Wie die zahlreichen jüdischen Inserate in der „Täglichen Rundschau" und anderen Antisemitenblättern beweisen, hat es in jüdischen Kreisen noch immer viel zu sehr an Gefühl korporativer Selbstachtung gefehlt. Wenn sich dieses Gefühl in Halberstadt erfreulich geregt hat, so sollte man sich dessen, ohne Rücksicht auf den möglichen Erfolg, freuen, statt den Halberstädtern unberechtigt die Leviten zu lesen. Woher kommt es, daß gerade unparteiische Zeitungen so häufig antisemitisch sind? Weil ihr geschäftlicher Instinkt sie bald belehrt, daß sie durch antisemitische Allüren nicht einmal ihre jüdischen Inserenten und Abonnenten verlieren- Die Halberstädter Juden haben deshalb unfern Dank verdient und nicht unfern Tadel. Hochachtungsvoll Berlin, 16. August. 2L * Sehr geehrter Herr Redakteur! err Dr. Neustadt hat „vor dem Urtheil des Herrn Louis Lehmann * als Mitglied des Vorstandes der Achawa nicht die schuldige Achtung." Ueber die Achtung, die man dem Urtheil des vortrefflichen Mannes -schuldig ist, dürfte Mancher anderer Ansicht sein, jedenfalls steht fest, daß Herr L. schon seit etwa 25 Jahren nicht mehr Mitglied unseres Vorstandes ist. Die Behauptung, daß von 2000 jüdischen Lehrern keine 500 ihr Examen gemacht haben, müßte doch erst bewiesen werden. Für Süddeutschland trifft sie sicher nicht zu; hoffentlich werden bald in ganz Deutschland nur noch geprüfte Lehrer angestellt werden, dann steht die Achawa Jedem offen. Uebrigens besteht für israelitische Kantoren und Kultusbeamte ein besonderer Verein in Berlin. Daß man von der Unterstützungssumme von Mk. 140. — nicht leben kann, ist richtig, keine Pension reicht ja zum Leben aus. Einerseits soll aber die Achawa wie alle Pensionskaffen nur Ersatz für ausgefallenes Einkommen bieten, andererseits wird der Betrag von Mk. 140 doch nur an alleinstehende Personen bezahlt. Die Hälfte unserer Pensionäre erhält, wie aus dem Jahresbericht hervorgeht, viel mehr, ja in einzelnen Fällen wurden Mk. 420 bewilligt. Hochachtungsvoll _ . cm 10 ar Dr. A. Lö hren, Frankfurt a. M, 12. August. Schriftführer der „Achawa". * Sehr geehrter Herr Doktor! ($5\ uf die Angriffe meiner sehr ehrenwerthen Herren Gegner in Nr. 29 <§3 Ihrer gesch. Zeitung kann ich leider nicht so schnell und so vollständig erwiedern, als ich gerne möchte. — Der Zustand meiner Augen verbietet mir Lesen und Schreiben, verhindert mich daher auch, die