Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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für die JMoaktt. Wer ttn& da der gesundheitliche Zweck außer acht fffaffm. Wir ffnden Kolonien an Orten, die nicht einmal Gelegenheit bieten, im Freien, d. h. also im See oder Flusse zu baden, andere Stationen haben nicht die nothwendige ozonreiche Waldluft, noch andere sind erst nach einer höchst anstrengenden Eisenbahn- und anschließender Wagenfahrt zu erreichen, wieder andere haben erst in beträchtlicher Entfernung von der Station Wald und Wasser. Die Schuld an der unzweckmäßigen Auswahl trifft natürlich nicht die Komiteemitgtieder der Ferien-Kolonien, sondern die Korrespondenten derselben in diesen Stationen. Wenn der Lehrer, Kantor oder sonstige Führer, in gutgemeintem Lokalpatriotismus dem Komitee schwärmerische Schilderungen von seinem Aufenthaltsorte macht, dann muß natürlich das Komitee, dem die Versorgung so vieler bedürftiger Kolonisten am Herzen liegt, die Mittheilungen seiner Korrespondenten auf Treu und Glanbeil hinnehmen. Kommen die Kolonisten nun an ihrem Bestimmungsort an, so finden sie allerdings die reichlichste und schmackhafteste Kost und das beste Obdach, aber das ist auch Alles. Stärkung der Athmungsorgane im frischen, grünen Wald, Abhärtung des Leibes durch tägliche See- oder Flußbäder, Frische und Fröhlichkeit des Gemüthes auf staubfreien Spaziergängen werden die Bleichgesichter der Großstädte aber oft vergebens suchen. Zur Vermeidung der unzweckmäßigen Auswahl erlaube ich mir daher folgenden Vorschlag. Die bisher besetzten Stationen werden ebenso wie die neu angebotenen nach folgenden Gesichtspunkten in solche erster und zweiter Ordnung getheilt. Das Komitee legt seinen Korrespondenten in den Stationen — klimatische und Seebäder scheiden hier selbstverständlich aus — folgende Fragen vor: 1. Haben Sie Eisenbahnanschluß oder nicht? 2. Wenn ja, wie lange dauert die Reise von Berlin, bezw. Stettin, Breslau, Posen nach Ihrem Orte? 3. Wenn nicht, wie lange dauert die Wagenfahrt von der Eisenbahnstation bis zu Ihrem Orte? 4. Haben Sie Bade- Gelegenheit am Orte? (See- oder Flußbad?) 5. Wenn nicht, wie weit ist der Weg bis zur nächsten Badegelegenheit? 6. Haben Sie größere oder kleinere Wälder in der nächsten Umgebung? 7. Wenn nicht, wie weit ist der Weg bis zum nächsten Walde? 8. Sind Fabriken an Ihrem Orte? 9. Wie viele und welcher Art sind dieselben? 10. Ist Ihr Ort schon, und wann, von Epidemien heimgesucht worden? Nach dem Ausfall der eingehenden Antworten werden zu den Stationen erster Ordnung gehören: Orte, welche von der aussendenden Großstadt, mit direktem Eisenbahnanschluffe, in höchstens sechs Stunden zurrreichen sind, weil eine länger dauernde Eisenbahnfahrt unmöglich schwächlichen Kindern zuzumuthen ist. Eiite anschließende Wagensahrt nach solchen Orten, die keinen Anschluß haben, darf höchstens 1 bis 1% Stunde dauern, doch soll auch dann die Eisenbahn- und Wagenfahrt zusammen nicht länger als sechs Stunden dauern. In diesen Orten erster Ordnung muß ferner Badegelegenheit am Orte selbst oder in einer Entfernung von höchstens 20 Minuten vorhanden sein. Diese Orte müffen ferner in allernächster Nähe oder in einer Entfernung von allerhö chsteils einer Stlinde Wälder haben. Es dürfen sich nicht allzuviel, niemals aber chemische Fabriken an diesen Orten befinden, und endlich müffen die Orte erster Ordnung bis dahin epidemieenfrei gewesen sein. — In diese Orte müffen vor Allem die schwächlichen Kinder gesandt werden, und erst dann, wen» diese Orte besetzt oder nicht angeboten werden, sind die Orte zweiter Ordnung, in welchen also obige. Bedingungen nicht erfüllt werden, zu belegen. Wenn auch der Hauptzweck der Ferien-Kolonien ein gesundheitlicher ist, so darf doch nicht der erziehliche Zweck außer Acht gelassen werden. Denn jeder Erzieher weiß, wie ein einziges räudiges Schaf die ganze Heerde anstecken kann, und daß es dann kein Vergnügen mehr für den Führer der Kolonie ist, eine solche Gesellschaft in Zaum zu halten. Unser „gutes jüdisches Herz" geht lins sehr oft mit dem prüfenden Verstände durch, und so kommt es, daß nicht immer die .-würdigsten" Kinder, sondern meist die „bedürftigsten" in die Kolonien geschickt werden. Freilich müffen kranke Kinder unter allen Umständen allen aildereu vorgezogen werden und in die Kinderhospize der Ost- oder Nordsee bezw. in die kliinatischen Kurorte im Riesengedirge u. s. w. geschickt werden, um Heilung zu finden. Wir haben indeß, wie bereits oben bemerkt, bei unfern Betrachtungen solche Orte, also Kolonien in besonderen Kurorten, ausgeschlossen. Wenn uns also hier keine Wahl bleibt, so ist es doch möglich, strenge Auswahl zu treffen, wenn wir schlecht genährte, nervöse, abgespannte „Bleichgesichter", die sonst aber gesund sind, in die Erholungsorte der Provinz schicken. Hier müßte das Komitee der Residenz, bezw. der Provinzialhauptstädte strenge Musterung halten und die letzten Schulzeugnisse, besonders die sogenannte Sittenzensur, welche Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ordnungsliebe, Beschaffenheit der Bücher und Hefte umfaßt, gewissenhaft prüfen und dann nur die würdigsten und bedürftigsten in die Kolonien senden. Geschieht dies nicht und kommen dann unter zehn Kolonisten zwei bis drei ungesittete Kinder mit, dann erwächst nicht nur dieser Einzelkolonie sondern dem ganzen Werke der Kolonien unberechenbarer Schaden. Der betreffende Führer, welcher in seiner Gemeinde nach wochenlangen Berathungen, Vorstellungen und Bitten, Reden und Versammlungen endlich die zehn besten Familien gefunden hat, welche sich bereit erklärt haben, die Mühe, Verantwortung und Kosten einer vierwöchentlichen Pflege und Wartung fremder Kinder zu übernehmen, erwartet selbstverständlich wohlgesittete, gehorsame und willige Kinder zu erhalten; daffelbe erwarten die Pflegeeltern, welche meist doch zur „Intelligenz" der Gemeinde gehören und fast immer selber wohlerzogene eigene Kinder haben. Welchen deprimirende» Eindruck macht es aber, wenn nun zwei oder drei räudige Schafe in gesittete Familien kommen, die Kinder des Hauses und die übrigen Kolonisten zu Ungezogenheiten verleiten, gewiffe Speisen und Getränke nicht genießen, das Taschengeld, das ihnen die Pflegeeltern geben, leichtfertig vergeuden, bei Ausflügen der Kolonie dem Führer durch ihre Zügellosigkeit und Unverträglichkeit Aerger bereiten, unpünktlich zu den regelmäßigen Mahlzeiten erscheinen und dergleichen mehr Unannehmlichkeiten verursachen? Freilich inspizirt der Führer täglich die Kolonisten, erkundigt sich bei den Pflegeeltern nach dem Wohlverhalten der Pflegebefohlenen, erfährt von Ungehörigkeiten, warnt, rügt, straft, schließt den Einen oder Andern, als äußerstes Strafmittel, ein- oder zweimal von den Ausflügen aus, aber was hilft das? Der Aerger ist einmal da, die Kolonisten müffen vier Wochen geduldet werden, und — es wird dem Führer schwer, im nächsten Jahre wieder so viel bereitwillige Familien zu finden, und ihm selbst wird die Lust vergehen, sich der Bürde und Würde der Aufsicht noch einmal zu unterziehen, — denn daß eine sachgemäße und verständige Aufsicht selbst bei wohlgesitteten Kindern nothwendig ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Wir können doch unmöglich den Pflegeeltern, welche durch ihren Beruf den ganzen Tag in Anspruch genommen sind, zumuthen, diese, fremden Kinder, welchen sie nahrhafte Kost, ßutes Obdach und körperliche Pflege angedeihen lassen, noch etwa beim Baden zu beaufsichtigen, mit ihnen spazieren zu gehen oder gar ihre etwaigen Ferienarbeiten zu überwachen! — Also auch die Möglichkeit, die Kolonisten durch einen pädagogisch gebildeten Führer beaufsichtigen zu laffen, ist ein nothwendiges Erforderniß bei der Auswahl der Erholungsorte. — Eine besonders gewissenhafte Auf-