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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-24 · Heft 34 (24.8.1894) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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400 sicht erfordern solche Kolonien, in welchen Knaben und Mädchen vereinigt sind. Solche Kolonien sollen niemals ohne Führer Ausflüge machen, auch nicht einmal in Begleitung ihrer Pflegeeltern. Ebensowenig sollten die betreffenden Pflegeeltern dulden, daß die Knaben und Mädchen einander Besuche machen, wenn die Pflegeeltern nicht zugegen sind. Der minder peinliche und freiere Verkehr der Schüler beider Geschlechter, wie er in Großstädten geduldet wird, darf in unseren Kleinstädten keinen Eingang finden, denn er ist die Quelle vieler Streitigkeiten, Unzuträglichkeiten und des Unfriedens in der Kolonie selbst und in den Familien der Pflegeelter». — Ist es möglich, dann mache der Führer meist mit den Kolonisten allein oder höchstens noch mit seinen eigenen Schülern Ausflüge. Sogenannte Ferienbesnche, welche sich während der Sommerferien in unser» kleinen Städten aufhalten, seien es Schüler oder Erwachsene, sind außerordentlich störend bei den Ausflügen der Kolonie, weil der Führer weder das Recht noch die Pflicht hat, für das Wohlverhalten dieser fremden Elemente zu sorgen. — Zum Schluffe dieser Erörterungen will ich noch einen peinlichen, aber sehr wichtigen Punkt zur Sprache bringen. Unsere Glaubensgenossen wiffen wohl im Haffe, nicht aber in der Liebe Maß zu halten. Es herrscht ein edler Wetteifer im Wohlthun, ganz besonders bei den Pflegern unserer „Ferien-Kolonisten". Manche dieser Kolonisten sind schon zwei oder dreimal in Kolonien gewesen, sie sind von jeder Kolonie mit schwererem Gepäck heimgekehrt, als hingekomme». So kommt es denn, daß sie stutzig werden, wenn sie einmal in eine Familie kommen, welche nach Revision der Koffer ihrer Kolonisten es nicht für nöthig hält, Fußbekleidung, Wäsche oder Kleidung zu „spenden". Und was ist die Folge? Die Eltern unserer Kolonisten, welche zmn größten Theil ja aus ärmeren Kreisen sind, füllen die Koffer ihrer Kinder nur mit den in der „Anweisung" des Komitees vorgeschriebenen a lle r n o thw en d i gste n Kleidungsstücken, Wäsche und Fußbekleidung, und diese Gegenstände sind nicht immer in der untadeligsten Verfassung. Daher müßte eine gewiffenhafte Revision jedes Kolonistenkoffers am Sammelplätze der aussendenden Orte der Abreise vorangehen. Jeder Kolonist soll nicht nur die vorgeschriebene Garderobe vorzeigen, er soll sie auch in gutem Zustande besitzen; für Knaben zwei paar Stiefel, zwei Anzüge und vier Hemden, nebst ebensoviel Strümpfen und Kragen oder Chemisettes, eine Mütze und einen Hut oder zwei Mützen bezw. zwei Hüte; für Mädchen drei Kleider, entsprechende Fußbekleidung und Leibwäsche nebst Hüten. Wir müffen eben nicht schon unser» Kindern die Gesinnung einimpfen, daß sie Alles von anderer Seite zu erwarten haben, wenn sie möglichst ärmlich erscheinen; wir müffen sie ferner zur Genügsamkeit und Bescheidenheit erziehen, zur frühzeitigen Erkenntniß der Wahrheit, daß unser Wollen mit unserm Können stets gleichen Schritt halten muß und daß nur derjenige Besitz uns die größte Freude bereitet, den wir oder unsere Angehörigen durch eigene Arbeit erworben haben! — Nur dann wird das schöne Werk unserer Ferien-Kolonien gedeihen und die rastlose Arbeit der edlen Männer, welche an der Spitze derselben stehen, belohnt werden und tausendfältige Frucht tragen. Nur der innige Wunsch, daß dem so sein möge, hat mich veranlaßt, diese meine „Erfahrungen" dem Urtheile der Oeffentlichkeit zu unterbreiten! ' Die Juden in den russischen Osiseeprovinzen. fie Ostseeprovinzen Rußlands sind, wie in Allem, so namentlich auch in Bezug auf die soziale und geistige Stellung der dortigen Juden einem großen Theile des deutschen Publikums eine terra iaevAnita, aus welcher nur sehr selten hier und da eine Nachricht in die deutsche Leserwelt dringt. Das ist eine Thatsache, die um so befremdender erscheint, .wenn man bedenkt, daß jene Provinzen von jeher in ihrer ganzen Entwickelung auf dem Boden abendländischer Kultur und als Vorposten europäischer Civilisation in Rußland eine Hochburg des Deutjchthums bildeten, welches bis vor ganz kurzer Zeit noch in der Schule, in der Verwaltung und im Gericht offiziell gepflegt wurde. Aber obgleich an Deutschland grenzend und mit diesem durch gemeinsame geistige Bande verknüpft, sind die baltischen Lande doch, dank der strengen Grenzsperre, vom Deutschen Reiche dermaßen getrennt, daß der Verkehr von dort hierher sich auf ein Minimum beschränkt, und außerdem hegt man aber in Deutschland selbst eine gewisse Animosität gegen alles Russische, eine Animosität, die sich bei sehr Vielen sogar auf die geographischen und ethnographischei: Verhältnisse des Nachbarreiches erstreckt. So wenig nun die eigentliche Intelligenz der Ostseeprovinzen eine russische ist, ebenso wenig sind die dortigen Juden ihrer Erziehung und Bildung nach Ruffen, ein Umstand, welcher nicht ein Mal der jüdischen Bevölkerung von der slavophilen Presse in ihren Russifizirungsbestrebungen zum Vorwurf gemacht wurde. Dieses Hinneigen der Juden zum Deutschthum wird aber begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß eine milde, humane Verwaltung, welche sich zum größten Theil aus dem örtlichen deutschen Adel zusammensetzte, uienials in jenen Provinzen, nainentlich in Kurland, die für Juden bestehenden Sonderbestimmungen und Einschränkungen mit jener im übrigen Rußland gehandhabten Strenge zur Ausführung brachte, so daß Kurland selbst in letzter Zeit von der Ausweisung der vielen nicht Heimathberechtigten, mit geringen Ausnahmen, fast verschont blieb, und während im letzten Jahrzehnt an vielen Orten Rußlands die Luft vom Jammer- und Wehegeschrei beraubter und ausgeplünderter Juden erzitterte, blieben unsere Glaubensgenoffen hier, dank dem höheren Bildungsgrade der Gesammtbevölkerung, unberührt von solchem bösen Geschicke, so wenig auch in jenen Landen der Antisemitismus geleugnet werden kann. Diese verhältnißmäßige Ruhe, in welcher die Juden der Ostsceprovinzen dahinlebten, zeitigte aber zum Theil auch eine Erscheinung, welche ihnen wenig zur Ehre gereicht, das ist der Jndifferentismus allen jüdischen Freien gegenüber. Die Gründe dafür liegen einerseits darin, daß die dortigen Inden vom Schicksal bewahrt wurden, durch derbe Faustschläge an ihr Judenthum erinnert zu werden, anderseits sind sie aber vornehmlich in der Erziehung zu suchen,- welche sich hier fast durchweg in zweierlei Weise vollzieht: entweder in der christlichen Schule bei gänzlicher Vernachlässigung jedes jüdischen Interesses, oder hinter dem Talmudfolianten bei Hintansetzung des allgeineinen Wissens. Während nun bei Jenen naturgemäß ein vollständiges Erkalten in Betreff alles Jüdischen eintritt, betrachten diese jeden christlichen Schulbesuch, jede Gymnasialbildung eo ipso als Abfall vom Gott der Väter und eifern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen diese Erziehung. Die Mitte zwischen beiden Kategorien bildet denn ein halbgebildeter, oder mit den notwendigsten Kenntniffen versehener Kaufmannsstand, der sich in ein gänzlich ungebildetes Trödlerthum oder einen univiffenden Handwerkerstand abzweigt. — Der Mangel an einem systematisch geordneten jüdischen iNflÜ

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