Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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--i 4 -- hoffen, daß im Laufe des Semesters die Zahl noch wachsen wird. Unter den verschiedenen Vorträgen des vorigen Semesters zeichnete sich aus der eines Fräulein B. Ostersetzer 3tud med.: „Ein Ueberblick über die soziale Stellung der Frau in der Geschichte". Das Thema war sehr sinnreich behandelt und die dann anknüpfende Diskussion sehr lehrreich. Griechenland. t) Korfu, 12. August. Am 8. d. M. explodirte in dem hiesigen Judenviertel eine Bombe und tödtete sieben Personen, während sechs andere tödtlich verwundet wurden. Vor drei Jahren verlor nämlich eine bei Korfu manöorirende Panzerfregatleeine Granate von großen Dimensionen Fischer fanden sie und verkauften sie als altes Eisen an einen Schmied im Ghetto. Dieser bearbeitete die Granate mit dem Hammer, wobei sie plötzlich mit schrecklichem Getöse explodirte. Der Trödler und weitere sieben Personen wurden in Stücke zerrissen, sechs vorübergehende schwer verletzt. Amerika. New-Iork, 31 Juli. Kampf im Gotteshause! Aufgelöst hat sich die Gemeinde B'nai Jakob in Pasfaie, N. I., feindlich stehen sich die Mitglieder gegenüber, vor dem Altar schlugen sie in fanatischer Wuth am Sabbath aufeinander los. Und alles das einer — Tabakspfeife wegen! Die B'nai Jakob-Gemeinde besteht aus orthodoxen, größtentheils aus Rußland hier eingewanderten Inden, die sich in Dundee, einer Vorstadt Paffaies, angesiedelt haben. Charles Lewi, ein Kleiderhändler, war Präsident der Gemeinde, Louis Gutmann, ein Hotelbesitzer, Vize-Präsident Es ist Gutmann, dessen freireligiöse Ansichten bezüglich des Rauchens einer Tabakspfeife am Samstag den Aufruhr in der Synagoge hervorriefen. Gerade wollte Gutmann am Sabbath den versammelten Gläubigen ein Stück aus dem Alten Testament lesen und trat vor den Altar, als Bernhardt Cohen sich erhob und, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, rief: „Er ist ein Sünder!... Feuer hat er angesteckt am Schabbes die Schrift!... Laßt ihn nicht lesen am Tage der Gläubigen!" Im Nu war Alles auf den Füßen. Wie die Rasenden stürzten die Gläubigen auf Gutmann zu, ein heftiger Kampf entspann sich, laut kreischten die Frauen vor Angst, Gutmann wurde niedergeschlagen, seine Freunde flohen. Vorbei war es mit dem Frieden der Synagoge! Noch am Samstag wurden Bernhardt Cohen, Gutmann, Louis Lewi u. m. A. verhaftet und als „Aufruhrstifter" dem Verhöre überwiesen. Die Großgeschworenen werden über den Fall zu entscheiden haben! Afrika. tt Tanger, 20. Juli. Aus Fes wird aus zuverlässiger Quelle folgendes symptomatische Geschichtchen berichtet Der in Fes sich befindliche ältere Bruder des Sultans Muley Aman ließ einige israelitische Goldarbeiter zu sich rufen und befahl ihnen, ihm ein kaiserliches Siegel anfertigen zu wollen. Die Israeliten entfernten fich unter Versprechungen, diesem Aufträge Nachkommen zu wollen, innerlich jedoch bestürzt ob dieser schwer zu erfüllenden Mission. In ihrer Bestürzung wendeten sie sich an einen ihnen gewogenen Sheriff, von dem sie, das Vorgefallene mittheilend, einen Rath erbaten. Dieser verbot ihnen, das Siegel anzufertigen, und um sie vor Repressalien seitens des unbefugten Prätendenten zu schützen, behielt er sie in seinem Hause zurück. Ein Sheriff wird in Marokko als ein Heiliger und von Mohammed abstammend betrachtet, und nicht einmal der Sultan hat eine Macht über ihn. Der neue Sultan wird nicht umhin können, den Israeliten für diese ihre patriotische Haltung seinen Dank zu zollen. Non Nnh und Fern. — Der Bankier Julius Bleichröder in Berlin erhielt den Kronenorden vierter Klasse. — Der Antisemitismus scheint jetzt auch in Sportkreifen Blasen zu treiben. Dem Vernehmen nach hat der Vorsitzende des Berliner Jachtklubs Professor Aß mann und mit ihm der bisherige Vorstand das Amt niedergelegtweil die Mitglieder des Jachtklubs zweimal die Aufnahme eines Juden abgelehnt haben. — Wie die „Köln. Volksztg." meldet, ist der Herausgeber des „Antis. General-Anzeigers," Sedlatzek, aus der Abtheilung Ost des Berliner Verbandes Deutsch-sozialer Antisemiten einstimmig ausgeschlossen worden. Warum? — Wie die „Burschenschaftl. Blätter" schreiben, befindet sich kein einziger aktiver Jude jetzt in den Burschenschaften — Ende Juli feierten in aller Stille Herr Fabrikbesitzer Moritz Braun in Ra witsch und seine Gemahlin inmitten ihrer Familie zu Bad Neinerz das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Neben vielen anderen Glückwunschbezeugungen, die das Jubelpaar empfangen, wurde dem Jubilar von der Nawitscher Synagogengemeinde, deren langjähriges Vorstandsmitglied er ist, eine prachtvoll ausgestattete Adresse überreicht; ähnliche Ovationen wurden ihm von dem Kranken- und Beerdigungsverein dargebracht, dessen humanitäre Bestrebungen in dem Gefeierten einen eifrigen Förderer gefunden haben. - In P odsamtsche, Kreis Kempen, ist die dortige Simultanschule im Einverständniß der betheiligten Organe aufgelöst und in konfessionelle Schulen verwandelt worden. Die jüdischen Schulgemeinde-Mitglieder haben sich mit den evangelischen vereinigt und werden die gegenwärtig zehn schulpflichtigen jüdischen Kinder daselbst fortan die neu zu gründende evangelische Schule besuchen. — In Briefen sollte die erste jüdische Schulklasse mit der ersten evangelischen vereinigt werden. Das bezweckte ein Antrag, welcher der gemeinschaftlichen Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten vorlag. Die Versammlung lehnte den Antrag jedoch ab. - Aus Duisdorf berichtet man der „Franks. Ztg." Dort versuchten jüdische Herren in einer antisemitischen Versammlung zum Wort zu kommen, wurden aber unter Insulten daran gehindert. Bei der Heimkehr bewarf man sie mit Steinen, nachdem vorher besonnene Bürger die Bedrohten geschützt hatten. Ein Israelit, seines Berufes Setzer, der auch der Versammlung beigewohnt, wurde auf dem Heimwege überfallen und durch einen Messerstich erheblich verletzt. — In der Delegirtenversammlung der Ritter des eisernen Kreuzes in Karlsruhe befand sich auch die mit dem eisernen Kreuze geschmückte ehemalige Krankenschwester Amalia Maier Levy aus Zrankfurt a.M.— Baron Hirsch hatte gegen den Güterdirektor August Ruß, den Kasstrer Ernst Schank und mehrere andere Beamten seines Besitzes in St. Johann a. d. March die Klage erhoben, daß ihn die Genannten durch eine Reihe von Jahren um den Betrag von mehr als hunderttausend Gulden betrogen haben, indem sie die Belege fälschten und fingirte Ausgaben verbuchten. — Sylvain Beer wurde zum ersten Adjunkten des Maire von Sarrebourg; M. Emile Wolf, der Kultusvorsteher von Lixheim, zum Maire seiner Gemeinde gewählt. — Der „Woschod" schätzt die Zahl der durch die neuerlichen Ausweisungen aus Rußland nach dem Ansiedlungsrayon betroffenen Juden auf mindestens 200,000. Welche Summe von Elend! — Zum Vize-Direktor des Departements für die Angelegenheiten fremder Konfessionen in Rußland ist Staatsrath Albedinskij ernannt worden. Da dieses Departement in Rußland nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht eine bedeutende Rolle spielt, so ist die erfolgte Ernennung nicht ohne allgemeines Interesse. Albedinskij gilt als ein gebildeter uitfc aufgeklärter Mann. Er war ein intimer Freund des kürzlich verstorbenen Direktors dieses Departements, Fürsten Kantakuzen-Speranskij, der den Ruf eines toleranten Mannes genoß. Es steht deshalb zu erwarten, daß das Departement für die Angelegenheiten fremder Konfessionen unter der Leitung Albedinskij's in religiösen Fragen eine tolerante Politik betreiben werde. — In voriger Woche wurde eine Volksküche in Jerusalem eröffnet und damit einem seit Jahren tief gefühlten Bedürfnisse abgeholfen. Am ersten Tage wurden 283, am zweiten Tage 502, am dritten Tage bereits 657 Speisemarken verkauft — Der Gouverneur von Jerusalem hat der hohen Pforte mitgetheilt, daß beim „Jd-Simun" (Simonsfest) in Mirun circa 40,000 jüdische Pilger aus Palästina, Syrien, Arabien, Mesopotamien, Persien, Indien und Centralasten versammelt waren, um am Grabe Simon bar Jochai ihre Andacht zu verrichten. Eine solche gutbesuchte Wallfahrt hat schon seit Menschengedenken nicht stattgefunden. Die Pilger verweilten volle sechsunddreißig Stunden an diesem Grabe, dessen Umgebung von Tausenden von Zelten bedeckt war. — Das Departement füröffentliche Bauten hat die Ausbesserung der alten salomonischen Wasserleitung in Jerusalem ungeordnet. Die Leitung führt das Wasser von den Quellen bei Arrul nach der Stadt. Es soll ein 3750 Meter langer Tunnel gebaut werden und die Kosten werden auf Lstr. 80,000 veranschlagt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.