Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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405 üblich gewesene Schreibmaterial zurückgesührt wird. Die Hebräer sollen nämlich frühzeitig schon der Thierhäute zum Daraufschreiben sich bedient haben. Diese mußten durch Abschaben erst präparirt werden, und da abschaben im arabischen „Sefer“ heißt, so soll daraus das „Sepher", wie Ziporen-Griffel von Ziporen-Nagel entstanden sein?) Irrig aber wäre es, dieses Wort von Sopher, Schreiber, herzuleiten; denn dieser wird nur deshalb also genannt, weil er sorgfältig die niedergeschriebenen Wörter der Thora abzählt?) Daß die Hebräer Thierhäute zu ihren Schriften verwendeten, erhellt am besten aus dem Umstande, daß sie wie andere alte Völker ihre Schriften rollenförmig einrichteten. Jndeß ist die Benennung „8sker" vorwiegend als eine generelle Bezeichnung für alle schriftlichen Produkte anzusehen; im engeren Sinne führt der Brief die Namen „Kethab und Michtab."* 2 3 4 * 6) Ebenso finden wir den Brief mit dem Namen „Igoret-Igarta“ bezeichnet. Wir begegne» dieser seiner Benennung zuerst im Buche Esther C. 9/26, dann zu wiederholten Malen in Esra und in Chronik II. Auch der Talmud gebraucht häufig das Wort Igeret und versteht darunter verschiedene Briefarten, wie Bekanntmachungen von Behörden, Adressen an hochgestellte Personen, Edikte u. s. w?) Was die sprachliche Bedeutung des Wortes Igerst betrifft, so ist es dem Persischen, entlehnt und bezeichnet seiner Grundbedeutung nach eine Mittheilung. Der Talmud hat für den Brief auch die Bezeichnungen Dasko und Schetar, die allerdings größtentheils bei gerichtlichen und kommerziellen Schriftstücken in Anwendung kommen. Die Schriftstücke wurden nach gehöriger Abfassung und Unterfertigung zusammengeroüt, was um so sicherer erscheint, weil die Schrift nur auf der Innenseite angebracht war und dieVölker des Alterthums für Alles nur die Rollenform gebrauchten. Dies bekundet auch eine Stelle in der Bibel. Der Prophet Ezechiel erblickt in einer Vision einen Mahn- und Klagebrief (Ezechiel 2, 10), der inwendig und auf der Rückseite beschrieben war. Es wird dies also hier als eine Ausnahme von der Regel besonders erwähnt. — Daß die alten Völker zu brieflichen Mittheilungen wie zn schriftlichen Urkunden sich der verschiedensten Materiale bedienten, ist selbstverständlich. Ihre Erfindungsgabe, so gering sie auch gewesen sein mag, ließ sie doch nach Umständen immer solches Material aufsuchen, das einerseits die Schriftzeichen leicht aufnahnl und andererseits auch möglichst dauernd erhielt. Wohl wendeten die alten Hebräer schon frühzeitig, wie es aus der heiligen Schrift ersichtlich ist, Holz und Stein als Schreibmaterial an, aderweit mehr waren bei ihnen zu diesem Zwecke Thierfelle in Gebrauch, deren sich auch die Griechen allmälig zu bedienen begannen. Bezüglich der Präparirung der Felle ist es zweifellos, daß die mit der Viehzucht sich befassenden Hebräer schon frühzeitig auf den Gedanken gekommen sein mußten, sich solche, wenn auch nur nothdürftig brauchbar zu machen; die Noth ist eben die beste Erfinderin. Die frühesteil Schreiber warendie Priester, die infolge der von ihnen dargebrachten Opfer viel mit Fellen und dein bei jedem Opfer unentbehrlichen Salz hantirten, auch leicht auf den Gedanken gekommeü sein konnten, die den Opfern abgezogenen Felle durch Salz geschmeidiger zu machen, um darauf schreiben zu können?) Der Talmud giebt in der Thüt eine ähnliche Präparation an, und zwar nicht nur für seine Zeit, wo mau das Pergament bereits kannte, sondern vermuthlich auch für eine viel frühere?) M Löw Werth. II. 114. 2) Chagiga löb u. an a. St. 3) Jesaias 38, 9; Chron. II. 21, 12; Esther 3,14; Esra 4, 7; 2, 62; Nehemia 8, 68 u. a. m. 4) Sanhedrin 82a; Jerusch. Moed Katon II. 3; Ketuboth 64a. b) Eichhorn Einl. I. 136—137. 6) Sabbath 79a. Die Menschen waren aber zu allen Zeiten bestrebt, in Allein sich die Arbeit nach Möglichkeit zu erleichtern, und so sehen wir bald Juden, Griechen und Römer, des bisherigen plumpen Schreibmaterials überdrüssig unter allen möglichen Vegetabilien Umschau halten, um sich einen anderen gefügigeren Stoff zu verschaffen. * minminruMii IMIWUUIfWI — I--a*a“- MkMMMIlllMMMMiiWMliMMMißlMWMmIIMMIMnIIIMlMMMiWiMlLD Sg Im I 1 FEUILLETON I 1 m amrwn vn, ITmUÜJrTr '-1 1-1 j-W- I- -nKiiftiriLLH.'iiSY? MnLMw-W Ber Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) XI. Mojme hatte ihm das deutsche und polnische Alphabet beigebracht und ihm um eine geringe Bezahlung eine alte, abgenützte Fibel gegeben. Dieses Buch küßte Jizchak und ging mit Begeisterung an sein Studium. Natürlich unter Beobachtung der äußersten Vorsichtsmaßregeln. Er war fest überzeugt, daß, wenn nicht Angst vor der Polizei sie zurückhielte, ihn seine Kollegen und Bekannten steinigen würden, wenn sie ihn beim Lesen eines deutschen Buches fänden. Er wußte auch wohl, daß sie keiner Entschuldigung, keiner Ueberredung zugänglich waren, hatte doch ein Jeder ein versteinertes oder vierfach verschlossenes, mit der Aufschrift: „An Dieses und Jenes darf nicht gedacht werden" versiegeltes Hirn. So mußte er sich denn nach Möglichkeit helfen. Er saß, wie es auch früher gewesen, immer abgesondert in einem Winkel der „Klaus"; auf dem geöffneten Folianten des „Schnlchair Aruch" hatte er seine gottlose Fibel liegen, er suchte deren Geheimnisse zn ergründen. Er kannte bereits das große und kleine Alphabet, als der kleine Schlojme auf's Land fuhr, um während der Ferien durch Unterricht einige Gulden zu erwerben. Wie oft mußte es Graf erleben, daß ein scheelsüchtiger- Kollege sich ihm plötzlich näherte, oder daß ein älterer Gelehrter sich au seine Seite, zu gemeinsamem Studium setzte. Wenn er es nicht verstanden hätte, ein Talmudblatt mit Blitzesschnelle zu wenden, um sein geliebtes Buch zu bedecken und dann in die unergründliche Tiefe seiner Rocktasche gleiten zu lassen, — er hätte schon längst zerbrochene Knochen davongetragen. Zu Hanse ging es mit jedem Tage schlimmer. Die entkcästete Mutter konnte sich vom Bette nicht erheben, ttn& mit ihr neigte sich die einzige Stütze der Familie zur Erde. Der Vater entschloß sich endlich zu einem anßerodentlichen Schritte; er wurde Gehilse des Hauptmelameds der talmudischen Lehre, doch trug ihm dies nur wenigem; einerseits weil der Meister selbst keine glänzenden Einkünfte ' besaß, und andererseits, weil Reb Mendel ein schwaches, apathisches -und träges Männlein war. In den Augenblicken der bittersten Noth und der entflammten Thatkraft raffte er sich zu einem Proteste gegen sein eigenes Ich aus, um dann wieder in die frühere Willenlosigkeit eines Lazzarone zurückzufallen. Mirjani beklagte sich nie über ihn, hatte sie doch nie etwas von ihm erhofft; manchmal nur machte sie ihm Vorwürfe, daß er vor Kurzem erst zu einem Wunderrabbi gereist war.