Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
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«vwRjftf1 v-, y?rr''SBKSß,’ -»^ 406 „Meine zwanzig Gulden, meine zwanzig Gulden," wiederholte sie klagend. „Wäre es nicht besser gewesen," unterstand sich Jizchak einmal zu bemerken, wenn die „Mamme" dieses Geld, anstatt cs für unsere Reise zum Zaddik auszugeben, auf Fleisch und Bier oder für den Arzt verwendet hätte?" Mirjam entsetzte sich. „Wahrscheinlich hast Du schon beim Nebbe solche Gedanken gehabt," eiferte sie, — „was Wunder, daß sein Segensspruch nicht wirken kann." — „Was ist Dir wieder durch den Kopf gefahren, Jizchak, was ist Dir?" - frug der Vater. „Nichts, aber höret auf mich, und schicket lieber um den Doktor." - So stritt er mit seinen Eltern, sagte ihnen, daß ein Arzt so viele Jahre lerne, und daß er schon manchen Menschen im Städtchen gesund gemacht habe, bis sich die Familie Graf entschloß, deil Rath des Mediziners einznholen. Nicht lange dauerte die Besichtigung, und kurz war die Antwort. Er konstatirte einen Kräfteverfall, eine allmälige Erschöpfung der Lebenssäfte und empfahl sorgfältige Pflege, Mineralwasser, Bäder ». s. w. „Suchet Gesundheit in einer guten Schüssel" — wiederholte er diesen Elende», die sich mit verdorbener Luft und angefaulten Erdäpfeln nährten. „Er hat gut rathen," bemerkte bitter lächelnd Reb Mendel. „Etwas kann doch gethan werden —" „Man muß —" Von diesem Tage angefangen ward Mirjams Geldbeutel immer dünner, sie aber hatte täglich Fleisch und Milch zum Frühstück. Doch nicht täglich trank sie es. Einmal sprang Jizchak in übergroßem Eifer von seiner Pritsche auf und reichte der stöhnenden Mutter den Topf mit Milch. Anstatt zu trinken, ivarf sie ihn zur Erde und rief voll Entrüstung: „O weh, was habe ich erlebt! Du gehst früh Morgens zur Arbeit und wäschst Dir nicht die Hände zuerst?" Für solch ein Vergehen droht der Aberglaube den Tod an, denn am Morgen ist der Mensch unrein, in seinen Händen werde» Klipes ausgeheckt, und mit der bloßen Berührung besudelt er Alles. Am sselben Tage ereignete sich ein zweites, noch bedeutenderes Unglück. Einige Milchtropfen waren unversehens unter die Töpfchen gespritzt, worin die Krankensnppe gewärmt wurde. Die Angelegenheit gelangte vor den Rabbi, und dieser erklärte nicht blos die Suppe, sondern auch alles Geschirr, das sich zur Zeit am Herde befunden hatte, für „trefe". Der Schaden war ein doppelter und für die Verhältnisse der Familie Graf äußerst empfindlich. In Jizchak kochte das Blut. „Warum dies Alles, warum?!" — grollte er im Stillen, denn diese Gottlosigkeiten, laut ausgesprochen, versetzten die Mutter in die höchste Aufregung. Ein anderes Mal war in der Nachbarschaft ein Kind gestorben nach einer halben Stunde erst hörten die Grass davon, und da die Suppe schon nach erfolgtem Tode ans Feuer gestellt worden war, mußte man Alles in den Hof ansgießen. Aehnliche Hindernisse hemmten Mirjams Genesung. Sie trank zwar keinen Wein, kein Mineralwasser, aber sie aß auch kein: „Milchiges", wenn seit dem Genüsse des „Fleischigen" nicht volle sechs Stunden verflossen waren, sie beobachtete alle Vorschriften des Gesetzes und verkümmerte; ihr Leib ward elend und schwand in dem Maße dahin, als ihre Seele dllrch „gute Thaten" wuchs und sich bereicherte. Jizchak begann den Rabbinismus zu Haffen. Theorie und Praxis hatte sich bei ihm zu einem Bunde von Negationen vereinigt, der ihn fest umfangen hielt. Er war schon ein vollständiger Skeptiker, und jetzt beschloß er, die Fesseln zu sprengen, mit welchen seine Glaubensgenossen festgekettet waren, das enge Gebäude zu stürzen und zu vernichten, in dem die Seelen seiner Brüder wohnten. xn. Das Studium weltlicher Gegenstände, einst von ihm verachtet und jetzt noch von dem ihm Nächststehenden verhöhnt und verfolgt, sollte ihm Steuer und Bussole seiner Zukunst werden. Jetzt las Jizchak bereits das gedruckte, große Alphabet. Wenn er in seinen Studien nur langsam vorwärts kam, so geschah dies wegen Mangel an Zeit und Gelegenheit zur Arbeit. Er mußte im Geheimen lernen, und hatte von keiner Seite eine Aushilfe. Jetzt blitzte ein glücklicher Einfall in ihm. Da draußen war ein heißer, schwüler Sommer, warum zwischen den vier Wänden der Betstube bleiben? Nun ging er täglich in den nahen Wald. Unter dem Arm hielt er den Talmudband, in der unergründlichen Tasche aber — seine Fibel. Es war in der zweiten Hälfte des Juni. Das Wäldchen sah zauberisch aus. Duft und Frische wehten von den Tannen und Birken. Mächtige Eichen breiteten ihre Beste und Kronen aus, den neckischen Eichhörnchen als Tummelplatz, der singenden Vogelschaar als Konzertestrade dienend. Schwärme verschiedener Mücken, kleiner Fliegen und Schmetterlinge sunimten und rauschten, im Verein mit dem Gesänge der Vögel die feierliche Waldesstille störend. Sammetweiches Moos und üppiges Gras mit Erd- und Blaubeerbüscheln besät; hier und da ein wilder Rosenstrauch, Glockenblumen, Hahnenfuß und Tausendschön, dann blutige Vogelbeeren und Nesseln; ein grüner, buntdurchwirkter Teppich bedeckte die duftathmende Erde. Auf ihr aber hüpften grasgrüne Laubfrösche, guckten breitköpfige Schwämme hervor, tumnielten sich Käfer und Armeen fleißiger Ameisen. Und drirch die dichten Laubgewinde drang silberner Sonnenschein, dieses ganze Waldesleben erhellend und mit seinen goldenen Strahlen küssend. Sanftes, geheimnißvolles Säuseln und Rauschen zog mit sonderbar träumerischer Gewalt durch die 2uft; Jizchak war noch nie im Walde gewesen. Wie all' seine Gefährten war er nicht im Stande, Korn von Weizen zu unterscheiden; von dem Studium der Botailik hatte er keinen Begriff, und da er die Natur nicht kannte, hatte er auch keinen Sinn für deren Schönheiten. Jetzt blieb er, vielleicht in Folge der sonstigen Gemüthserregung, in der er sich seit einiger Zeit befand, betäubt und ergriffen wie inmitten eines Heiligthums stehen. Dann begann er seinen Spaziergang. In Gedanken hatte er langsam seine gebückte Gestalt aufgerichtet, er athmete aus voller Brust, bald bückte er sich, um die bunte und duftende Pflanzenwelt zu bewundern, das emsige Treiben der Thierchen zu belauschen, bald hob er die Augen in die Höhe, um ein Stück blauen Himmels zu erhaschen, der sich gleich einem herrlichen Baldachin über dem Walde ausbreitete. Wie viel Neues, entzückend Schönes gab es da. So wanderte er lange umher, im Kopfe tummelten sich aber tausendfache Gedanken, veränderlich, üppig und bunt wie seine Umgebung. Plötzlich blieb er stehen.