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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-24 · Heft 34 (24.8.1894) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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l- WM 398 Nie Woche. f Berlin, 21. August. ie lang ersehnte, viel begehrte und doch nie errungene Einigkeit aller antisemitischen Richtungen in Deutschland, die sich bisher wüthend befehdet haben, sollen nun doch zur Wahrheit werden. Der „Täglichen Rundschau" zur Folge, die es ja freilich wiffen muß, haben private Vorbesprechungen zwischen Führern der Reformpartei und der deutsch-sozialen Antisemiten stattgefunden und zu dem Ergebniß geführt, daß zunächst den Parteivorständen und Vertrauensmännern der genannten Richtungen ein Entwurf zur Vorberathung unterbreitet werden soll. In einer spätestens Anfang Oktober einzuberufenden gemeinsamen Sitzung soll dann ein endgiltiger Beschluß gefaßt werden. Es sei begründete Aussicht vorhanden, daß die Antisemiten in der nächsten Tagung des Reichstages ihre Thätigkeit als Fraktion einer „deutsch-sozialen Reformpartei" beginnen. Bisher war im'Reichstage eine antisemitische „deutsche Reformpartei" vertreten, der elf Mitglieder und ein Hospitant zugehörten. Die Abgeordneten Ahlwardt, König, LeuA Liebermann v. Sonnenberg gehörten keiner Fraktion an. Anscheinend soll auch Ahlwardt in die neue Partei aufgeuommen werdem Charakteristisch für die neue Partei ist in dem Communique der gewundene Schlußsatz, dessen einfacher Sinn aber der ist, daß man sich auch im bürgerlichen Leben diejenigen, neben welche man sich setzen müste, nicht auswählen könne. Angenehme Mitbürger! * Für unsere Auffassung der Verhältnisse in Oesterreich in Bezug auf die Entwickelung des Antisemitisinus in diesem Lande ist eine Korrespondenz der V. Z. aus Wie» vom 15. August sehr interesiant. In derselben heißt es: „Sehr bezeichnend für das geradezu lawinenhafte Anschwellen der sogenannten christlich-sozialen (katholisch-antisemitischen) Richtung ist in der dem Blatte der letzteren, der neubegründeten „Reichspost", soeben erstattete Vorschlag, eine christlich-soziale Arbeiterzeitung zu gründen. In der letzten Zeit sind in Wien nicht weniger als vier antisemitische Zeitungen aufgetaucht, die alle ihren Leserkreis haben. Die letzgegründete „Reichspost" überbietet an sogenannter Schärfe der Tonart alles bisher Dagewesene. So roh und nackt wurde der Judenhaß noch nicht gepredigt, wie in diesem Blatte Aber neben viel Rohheit und Geschmacklosigkeit ist auch eine Portion Witz und Kritik zu finden, und diese Schreibweise wirkt auf die weiteren Volksschichten, die in Oesterreich sonst an Denkfaulheit leiden. In einem ähnlichen Tone soll wahrscheinlich auch die geplante christlich-soziale Arbeiterzeitung abgefaßt sein, welche die Bestimmung hat, der sozialistischen Presse Konkurrenz zu bereiten Hierin wird sie wohl einen schweren Standpunkt haben. Aber immer schrankenloser ergießt fich die antisemitische Agitation über Stadt und Land, während die liberale Partei fich behaglich streckt im Schatten vorläufiger Sicherheit, und doch vollziehen sich auch außer dem unheimlichen Erstarken der antiliberalen Parteien Dinge, welche vor » einem süßen Nichtsthun warnen sollten." Erfahrungen aus den Ferien-Kolonien. Von Hermann Becker. nt großer Freude hat sicherlich jeder Leser und jede Leserin dieser Zeitung die Mittheilungen über die Ferien-Kolonien jüdischer Kinder ausgenommen. Denn wenn trotz aller Anfeindungen unserer Glaubensgemeinschaft, trotz der versuchten und leider auch hier und da ausgeführten gesellschaftlichen und geschäftlichen Aechtung so viele unserer Glaubensgenossen sich nicht an der Ausübung der echt jüdischen Wohlthätigkeit hindern lassen, wenn sie trotz des ihnen aufgebürdeten Verzweiflungskampfes um die eigene Existenz dennoch nicht der Fürsorge für die „Aermsten" vergessen, dann muß jedem Juden das Herz höher schlagen in dem erhabenen Bewußtsein, daß „nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels". Von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich die Leser die ilachstehenden Erfahrungen, welche ich mit meiner Ferien-Kolonie gemacht habe, und welche wohl überall fast dieselben sein werden, beurtheilen zu wollen. Schon der Umstand, daß diese Kolonien in der Provinz bisher den meisten Anklang und die thatkräftigste Förderung gefunden haben, ist eine der wohlthätigsten Folgen der antisemitischen Bewegung. Die Provinz Posen ist eines der neuesten Schlachtfelder der „Ahlwardt- Genossen"; hier, wie nirgends, geschieht jede Handlung unserer Glaubensgenosse», jeder Schritt, in Folge der Kleinheit der Städte, so zu sagen, vor der breitesten Oeffentlichkeit. Leider bestehen ja auch hier in vielen kleinen Städten seit kurzer Zeit antisemitische Vereine, welche dafür sorgen, daß alle möglichen und unmöglichen Verleumdungen und Lügen über und von den Juden in die Oeffentlichkeit kommen. Daß also auch die Anwesenheit der Ferien-Kolonisten nicht lange verborgen bleiben kann, ist selbstverständlich; dafür sorgt ja auch schon der Führer der Kolonie, wenn er täglich mit seiner kleinen Schaar durch Wald und Feld schweift. Man frägt, erhält Antwort, bringt eine Mittheilung in das Lokal- oder Kreisblatt, und „die Juden" sind wieder einmal Gesprächsthema geworden. Aber wie wird jetzt von ihnen, wenn auch nur für kurze Zeit, gesprochen? Zuerst möchte man die Thatsache, daß eine Anzahl jüdischer Familien, jener berüchtigten „Ausbeuter", „Gauner", „Wucherer" und wie die schmückenden Beiwörter alle heißen, durch volle vier Wochen armen und kranken oder doch der Fürsorge bedürftigen Kindern, kräftige Kost, gesunde Wohnung, oft auch Kleidung, vor Allem aber liebevolle Pflege ohne jedes Entgeld zu Theil werden lassen, todtschweigen. Nur widerwillig kann man endlich sich dieser Thatsache nicht verschließen und sich dem Eindruck dieser „echt menschlichen" Liebe, wie sich gegenüber dem Schreiber dieses ein höherer Schulaufsichtsbeamter äußerte, entziehen. Noch tiefer aber wird der Eindruck, wenn die Herren erfahren, daß nicht allein diese zehn, sondern achthundert arme jüdische Kinder auf demselben Wege Genesung, Kräftigung und Heilung finden, daß in Posen, Breslau, Stettin, vor Allem aber in Berlin eine Anzahl wohlthätiger Männer und Frauen, an deren Spitze Herr Adolph Mayer steht, durch unermüdliche Sammlungen, durch eigene reichliche Beiträge und durch selbstlose, mühevolle Arbeit die Mittel zur Reise dieser Kinder oder. die Knrkosten, welche der Aufenthalt kranker Kinder in Seebädern und klimatischen Kurorten erfordert, aufgebracht haben. Auch der .eingefleischteste Antiseqiit kann in dieser „praktischen Menschenliebe" keine selbstsüchtigen Gründe finden. Wer also an der Sache der Ferien-Kolonien thätigen Antheil nimmt und sie besonders in kleineren Gemeinden zu verbreiten sucht, hat demnach der allgemeinen Sache, der Abwehr des Antisemitismus gedient und praktisch „die Wahrheit über die Juden" unter das Volk gebracht. Daß wir neben diesem allgemeinen Zweck der Ferien-Kolonien den besondern Zweck derselben nicht vergessen dürfen, also nicht allein um die gute Meinung unserer Gegner zu erwerben, sondern um „unfern Kindern zu leben", diese Kolonien ins Leben gerufen haben, ist selbstverständlich. Und zur Erfüllung dieses eigentlichen Zweckes gestatte ich mir folgende unnmßgeblichen Vorschläge zu machen. Unsere Ferien-Kolonien haben einen doppelten Zweck, nämlich einen gesundheitlichen und einen erziehlichen. Wenn es auch allgemein bekannt ist, welche Mittel zur Erreichung des gesnndheitlichen Zweckes nothwendig sind, so wird dennoch bei der Auswahl der Stationen

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