Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
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Großen recht gelungen, obwohl ich nicht im Entferntesten bezweifle, daß größere Männer die Arbeit weit bester ausgeführt hätten. In Arabien-Palästina — der Midrasch ha-gadol wurde zu uns aus Jemen gebracht — ist unser Midrasch entschieden heimathsberechtigt. Aber auch im Westen Deutschlands und in Frankreich (und in Italien) war er seit dem 11. Jahrhundert bekannt. Der Erste, der ihn zitirt, ist Nathan den Jechiel, der Verfaster des Arukh, ein Römer, der zu deutsch-französischen Gelehrten Beziehungen hatte; näheres bei Brüll I. e. Daß ihn Maimonides kannte und stark benutzte, sei nochmals hervorgehoben, ebenso wie die Brüll unbekannt gewesene Stelle im neu edirten Machsor Bitry von Rabbi Simchah, einem Schüler Raschi's. In dieser Ausgabe heißt es S. 246 fl.: „Einen noch kräftigeren Beweis hörte ich im Namen des Gaons R. Jehudah ben R. Abraham s. A., die im „Sifr« in zweiter Rezension" — d. i. die sonst noch übliche Bezeichnung für den Sifrö sutta — fand . . ." Das betreffende Citat befindet sich auch bei Aschen, Tosephot und R. Jizchak Or sarucU), fehlt aber im Midrasch ha-gadol. Vielleicht führt uns eine richtige Fährte oder ein glücklicher Zufall zum Sifrä sutta selber. Zur Geschichte des Briefes. Von Albert Katz. I. uch der Brief hat seine Geschichte! Die Frage, wenn wir einen Brief sinnend betrachten, wie war es mit ihm in grauer Vorzeit bestellt? erscheint wohl im ersten Moment als unwichtig, bei näherer Betrachtung aber hat sie ihre volle Berechtigung. Nicht etwa nur deswegen erscheint uns diese Frage interessant, weil sie uns an Alles, was zum Schreiben eines Brieses erforderlich ist, erinnert, sondern und hauptsächlich darum, weil sie uns zwingt, an seine Entstehungsgeschichte, seine Entwickelung und seine kulturelle Bedeutung zu denken, wie nicht minder an all die Mittel, deren seine Erfinder sich bedient haben. Sind für den modernen Menschen Schreiben und Sprechen zwei engverwandte Begriffe, so muß es für ihn von großem Interesse sein zu erfahre», wie, worauf und womit die Alten geschrieben, welche Völker sich zuerst des Briefes bedient haben und wann er seine gegenwärtige Form angenommen hat. Herr Oberrabbiner Dr. Spitzer in Essek hat sich der Aufgabe unterzogen, eine Geschichte des Briefes zu schreiben, und wir wollen es hier gleich bekennen, daß er sich mit seinem Buche: „Der Brief bei den alten Völkern, namentlich Hebräern, Römern und Griechen" (Verlag von Viktor Fritsche, Essek, 1893) ein nicht zu unterschätzendes Verdienst um die Wiffenschaft im Allgemeinen erworben hat. „Der Brief ist," wie der Verfaster in seinem Vorwort richtig bemerkt, „das Präservativmittel gegen alle die Menschen trennenden Sprachen. Diese sind wie Berge, welche zwischen Land und Land, ja oft schon zwischen Ort und Ort Grenzen ziehen, der Brief dagegen ist der Strom, der Orte und Länder verbindet." Hat der Brief selbst in unserem mit Phonograph und Telephon gesegneten Zeitalter sein Prioritätsrecht als Mittheilnngsinittel nicht eingebüßt, von welcher i) Soeben lese ich im Juli-Heft der englischen Quartalschrift „Jewish Quaterly Review“ einen Aufsatz des Cambridger Gelehrten S. Schechter, in welchem aus einem Handschriftenkomplex .Fragmente ok tbe 8if>e zuta“, die ich natürlich für meine Edition verwerthen werde, veröffentlicht werden. Wichtigkeit muß er erst in jener Zeit gewesen sein, ivelche die feurigen Vermittler des neunzehnten Jahrhunderts nicht kannten! Doch nicht blos die Entstehungsgeschichte des Briefes, nicht blos sein Inhalt und seine Form kommen hier in Betracht, sondern auch die Art seiner Beförderung, die Otto Runk im „Berliner Sonntagsblatt" (Jahrgang 1878 Nr. 9) sehr treffend mit folgenden Worten zeichnet: „Eine Armee von zwanzigtausend tapfern Männern ist zu der großen Aufgabe berufen, fünfzigtausend Gemeinden der schreiblustigen Deutschen deir Brief zu bringe«:. Es giebt zweierlei Briefträger: gemeine und vornehme, Lohn- «>nd Würdenträger. Dienstmann und Dienstniagd sind die gemeinen, Botschafter und Gesandte sind die vornehmen Briefträger." Seiner ethymologischen Abstammung nach bedeutet Brief — aus dem lateinischen örevis entstanden — eine kurzgefaßte vertrauliche Zuschrift, während unter Schreiben ein umfangreiches, formvollendetes Schriftstück zu verstehen ist. Wie die Sprache als ein Instinkt des menschlichen Geistes bezeichnet wird, ebenso ist die Schreibkunst eil« Geistesprodukt der menschlichen Spekulation, deren Erfindung allerdings tief unter dem Schutte des Alterthuins begraben liegt. Nach dem natürlichen Gange der Dinge muß die Bilderschrift eine Vorläuferin der Buchstabenschrift gewesen sein. Rohe Figurenzeichnlingen stellten Begebenheiten dar; dann kürzte man wahrscheinlich die Figuren theilweise ab und behielt auch einige bei. So entstand die Hieroglyphenschrift, deren sich die Simsen noch heute bedienen und welche bei den Aegyptern bis gegen die Zeiten der persischen Herrschaft im Gebrauch waren. Aus der Hieroglyphenschrift entwickelte sich nach und nach die Silbenschrift, «vie sie Aethiopier und Mandäer besitzen, und a««s dieser ging die Buchstabenschrift hervor, wie wir sie jetzt kennen. Wie alt aber die Erfindung der Buchstabenschrift auch ist, ihr Ursprung ist zweifellos bei semitischen Stäinmen zu suchen. Die Phönizier besaßen sie am frühesten, und von ihnen ging sie zu den Hebräern übe«/). Darum sprachen auch die jüdischen Urkunden nicht zvon der Schrifterfindung, während die andern Völker ihrer besondere Erwähnung thun. Man findet im jüdischen Schriftthum auch nirgends die Vermuthung oder den Glauben ausgesprochen, daß die Schrift eine überirdische Gabe wäre. Während die Aegypter sie ihrem Gott Thot zuschreiben und diesen darum auf Denkmälern mit den Emblemen der Schreibkunst darstellen, während die Griechen den Hermes und die Römer den Merkurius als deren Urheber bezeichnen * 2), findet man an vielen Stellen der heiligen Schrift den Gebrauch der Buchstabenschrift angeführt, als einen allgemein bekannten vorausgesetzt. Freilich will die rabbinische Litteratur -die Schrifterfindung hyperbolisch auf eine Himmelsspende zurücksühren, woran selbst spätere Gelehrte nicht rütteln wollen b), indeß darf uns dies nicht abhalten, der Behauptllng vieler nichtjüdischen Gelehrten uns anzuschließen, „daß die Phönizier die Erfinder der Schrift waren und daß von ihnen die nomadisirenden Hebräer sie übernommen hatte««." Ist soinit der frühzeitige Schriftgebrauch bei den Hebräern sichergestellt, so liegt die Annahme nahe, daß auch außer der heiligen Urklinde Mittheilenswerthes uiedergeschrieben wurde und somit der Brief schon frühzeitig gebräuchlich war. Zuerst tritt er in der Bibel unter dem Namen „Sepher" auf/) welche Bezeichnung auf das älteste, bei den Hebräern Plinius Hist. nat. VII. 5f. Niebuhr Reise II, 294. 2) Uhlemann, Handbuch der ägyptischen Alterthumskunde IV, 265. Aboth 5, 6; Malm, zu Aboth 5, 6. *) 4. 591.5, 23; 5.591 24, 1-3; Samuel II. 11, 14; Könige I. 21, 8. Jesaias 3«, l n. a. v. a. St.