Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228074--51050-3273892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 als Reflex der Gottesliebe die Nächstenliebe gebiete. Als ein Denkmal - dieser Lehre der Gottes- und Nächstenliebe sei die Anstalt errichtet worden, •< die bekanntlich den Zweck verfolge, jenen doppelt Unglücklichen, die im - Kampfe ums Dasein mit der schweren Sorge ums tägliche Brod und; zugleich mit einem schleichenden Uebel behaftet sind, unentgeltlich als Heil-" stätte zu dienen. Ganz besonders segensreich aber wirke die Anstalt für die Jugend, indem sie seit bereits zwanzig Jahren mitten in jener mäch- ' Ligen Bewegung unserer Zeit stehe, die ihre Sorge darauf richte, das ' zehrende, schleichende Uebel schon im jugendlichen Keime zu ersticken und schwächliche, kränkelnde Kinder der Armuth zu einem gesunden lebens- - kräftigen Geschlecht zu erziehen. Am Schlüsse brachte der Redner den * Dank an alle Mitarbeiter, Wvhlthäter und Mithelfer zum Ausdrucke,? proklamirte die seit dem letzten Stistungsfeste neu gewonnenen immerwährenden Mitglieder und Stiftungen und hielt einen warmen Nachruf auf den am 20. März d. I. zu Berlin verstorbenen Kommerzienrath ' Jakob Israel, den er als einen der größten Wvhlthäter des Hauses feierte. Mit Gebet für die Mitglieder des Hauses, für König, Behörden und Vaterland, und endlich mit einer Todtenfeier für die verstorbenen Wvhlthäter der Anstalt, schloß die Herz und Geist erhebende Feier, die i sichtlich auf sämmtliche Theilnehmer ergreifend wirkte. < J. S. Gumbinnen, 8. August. Am 2. d. Mts. feierte unser ver- ' ehrter Prediger, Herr Moritz Scherbel, sein 25 jähriges Amts» jubiläum, das der Gemeinde Veranlassung gab, ihre Verehrung und^ Liebe in schönster Weise zum Ausdruck zu bringen. Schon am frühen Morgen stellten sich die Gratulanten ein. Im Namen der Gemeinde i erschienen die Vorstandsmitglieder Herr L. Löwensohn und Herr Palley ' und überreichten nach einer warmen Ansprache ein paar kostbare silberne ' Leuchter mit einer bezüglichen Widmung. Der Jubilar dankte in aus-; führlicher, zu Herzen gehender Weise, worauf Herr Prediger Weinberg } aus Insterburg im Namen des ostpreußischen Synagogen-Verbandes und - der Schulinspektion ein Glückwunschschreiben überreichte. Telegramme und Zuschriften liefen in reicher Fülle ein und bewiesen, welcher Ver- ' ehrung der Jubilar sich nicht nur in der Gemeinde und in seiner Heimathprovinz erfreut, sondern durch seine schriftstellerische Thätigkeit auch in weiteren Kreisen Deutschlands erworben hat. a. Lissa (Prov. Posen), 10. August. Am 31. Juli d. I. feierte der. Lehrer Herr Rackwitz mit seiner Ehegattin das seltene Fest der goldenen ■ Hochzeit. Dem Jubelpaare, das sich Hierselbst in allen Schichten der Bevölkerung der ungetheiltesten Hochachtung erfreut, sind am bezeichneten Tage verschiedene Ehrenbezeugungen zu Theil geworden. Um 11 Uhr. Vormittags überreichte Herr Rabbiner Dr. Bäck mit einem huldvollen! Glückwunsch-Schreiben aus dem Kaiserlichen Kabinet die den Jubilaren von Seiner Majestät verliehene Ehejubiläums-Medaille. Die städtischen Behörden entsandten die Herren Oberbürgermeister Herrmann und Stadtrath Schubert zur Beglückwünschung. Eine Deputation der Synagogen- und Schulgemeinde überbrachte einen Pokal mit entsprechender Widmung. Blumenspenden und viele andere Aufmerksamkeiten liefen von den Schülern und Schülerinnen des Jubelbräutigams ein. Die Zahl der Depeschen und schriftlichen Glückwünsche war eine überaus große. —' Wir haben für das durch Frömmigkeit und beispiellose Uneigennützigkeit gleich ausgezeichnete Jubelpaar den Wunsch, daß ihm ein langer, freundlicher Lebensabend beschieden seist möge. Kp. Aus der Provinz Posen, im August. Der Vorstand und das Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde zu Rogasen haben beschlossen, die dortige Synagoge, welche sich in einem .. sehr desolaten Zustande befindet, renoviren zu lassen; es sollen ungefähr.^ 7500 Mark dafür verwendet werden. Diese Baukosten sollen zum Theil . aus dem Bestände der Korporationskasse, theils durch Aufnahme eines - Dahrlehns gedeckt werden. Zur Baukommisflon wurden Mitglieder des.. Repräsentantenkollegiums, bestehend aus den Herren Leßler, Zerenze, . Jtzig, Goldberg und Lißner gewählt. Da die königliche Regierung zu Posen die Ausgabe bestätigt hat, so ist die Renovirung bereits in Angriff genommen worden. — Am 1. August er. verschied im Alter von 82 Jahren in Borek der dortige Gemeinderabbiner Herr Joseph, Labaszynski. Seit mehr als 30 Jahren war der Verstorbene als; Seelsorger daselbst thätig. Seine Pflichttreue und aufopfernde Hingabe an seinen Beruf, seine wahrhafte, mit religiöser Duldsamkeit vereinte, Frömmigkeit, sowie die Milde und Versöhnlichkeit seines Charakters. erwarben und erhielten ihm die Liebe aller Gemeinde-Mitglieder und sichern ihm ein bleibendes Andenken in seiner Gemeinde. — Dem israelitischen Jungfrauen-Berein zu Pleschen ist die Genehmigung ertheilt worden, im Oktober d. I. zu wohlthätigen Zwecken eine Berloosung von kleineren Gegenständen bis zu dem Umfange von 400 Loosen zum Preise von je 50 Pf. zu veranstalten. Der Vertrieb der Loose muß jedoch auf die Stadt und Polizeidistrikte Pleschen I und II beschränkt bleiben. — Der vor einiger Zeit in Kempen verstorbene Herr Henry Schaps hat durch nachbenannte Stiftungen ein dankbares Andenken sich erworben: Der israelitischen Waisenanstalt in jener Stadt wurden aus dem Nachlasse des Sch. 30,000 Mark übergeben, von deren Zinsen israelitische Waisen aus Kempen unterhalten werden sollen. Ferner ist die Stadt selbst mit 15,000 Mark und ebenso auch die israelitische Korporationsgemeinde mit 15,000 Mark mit der Maßgabe bedacht worden, daß alljährlich am Sterbetage des Herrn Schaps die Zinsen der beiden Kapitalien an die dortigen Stadtarmen vertheilt werden sollen. Auch sollen die Erträge seiner Villa, Möbel nebst Garten nach dem Ableben seiner Geschwister ebenfalls an die Armen der Stadt zur Vertheilung kommen. — Am 31. Juli entschlief das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde zu Neutomischel, Herr Joseph Gutkind, im Alter von 57 Jahren. Der Verstorbene hat über 25 Jahre in jener Gemeinde als Repräsentant und Vorstandsmitglied voll Pflichttreue seine Dienste geleistet und sich durch die Biederkeit seines Charakters ein ehrendes Andenken bewahrt. 0a. Aus Oberschlesien, 7. August. Die in Berlin geplante neue antisemitische Tageszeitung suchtauch in Ratibor und den übrigen oberschlesischen Städten und Dörfern Propaganda zu machen. Die katholische „Oberschlestsche Volkszeitung" bemerkt hierzu folgende anerkennenswerthe Worte: „Hinaus mit diesen Prospekten und Abonnementseinladungen, die zu halben Dutzenden in jedem Kouvert in zahlreiche Häuser geschickt wurden. Ein wahrer Katholik kann niemals Antisemit sein, denn Christus hat als das höchste Gebot genannt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! und der Nächste ist auch der Jude. Förderung ihres Unternehmens erwarten die Berliner Herren sonderbarer Weise in erster Linie von den Herren Lehrern, von denen Viele zu 15 bis 20 Bestellzettel zur Unterbringung mit dem Hinweise erhalten haben, daß der Hauptredakteur (ohne Zweifel Ahlwardt) aus dem Volksschullehrerstand hervorgegangen sei. Die katholischen Lehrer Oberschlesiens lachen über den Spaß, den die Berliner Judenfresser-mit dem katholischen Oberschlesien versuchen." Das neue antisemitische Blatt nennt sich „Volksrundschau" und will eine Tageszeitung für den deutschen Mittelstand sein. Als Kuriosum sei noch hinzugefügt, daß die Herren Dr. Friedrich Lange und Dr. Paul Hempel, welche an der Spitze dieses Unternehmens stehen, sich mit ihrer gedruckten Bitte um Werktätige Unterstützung auch an jüdische Staatsbürger wenden! Man steht, die Herren sind beim Geschäft sehr vorurtheilslos, wenn man nicht etwa annimmt, daß sie sehr — naiv sind. — Gestern Nachmittag wurde unter überaus zahlreicher Betheiligung der Gastwirth Moritz Großmann aus Bismarckhütte auf dem israelitischen Friedhofe zu Königs- Hütte zur letzten Ruhe bestattet. Ein großer Theil der Bismarckhütter Hüttenbeamten gab dem Verstorbenen das letzte Geleit. Herr Großmann war Besitzer des Hüttengasthauses zu Bismarckhütte und erfreute sich der größten Achtung und Liebe. 3g Hannover, 15. August. Die antisemitische „Hann. Post" hatte in einem Artikel mit der Ueberschrist: „Die Heiligkeit des Eides und der jüdische Versöhnungstag" die größten Schmähungen gegen das Judenthum gerichtet. Von verschiedenen jüdischen Einwohnern der Stadt Hannover war deshalb Klage erhoben worden, aber seitens der Staatsanwaltschaft in Hannover erging ein ablehnender Bescheid. Sie hatte Ermittelungen anstellen lassen, ob der Talmud als eine Quelle der jüdischen Glaubenslehre anzusehen sei, „durch die vernommenen Sachverständigen hierüber aber kein klares Bild erhalten!" Es müsse daher zu Gunsten des Beschuldigten dessen Dolus verneint werden. — Gegen diesen Bescheid wurde Beschwerde eingelegt, in welcher hervorgehoben wurde, daß in dem angezeigten Artikel der Talmud grade als jüdische Glaubenslehre bezeichnet sei, daß der Angriff sich aber auch gegen das Kolnidre-Gebet richte, also zweifellos gegen eine Einrichtung der jüdischen Religions-Gesellschaft. Darauf erhielten die betreffenden Herren den Bescheid des Oberstaatsanwalts Laue in Celle, daß er den Ersten Staatsanwalt in Hannover ersucht habe, die öffentliche Klage gegen den Beschuldigten zu erheben!