Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228074--51051-3273893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 12. August. Soeben ist der erste Jahresbericht der israelitisch-theologischen Lehranstalt für das Schuljahr 1893/94, erstattet vom Kuratorium, erschienen Der in vielen Beziehungen interessante Bericht giebt zunächst eine Uebersichi der Entstehungsgeschichte dieser Anstalt. Durchdrungen von der hohen Bedeutung einer israelitischtheologischen Lehranstalt, hat Herr Wilhelm Ritter von Gutmann am 27. März 1891 eine Anzahl hervorragender Männer zu einer Berathung über die Gründung einer solchen Anstalt eingeladen. In dieser Versammlung wurde sofort der Beschluß gefaßt, in Wien eine israelitischtheologische Lehranstalt ins Leben zu rufen und an die hohe Regierung mit der Bitte um Genehmigung derselben unverzüglich heranzutreten. Zugleich erklärten sich die anwesenden Herren Wilhelm und David Ritter von Gutmann, sowie Herr Baron Moriz Königswarter bereit, für diesen Zweck den. Betrag von je 50,000 Gulden zu zeichnen. Diesen Spenden folgten später: Herr Baron Albert Rothschild mit 100,000 Gulden, Herr Salo Cohn mit 5000 Gulden, Herr Moritz Karpeles mit 5000 Gulden, Herr Baron Gustav Springer mit 5000 Gulden, Herr Philipp Thorsch mit 3000 Gulden, Herr Sigmund Reitzes mit 2000 Gulden und Herr Heinrich Benies mit 600 Gulden. Der Eingabe, an die Regierung haben sich die Wiener israelitische Kultusgemeinde, die Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft, der Vorstand der Prager und der Lemberger Kultusgemeinde, das mährische Landesrabbinat, sowie mehrere hervorragende Männer unserer Gemeinde angeschlossen. Die genannten Körperschaften erklärten sich gleichzeitig bereit, die zu gründende Anstalt zu subventioniren, und zwar die Wiener Kultusgemeinde mit 4000 Gulden, die Prager Kultusgemeinde mit 650 Gulden, die Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft mit 630 Gulden, die Lemberger Kultusgemeinde mit 500 Gulden, später auch der mährische Landesmassafond mit 1000 Gulden pro Anno. In der Sitzung des vorbereitenden Komitee vom 12. Mai 1892 wurde Stadt- und Konferenz- Rabbiner von Karlsruhe, Dr. Schwarz, zum Rektor der Anstalt berufen. Mit Erlaß der hohen Statthalterei ddo. 9. Februar 1893, Z. 4595, wurde die Bildung eines Vereins zur Errichtung und Erhaltung einer israelitisch-theologischen Lehranstalt zur Kenntniß genommen und die Statuten desselben genehmigt. Auf Grund dieses Statuts hat sich der Verein konstituirt und wurden die Mitglieder des Kuratoriums berufen. Dieses bestellte Professor Dr. D. H. Müller, den Lehrer der orientalischen Sprachen an der hiesigen Universität, zum Professor für die hebräische Sprache und die verwandten Idiome, sowie für die biblische Archäologie, Dr. Adolf Büchler zum Professor für jüdische Geschichte und Exegese, und zum Professor für Talmud, Bibel und hebräische Grammatik an der Vorbildungsschule, und Dr. Saul R. Landau zum Dozenten für die polnische Sprache. Ueber Vorschlag des Professorenkollegiums wurden später (14. April 1694) Herr M. Friedmann, Lektor am Beth-Hamidrasch, zum Lektor für Midrasch und Herr Emil Fuhrmann zum Dozenten für die tschechische Sprache berufen und der Beschluß gefaßt, für das kommende Studienjahr eine Lehrkanzel für deutsche Sprache zu spstemisiren. Am 16. Mai 1893 erhielt das Kuratorium die erfreuliche Mittheilung, daß Seine Majestät mit a. h. Entschließung vom 1. November 1892 der zu gründenden Anstalt die Zuweisung einer staatlichen Subvention im Betrage von 5000 Gulden pro Anno zu genehmigen geruhte, und daß der Minister für Kultus und Unterricht laut Erlasses vom 25. April 1893, Z. 5470, die Errichtung einer israelitisch-theologischen Lehranstalt mit Zugrundelegung des vom Kuratorium überreichten Organisationsstatutes bewilligt habe. Nun stand der Eröffnung der Anstalt nichts mehr im Wege und erfolgte dieselbe am 15. Oktober 1893. Am 14. November 1893 starb der Präses des Kuratoriums, Baron Moriz Königswarter, und am 7. Januar 1894 wurde Herr Wilhelm Ritter von Gutmann zum Präsidenten gewählt. Da nicht alle Höver der Anstalt mit den nöthigen Mitteln zu ihrer selbstständigen Erhaltung ausgerüstet sind, mußte das Kuratorium bedacht sein, solche Hörer durch anderweitige Unterstützungen der Sorge um die nothwendigsten Lebensbedürfnisse zu überheben, sollen dieselben nicht allzuviel Zeit dem Erwerb durch Privatunterricht und dergleichen zu opfern bemüßigt sein; für diesen Zweck wurde in das Budget pro 1894 der Betrag von 4000 Gulden eingestellt. Am 29. Oktober spendete ferner Herr Wilhelm Ritter von Gutmann im Namen seines Sohnes Berthold den Betrag von 16,000 Gulden mit der Bestimmung, daß dessen Zinsen als Stipendien für Hörer der Lehranstalt zu vertheilen sind, und im Januar 1894 wurde aus dem von dem verstorbenen Herrn Moriz Freiherrn von Königswarter für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke testirten Legate die Anstalt mit dem Betrage von 10,000 Gulden bedacht, mit dem Wunsche, daß dessen Zinsen an dem jeweiligen Todestage des Erblassers an zwei Hörer der Anstalt zur Vertheilung gelangen mögen. Außerdem verpflichtete sich Herr Wilhelm Ritter von Gutmann für denselben Zweck zu einem jährlichen Beitrage von 500 Gulden und die Herren Dr. Ludwig, Max, Moriz und Rudolf Ritter von Gutmann zu Jahresbeiträgen von je 100 Gulden. Anfang Januar dieses Jahres wurde ein Kursus für Religionslehrer der Kultusgemeinde errichtet, in welchem diesen Gelegenheit geboten werden soll, ihre Kenntnisse in den hebräischen Disziplinen zu vervollkommnen; dieser Kursus wird von 32 Religionslehrern besucht. Diesem Berichte geht voraus eine sehr bedeutende Abhandlung von Professor Dr. D. H. Müller, „Ezechiel- Studien " Möge die Anstalt auch ferner sich in gleich segensreicher Blüthe entwickeln! L. Budapest, 5. August. Während aus der unmittelbaren Umgebung des Fürfiprimas in Betreff der Rezeption der Israeliten die Ueberzeugung zum Durchbruche gelangt, daß „die israelitischen Mitbürger mit schuldigem Danke und mit schicklicher Bescheidenheit die jetzige Situation zur Kenntniß nehmen und sich nicht noch weiter ausdehnen werden", trachtet die Regierung, schon heute dem Rezeptionsgesetze, ehe es noch die allerhöchste Sanktion erhielt, Geltung zu verschaffen. Der Minister Hieronymi, der Siebenbürgen bereiste, empfing in den einzelnen Städten, welche er berührte, auch die Abordnungen der jüdischen Gemeinden als Vertreter der jüdischen Konfession und wurden diese auf seine direkte Anordnung mit den Vertretern anderer Konfessionen zugleich empfangen. — Peinliches Aufsehen erregt es, daß der in Miskolcz gewählte Prediger Martin Büchler die einstimmig erfolgte Wahl mit der Begründung zurückwies, daß er in einer Gemeinde nicht wirken wolle, wo kein Friede herrscht und das Verkünden des Gotteswortes in ungarischer Sprache, — wenn auch nur von den orthodoxen Elementen, die in großer Minorität sind — als Sünde betrachtet wird. — Bemerkenswerth ist es auch, daß in Rosnyo der Rabbiner Lemberger an der Spitze einer Bewegung steht, welche sich zur Aufgabe macht, daß der Beschluß des Vorstandes, nach welchem das Gebet für den König in ungarischer Sprache gesprochen werde, annulirt werde. — Rabbiner Moses Bloch feiert im Laufe dieses Jahres seinen achtzigsten Geburtstag, an welchem ihm seine Freunde und Verehrer große Ovationen zu bereiten beabsichtigen. — In Szenicz, wo die Antisemiten aus dem Verschwinden eines Mädchens Kapital schlugen, hat sich die Aufregung gelegt, nachdem die Mörder des Mädchens — es ist überflüssig zu bemerken, daß es keine Juden sind — ermittelt und verhaftet wurden •gg Lemberg, 14. August. Anläßlich der Lanvesausstellung ist hier ein allgemeiner Gewerbetag einberufen worden, welcher drei Tage dauern wird. Auf der Tagesordnung stehen sehr wichtige, für den Kleingewerbestand brennende Fragen. Es haben sich natürlich die Wiener Antisemiten als Theilnehmer dieses Tages angemeldet und sie sind bereits unter der Führung des Mechanikers Schneider mittelst Separatzuges nach Galizien abgereist. Die leitenden Persönlichkeiten der Landesausstellung haben jedoch die geheimen Absichten des Herrn Mechanikers sofort erkannt. Im Namen der Stadt begrüßte Bürgermeister Mochnacki die Anwesenden mit einer Ansprache, in welcher er die Gewerbetreibenden und Handwerker der ganzen Monarchie auf einem Boden und an einem Orte willkommen hieß, wo jede Nationalität und jede Konfession einer aufrichtigen und wahren Gleichberechtigung stets theilhaftig geworden seien und auch stets theilhaftig werden würden. Die Arrangeure des Gewerbetages haben beschlossen, daß auf dem Gewerbetage keine antisemitische Hetzrede zugelassen werde! Schweiz. g. Zürich, 6. August. Im Laufe dieses Semesters sind zehn Vorträge wissenschaftlichen Inhalts in unserem Verein jüdischer Studirender abgehalten worden. Alle diese Vorträge wurden regelmäßig von einem zahlreichen Publikum besucht und haben Beifall gefunden. Mit Freuden können wir schon für das nächste Semester, was mit Mitte Oktober beginnen wird, neun Vorträge als gemeldet anzeigen, und